TV-Kritik: Markus Lanz Der falsche Schnurrbart

Falsche Mutti, falscher Bart: Markus Lanz probiert sich in seiner ZDF-Sommer-Talkshow als investigativer Reporter - und findet das perfekte Opfer dafür. Eine kleine Nachtkritik.

Von Katharina Riehl

Seit Günther Wallraff sich mit Perücken und falschen Schnurrbärten unter Bild-Zeitungs-Redakteure und Gastarbeiter mischte, ging es - so wird gerne geklagt - abwärts mit dem investigativen Journalismus in Deutschland: Zu wenig werde recherchiert, zu wenig nachgehakt. Zu oft nur wiedergekäut, was Politik und Industrie ohnehin preisgeben wollen. Bis Markus Lanz kam.

Markus Lanz

(Foto: Foto: AP)

Der ehemalige RTL-"Explosiv"-Moderator vertritt nun schon zum zweiten Mal Johannes B. Kerner in dessen hart ertalkter Sommerpause. Wenn Kerner im Herbst zum Privatsender Sat1 wechselt, wird Lanz die nächtliche Talkshow ganz übernehmen. Und einen anderen Ton anschlagen.

Einen härteren, denn Johannes B. Kerners Late-Night-Geplauder, so konnte man in den letzten Jahren immer wieder lesen, hatte mit (investigativem) Journalismus nur am Rande zu tun.

Keine Samthandschuhe

Lanz also klebt sich einen falschen Schnurrbart an und fährt mit geliehener Mutti und versteckter Kamera auf Kaffeefahrt - will die kriminellen Machenschaften der Veranstalter aufdecken. "Leicht wurde es uns nicht gemacht", versichert der verdeckte Ermittler gleich zu Beginn. Man sieht einen Gastwirt, der Lanz und sein Team von seinem Grundstück wirft. Da ist klar, Lanz trägt diese Saison keine Samthandschuhe.

Und tatsächlich: Als nach dem Filmchen die eigentliche Talkshow beginnt, hat das mit weichgespültem Wohlfühl-Talk nur wenig zu tun. Eingeladen hat Lanz neben einem Kommissar, einer Verbraucherschützerin und seiner falschen Mutti auch den Kaffeefahrtbetreiber Thomas Peh - das perfekte Objekt für Lanz, seine knallharten Recherchetaktiken zu demonstrieren.

Viermal dieselbe Frage

Und zunächst ist man tatsächlich ein klein wenig beeindruckt von diesem Lanz, der sich so gar nicht abschütteln lässt ("Versuchen Sie es doch mal mit der Wahrheit"), dieselbe Frage zwei, drei oder vier Mal stellt und ein paar Sätze über überteuerte Nahrungsergänzungsmittel aus dem Kleine-Leute-Abzocker herauskitzelt, die der nicht hatte sagen wollen. Gut so, denkt man, der Typ ist schließlich dubios und die Leute sollen ruhig erfahren, welch skrupellose Menschen da ihren Sparschweinen den Bauch aufsägen.

Bis es zu viel wird. "Haben Sie nie Gewissensbisse?" will Lanz wissen, kein Unrechtsbewusstsein? "Sie spielen mit der Tatsache, dass diese Menschen einsam sind", erklärt er seinem Gast mit strengem Blick.

Da beginnt man sich zu fragen, warum dieser Kaffeefahrtbetreiber da eigentlich sitzt: Verteidigen will und soll er sich nicht, viel Neues zum Thema beitragen auch nicht. Was er aber kann, ist eine perfekte, weil moralisch einwandfrei einzuordnende, Angriffsfläche für Lanz' investigative Ader zu bieten. Als er den merkwürdigen Heizdeckenverkäufer dann noch wissen lässt, es sei typisch für Leute wie ihn, "sich in diesen Zynismus zu flüchten", ist man irgendwie bedient.

Leider nichts zu verzollen

Gut also, dass Lanz nach 45 Minuten noch ein zweites brandheißes Thema auf den Schirm bringt: Was darf ich aus dem Urlaub zollfrei mit nach Hause bringen? Und weil das mit der versteckten Kamera vorhin so schön aussah, gibt es auch bei diesem kleinen Filmchen einen schwarzen Schatten um den Bildschirmrand, wenn am Flughafen Passagiere mit Licht und Mikrofon im Gesicht interviewt werden.

Dann befragt Lanz vor Check-out-Kulisse einen Zollbeamten, der Beispiel-Koffer auspackt und erklärt, wie lange man für welche Schnapsflasche aus welchem Urlaubsland in den Knast muss. Zum Beispiel Mallorca: "Interessant ist", meint da der Zollbeamte, "dass Mallorca für uns gar nicht mehr von Interesse ist." Da wurde wohl nicht investigativ genug vorrecherchiert.

Noch ein paar Koffer werden ein- und ausgepackt. So oft Lanz hören möchte, dass es in diesem Fall bestimmt "so richtig Ärger" geben müsse, so oft lässt ihn der Herr vom Zoll mit "das ist jetzt nicht so schlimm" ins Leere laufen.

Das nächste Mal, mag sich Markus Lanz da gedacht haben, lade ich einen Drogenschmuggler ein.