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TV-Kritik: Schluss mit Hotel Mama:115 Kilo sitzen sich den Hintern platt

"Hier lügt sich jemand das Leben schön", heißt es gleich zum Einstieg, "115 Kilogramm sitzen sich den Hintern platt, während Mama schuftet", oder: "... übt sich der Koch lieber in der Rolle als verwöhntes Riesenbaby". Nach dieser Einführung weiß man, wessen Stündlein geschlagen hat, und wer in dieser Sendung auf keinen grünen Zweig mehr kommen wird - egal, wie viel er strampeln mag.

Folgerichtig wird der junge Mann dabei gezeigt, wie er eine Pleite nach der anderen erlebt, nun, da er auf sich allein gestellt ist. Die besichtigten Wohnungen sind zu teuer, er landet "mit hohen Ansprüchen vor verschlossenen Türen". Für den Umzugswagen, der seine Möbel beherbergt, besitzt er keinen Führerschein - und das Probearbeiten in einem italienischen Restaurant lässt er sausen.

Hier kommt nun ein Unvermeidlicher ins Spiel, der seinem Berufsstand diesmal keine große Ehre erweist: Der "Coach", Psychologe Michael Thiel, war schon in ungefähr allen Talkshows zu Gast, wo es etwas zu coachen gab, und erhält nun hier Gelegenheit, zu naseweisen, wo schon alles offensichtlich ist.

"Richtig wütend"

Es geschehe nicht oft, aber er sei "richtig wütend", dass Stjephan sein Schnupperpraktikum als Koch nicht angetreten und nicht mal abgesagt habe. Die Italiener seien "so nett" gewesen. Doch Stjephan lässt sich nichts befehlen. Er sehe nicht ein, darüber vor der Kamera reden zu müssen, und überhaupt sei er ihm keinerlei Rechenschaft schuldig. Obwohl der Nesthocker dabei wirkt wie die Hausfrau in Hape Kerkelings berühmten Kaffee-Werbe-Spot, die unmissverständlich zu verstehen gibt, was sie "nischt möschte", muss der Psychologe hier passen.

Nach ein paar kleineren Machtkämpfchen mit dem renitenten Sohn wird er einigermaßen übellaunig und ohne weitere nennenswerte Resultate in der mütterlichen Wohnung beiden Protagonisten noch einmal die Frage stellen müssen, ob die Entscheidung zum Auszug richtig war. Beide werden ein kleines Kreuz bei "Ja" machen.

Weil man das von ihnen erwartet, sonst die Sendung ja ganz umsonst gewesen wäre, der Sohn nun in einem schicken Keller lebt und ganz ohne Muttis Hilfe saubermachen kann. Und ein vielversprechendes Praktikum - als Tierpfleger - hat er auch noch in Aussicht. Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto, möchte man die Ärzte zitieren. Aber wo schon der Coach versagt, kann auch kein Arzt mehr helfen.

Gleich zweifach haben die Macher der Sendung also versagt: Erstens im Umgang mit ihrem Protagonisten, den es doch eigentlich nicht zu bashen, sondern zu fördern galt. Zweitens sind sie an einem Prinzip gescheitert, das schon ihre Vorgänger negierten, ob nun bewusst oder unbewusst: Anstatt die Umstände aufzuzeigen, unter denen ein junger Mensch in einen so bewegungs- wie hilflosen Kleinkindzustand versetzt wurde, als da wären Arbeits-, Sinn- und Perspektivlosigkeit, und der naheliegende Gedanke, nicht gebraucht zu werden, anstatt also soziales Engagement zu zeigen, verurteilt die Sendung den Zuschauer zum Gaffen. Das mag bisweilen unterhaltsam sein. Moralisch unterstützenswert ist es nicht.

Das ist nichts Neues im Privatfernsehen. Aber man darf auch nicht müde werden, das zu betonen.