TV-Kritik: "Maybrit Illner" im ZDF Ein Pils für den Schreihals

Dank Flatrate-Partys und übelster Manieren steht der moderne Jugendliche in der Kritik: Maybrit Illner suchte nach Ursachen - und bot mit Gästen wie Markus Kavka und Jens Lehmann eine spannende Diskussion.

Von Tomasz Kurianowicz

Der moderne Jugendliche hat es heutzutage schwer: Ihm wird Trunksucht, gewaltverherrlichender und damit miserabler Musikgeschmack sowie plumpe Dummheit vorgeworfen. Bei Maybrit Illner bot sich Gelegenheit, über die oftmals vorschnell gefällten Vorurteile zu diskutieren: Was läuft also schief bei der "Jugend von heute"?

Erziehungsmethoden der etwas anderen Art pflegt offenbar Fußballtorwart Jens Lehmann.

(Foto: Screenshot: maybritillner.zdf.de)

Die geladenen Gäste erschienen anfangs wahllos zusammengewürfelt: Eine etwas steif geratene Ursula von der Leyen saß der 14-jährigen Internetsängerin Mina gegenüber, der MTV-Moderator Markus Kavka setzte sich mit dem redegewandten Psychologen Manfred Spitzer auseinander. Und selbst Fußballidol und Familienvater Jens Lehmann kam angereist, um über renitente Kinder zu plaudern. Man hätte also durchaus Anlass gehabt, die Gegensätzlichkeit der Gäste als willkürlich zu kritisieren. Doch es kam ganz anders: Eine intelligente und sachgerechte Diskussion ergab sich durch die argumentationsstarken Gesprächspartner.

Der große Kontrast stellte sich insbesondere bei der Betrachtung der ersten zwei männlichen Antipoden ein: Markus Kavka kam als Repräsentant der Single-Generation, Jens Lehmann als Beispiel für modernes Familienglück. Kavka führt als VJ ein turbulentes Großstadtleben, weiß mit coolem Auftreten und kecken Moderationen Jugendliche zu begeistern - und das trotz seines vergleichsweise hohen Alters von 40 Jahren.

Dagegen veranschaulichte der Fußballtorwart Lehmann mit seinen familiären Verpflichtungen und der bewusst ausgeführten Vorbildfunktion geradezu das konservative Auslaufmodell. Umso mehr überraschte Lehmanns Geständnis, dass er seiner kleinen Tochter alkoholfreies Bier zum Trinken anbietet. Da runzelte selbst der Berufspsychologe die Stirn. Manchmal gerät die Rollenverteilung aus den Fugen, so wie bei vorschnell gefällten Vorurteilen.

Egoismus und Alkohol

Das Bild, das Maybrit Illner mit Statistiken anfangs zu zeichnen versuchte, war ein höchst bedenkliches: Jugendliche seien nur an ihrem eigenen Wohlbefinden interessiert und hätten Alkoholkonsum zu einem salonfähigen Hobby gemacht - das jedenfalls sei einer Umfrage unter Erwachsenen zufolge das Sittenbild der modernen Jugend.

Ursula von der Leyen spielte die engagierte Verteidigerin und betonte in bemühtem Slang, dass die meisten Kids "schwer in Ordnung" seien und Dank solcher Vorbilder wie Jens Lehmann genau wüssten, wie in einer funktionierenden Gesellschaft Erfolg machbar sei: durch harte Arbeit und zähes Engagement.

Von der Leyens fast bieder-calvinistisch anmutender Ansporn vermochte einer brisanten These nicht den Wind aus den Segeln zu nehmen; dass nämlich Alkohol- und Medienkonsum die Schattenseiten einer bis in die Besessenheit erfolgsorientierten Gesellschaft sind. Markus Kavka brachte jene Bedenken in die Runde und versuchte Bushido-begeisterte Kids als protestierende Revoluzzer darzustellen. Seine Mutmaßung blieb bis zum Schluss ein warnender Einwand und gab den klugen Impuls, Gründe für verrohte Gesellschaftsmuster, die auch bei Erwachsenen zu beobachten sind, gründlich zu untersuchen.

Die 14-jährige Mina war das Quotenkind der Fragerunde - denn sie war der einzige Gast, der aus der fraglichen Zielgruppe stammte. Trotzdem fiel das Fehlen eines Jugendlichen auf, der die angeprangerte Haltung des vulgären Hedonismus hätte erklären können. Immerhin wusste das junge und rhetorisch versierte Gesangstalent das gescholtene Medium Internet vor Maybrit Illners Mutmaßungen zu schützen, dass der Medienkonsum Schuld an allem Übel sei.

Denn das Internet kann nicht als moderne Zeitvernichtungsmaschine pauschal verunglimpft werden; es lässt sich auch als produktives Medium verstehen, mit dem sich eine völlig neue und kreative Kultur zu etablieren beginnt - sowohl in kommunikativer als auch in künstlerischer Hinsicht. Es kommt darauf an, wie einem jungen Menschen der Umgang mit diesen neuen Phänomenen erklärt und vorgemacht wird.

Darum muss der Blick schärfer auf jene gerichtet werden, die gar nichts mit der Jugendkultur gemein haben: auf die biertrinkenden Väter und spielshowsüchtigen Mütter, die als Vorbild für ihre Kinder fungieren. Diese Erkenntnis scheint sich bei Illner durchgesetzt zu haben - nach einer fruchtbaren und ehrlichen Diskussion.

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