TV-Serie "Rom" Toll trieben es die alten Römerinnen

Nicht dass Sie jetzt denken, im alten Rom wäre alles Sex und Dekadenz gewesen: In der Serie "Rom", die RTL 2 jetzt sommersonntags ausstrahlt, lernt man unter Garantie mehr über Politik als beim Kanzlerfrühstück.

Von Willi Winkler

"Besonders lernt die Weiber führen", empfiehlt der Meister, "es ist ihr Weh und Ach/So tausendfach/Aus Einem Punkte zu kuriren." Aber so frauenfeindlich konnte nur Goethe sein, im alten Rom sind es die Weiber, die, wie sonst nur beim Tanzen, die Kunst des Führens und damit die Männer beherrschen. Frau Atia zum Beispiel schickt dem Sieger von Gallien einen Schimmel entgegen, aber es soll Caesar vor allem Freude am Überbringer des Gauls haben, an ihrem etwas bisexualisierten Sohn Octavius (Max Pirkis), den so ein kampfmüder Triumphator beim kommenden Marsch auf Rom bestimmt nicht von der Bettkante stoßen wird.

Die Ehrentribüne anlässlich Caesars Triumphzug: (v.li.) Calpurnia (Haydn Gwynne), Marc Anton (James Purefoy), Julius Caesar (Ciarán Hinds), Atia (Polly Walker) und Octavia (Kerry Condon).

(Foto: Foto: HBO)

Als Octavius nach etlichen Scharmützeln, aber sonst unversehrt zurückkehrt, fragt ihn Frau Atia (Polly Walker) nur zart nach dem, was er im cäsarischen Feldbett erlitten haben mag, aber eigentlich will sie's gar nicht wissen. Caesar ist der kommende Mann in Rom, da ist jedes Mittel recht und da wird auch der eigene Sohn prostituiert. Da nimmt sie, wenn der durchgeschwitzte Pferdehändler nicht zur Hand ist, gern auch den umtriebigen Mark Anton mit ins Bett und stöhnt ein Duett mit ihm zusammen, das ihre dauerdepressive Tochter zu einer leicht ahistorischen Harry und Sally-Reminiszenz nötigt.

Aber nicht dass Sie jetzt denken, im alten Rom wäre alles Sex und Dekadenz gewesen: In der zwölfteiligen amerikanisch-britischen Serie "Rom", die RTL 2 jetzt sommersonntags ausstrahlt, lernt man unter Garantie mehr über Politik als beim Kanzlerfrühstück. Selbst Alice Schwarzer dürfte zufrieden sein, weil endlich die Rolle der Frau in der Weltgeschichte zur Sprache und vor allem zum Bild kommt.

Atias Gegenspielerin heißt Servilia (Lindsay Duncan) und ist die hauptamtliche Geliebte des heimgekehrten Caesar, der sie aber gut seehoferisch verstößt, als sein weiterer Aufstieg durch die schlechte Presse gefährdet scheint. Ach, was bleibt der verlassnen Servilia (merkwürdig voremanzipierter Name übrigens) da denn anderes übrig, als sich erst an der Konkurrentin zu rächen und dann ihren Sohn Brutus zum Caesar-Mörder auszubilden?

Das mag historisch richtiger Krampf sein, es ist aber gut und vor allem wahr. Gallien wird nicht lang in drei Regionen unterteilt, sondern besteht aus "Blut, Schweiß und Schlamm". Die Gallier, die gelegentlich auftauchen, sind reine Comic-Figuren und sogar noch zotteliger als bei Asterix und Obelix, aber schließlich haben sie die historisch so wichtige Aufgabe, sich Caesar zu unterwerfen.

Römischer Faschismus

Was hätten wir noch? Eine etwas mühsam Rahmenhandlung, in der das Schicksal zweier Legionäre verfolgt wird, die nach der Entlassung aus Caesars Heer die üblichen Schwierigkeiten mit dem Zivilleben haben. Der eine falliert als Händler, den anderen fressen dann doch Skrupel an, als er als gedungener Mörder auf den trotz täglicher Nachfrage etwas überbesetzten Markt im römischen Unter- und Mittelgrund drängt. Der Händler heißt Lucius Vorenus (Kevin McKidd) und ist ein rechter Tölpel, weil er glaubt, dass das Kind, mit dem ihn seine Frau nach acht Jahren Kriegsdienst empfängt, sein Enkel sei.

Dieses dunkle Geheimnis wabert durch die Folgen, sorgt für Mord und Totschlag, auch für ein bisschen Folter, bringt den Veteranen wieder an die Seite seines alten Feldherrn Caesar und erhebt ihn - aber so geht Politik! - zum Magistrat seines Viertels. Auch diese kleine Karriere wird mit Geld gebahnt, und starke Jungs im Hintergrund sorgen dafür, dass Gegner rechtzeitig ausgeschaltet werden.

Soviele Realien sind selten im Fernsehen. Unter den Grauköpfen im Senat ragt Cicero heraus, wetterwendisch und maulheldisch wie nur je ein Möllemann gotthabihnselig, ängstlich auf seinen Vorteil bedacht und den anderen immer grade die eine Nasenlänge voraus, die es braucht, um die neueste Stimmung zu erwittern. Da wollte sich einer der Serienautoren wahrscheinlich an seinem Gymnasiallehrer rächen, der ihm mit der "goldenen Latinität" des aufrechten Republikaners in den Ohren gelegen hatte.

Dieses Rom wird realistisch als faschistischer Staat gezeigt, den Soldaten und ihren Anführern ausgeliefert, eine Korruptionsdiktatur und nicht ganz das, was wir einmal in der Schule geglaubt haben. Die Frauen kommen zu ihrem Recht, und sie wissen, dass die Männer aus einem Punkte zu kurieren sind, nämlich bei der Macht. Auch hinter Caesars Ermordung stecken weibliche Umtriebe und Machenschaften. Das wusste unsereins zwar bisher nicht, aber gut, wenn es der Bilderfindung dient und so plastisch anzusehen ist wie hier: Warum nicht.

Vorfahren der Verzweiflung

Dieses schnöde Rom ist mit etlichen Preisen ausgezeichnet worden, aber nicht unbedingt ein Begleitwerk für die gymnasiale Unterstufe, eher ein Auffrischungskurs für all jene, die im Glauben an die hehre republikanische Tradition der römischen Republik aufgewachsen sind. Caesar kam, nach heutigen Begriffen, als Milliardär aus Gallien zurück und kaufte sich das letzte Stadium seiner politischen Laufbahn. Er bestach Senatoren, Opferbeschauer und vor allem das Volk von Rom, dem gelegentlich sogar der Aufenthalt im Badehaus und der Gang zum Barbier bezahlt wurde. Wer sich nicht bestechen ließ, wurde eben umgebracht oder verbannt. Am Ende sollte die Königskrone stehen, weil Caesar sein gewalttätiges Regime nur als Monarch hätte verstetigen können. Deshalb wird er - soviel kann man heute schon verraten - in der letzten Folge umgebracht.

Lange wird der Zuschauer nach dem Ende dieser ersten Staffel nicht darben müssen, denn längst ist eine zweite gedreht, in der das Morden und Bestechen, das Finassieren und Gaunern und vermutlich auch die immer lustig anzusehenden Weiberränke weitergehen werden. Octavius hat vom Zuschauen genug gelernt, um sich zu Caesars Nachfolger aufzuwerfen und mit dem windigen Mark Anton um das Erbe des Diktators zu kämpfen. Am Ende siegt er, erhält zum Dank für sein jahrzehntelanges Kriegführen den Ehrentitel Augustus und wird seine Aufgabe darin sehen, Sex und Dekadenz in Rom zu bekämpfen, also die Korruption zu vermehren. Es bleibt demnach blutig und dabei so lehrreich, wie es die Sepia-Filmchen der ZDF-History-Historiker nie sein könnten.

Nicht ohne Grund kommt neben dem Wort auch der Begriff Faschismus aus dieser heiligen römischen Republik. Im Fernsehen wird's deutlich, dass dieses Rom eine gemähte Wiese für Lichtbildner der Verherrlichungsklasse ist. Gar manches Mal sind die Reihen so dicht und geschlossen, flattern die Fahnen hinter den Feldzeichen so steif, dass es nur mehr ein kleiner Schritt zu Leni Riefenstahls Huldigungsfilmen für den geliebten Führer ist. Da darf man die Hand des "Zen-Faschisten" John Milius (Conan, der Barbar) vermuten, der bei Produktion und Drehbuch mitgewirkt hat.

Dieses Rom geizt nicht mit Schauwerten, die Frisuren der Intriganzien allein dürften ein Viertel des Produktionsetats verschlungen haben, und dann wird, damit auch die moderne Zuschauerin in all dem blutigen Krakeel etwas Bildung mit nach Hause tragen kann, getratscht und getrickst wie auf einer hundsgewöhnlichen Dinner-Party.

Nur manchmal geht's mit der Vergegenwärtigen schief, etwa wenn im Presseheft gar zu tief in den Hausschatz überlieferter Redensarten gegriffen wird und dabei "O tempores! O mores!" herauskommt. Dafür steht darunter eine mit dem Stichschwert bewaffnete, recht brustbetonte Römerin zweifellos lauterster Latinität in Riemchensandalen in einer primärfarbenen Blutlache. Aber bitte, warum nicht, oder wie der verstorbene Walter Boehlich manchmal sagte: Mundus vult Schundus.

Fazit: Wenn schon verzweifelte Hausfrauen, dann nicht in der amerikanischen Vorstadt, sondern ganz klassisch im alten Rom.

"Rom", RTL 2, Sonntag, 20.15 Uhr