TV: Scripted Reality:Bier mit der Hochhausschlampe

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"Mitten im Leben" aber, das vor der Ergänzung durch die beiden Nachfolgesendungen nur zwölf Prozent Marktanteil erzielt hatte, war das Einfallstor, das die Fiktionalität brachte, die "Scripted Reality". Anfang März stand auch dort erstmals im Nachspann zu lesen, es handele sich um frei erfundene Personen.

Der Erfolg war überwältigend. Die Folgen "Teeniemutter hat Ärger mit dem Jugendamt", "LKW-Fahrer zweifelt an seiner Vaterschaft", "Tunesischer Vater will mit Tochter zurück" und "Zweifacher Mutter droht Zwangsräumung" sorgten für Quoten zwischen 18 und 21 Prozent. Urplötzlich war das zeitgleich laufende We are Family abgehängt. Mit diesem Format hatte Pro Sieben seit Juli 2005 das Feld dominiert.

Die neuen Platzhirsche am Nachmittag tragen Episodentitel, mit denen RTL keine Fragen offen lässt: "Hochhausschlampe steht unter Mordverdacht", "Mann lebt zusammen mit Ehefrau und deren Lover" oder "Unzufriedene Mutter ist megaaggressiv". Wer Tag um Tag diesen inszenierten Geschichten beiwohnt, der kennt Mütter nur im Zustand der Überforderung, Väter nur als schlaffe Waschlappen oder muffige Schläger, Jugendliche nur als Rowdies. Fast ausnahmslos ist der Dreh- und Handlungsort Berlin oder eine nordrhein-westfälische Großstadt, die Figuren sind allesamt in einem subproletarischen Milieu beheimatet. Hartz IV und Vorstrafenregister sind fast der Normalfall, Piercings und Tattoo Pflicht.

Als wär's ein Stück aus dem Leben

Ergo taugt die erfundene Verdichtung als Indikator für Realität. Eine permanent ausgestellte Aggressivität wirkt glaubhaft, gerade weil sie so unfassbar laienhaft dargestellt wird. Das unbeholfene Spiel, das hilflose Grimassieren, das Aufsagen alberner Sätze, alles erhöht paradoxerweise die Glaubwürdigkeit: Wer so mies spielt, muss "echt" sein. Zum Beispiel muss der 14-jährige Yannick hastig und holprig seinen Hass auf die Schule hervorstoßen, auf "diese langweiligen Fressen um mich rum, das regt mich voll auf".

Oder der Darsteller des arbeitslosen Ex-Häftlings Marco, der sich bei der alleinerziehenden Mutter Chantal ins gemachte Nest setzt, muss sehr dick auftragen, wenn er seine "Schnecke" wegen einer "Pulle Bier" anherrscht; grundsätzlich trägt er ein Achselhemd. Oder der arbeitslose Hilfsarbeiter Mario, ebenfalls frisch aus der Vollzugsanstalt entlassen, muss ungelenk die Arme schleudern, damit Nebenbuhler Pascal, ein Punk mit Irokesenschnitt, Angst spielen kann: "Du machst den Fisch jetzt!" Der Punk revanchiert sich, "ne hohle Hülsenfrucht" sei der Mario.

Zu den erfundenen Personen, die Aufgeschriebenes aufsagen, zählt auch das jeweilige Erziehungspersonal, die Anwälte und Psychologen, Polizisten und Beamten. Die Inflation der "Doku-Soaps" und Coaching-Formate im Privatfernsehen stützt staunenswert die mancherorts beklagte Verwandlung Deutschlands in eine betreute Republik. Fast jede Episode mündet in den Auftritt eines professionellen Problemlösers. Die Polizei bringt Yannick in die Förderschule, während das Familiengericht Chantal das Sorgerecht entzieht, weil ihr neuer Partner Marco randaliert und betrügt. Den erfundenen Aufsichtspersonen obliegt es auch, die Fiktionalität der ganzen Soap zu vertuschen.

"Die Kamera bleibt draußen", sagt die Darstellerin einer Lehrerin unvermittelt - als wär's ein Stück aus dem Leben und nicht das standardisierte Produkt einer Fernsehindustrie, die das Künstliche für real erklärt, um selbst Realität definieren zu können.

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