TV-Kritik: Grand-Prix-Vorentscheid Frauen regieren die Welt

Nichts weniger als den Sound für 100 Millionen Europäer suchte die ARD beim Grand-Prix-Vorentscheid. Mit den No Angels gewann gefälliger Mainstream-Pop für den Durchschnittsdeutschen.

Von Mirjam Hauck

Was gefällt der georgischen Hausfrau, dem mazedonischen Technofan und dem Hausmeister aus Malta? Etwa das Gewinnerlied des deutschen Grand-Prix-Vorentscheids "Disappear" von den No Angels?

No Angels außer sich: Die Casting-Band, die ein erfolgreiches Comeback hingelegt hat, darf nach Belgrad fahren - und sich mit Acts aus ganz Europa messen.

(Foto: Foto: dpa)

Nun ja, Platz 19 wie 2007 dürfte wieder möglich sein. Die vier Casting-Comeback-Chanteusen treffen den mitteleuropäischen Massengeschmack der Mittdreißiger bis Mittvierziger sicherlich genauso gut wie die Swing-Schnulze Roger Cicero.

Dabei hatten drei Siegerinnen des Eurovision Song Contest den fünf Novizen im Hamburger Schauspielhaus noch einmal gezeigt, wie man den Pokal nach Hause holt. Ruslana (2004 mit "Wild Dances" für die Ukraine), Charlotte Nilsson (1999 mit "Take Me to Your Heaven" für Schweden) und Marija Serifovic (2007 mit "Molitva" für Serbien) tanzten mit bunten Kostümchen in Truppenstärke, trällerten schwedischen Powerpop oder sangen sich mithilfe von Joe-Cocker-ähnlichen Armbewegungen die Seele aus dem Leib.

"Emotionen" erkannte Gastgeber Thomas Hermanns als den Erfolgsgaranten. Dafür, dass diese aber weder beim Zuschauer noch bei den Teilnehmern aufkamen, sorgten die Kuschelpaten, die den fünf Acts zur Seite gestellt wurden. "Tagesschau"-Sprecher Marc Bator durfte die No Angels promoten, Katja Ebstein hielt das Händchen der Ex-Musical-Sängerin Carolin Fortenbacher. Harald-Schmidt-Sidekick Oliver Pocher warb für die spanischen Hannoveraner von Marquess. Kim Fisher flirtete mit Tommy Reeve (dem Gewinner des Joshua-Kadison-Look-und-Sing-alike-Wettbewerbs), und der Comedian Tetje Mierendorf drückte den Visual-Kei-Klonen von Cinema Bizarre die Daumen.

Wieso, weshalb, warum, verstand man bei keinem - außer bei Oliver Pocher, der sich als zukünftiges Bandmitglied bei Marquess ein derzeit schwer erhältliches Visum für Serbien erspielen wollte. Doch weder der bemüht politische Witz sorgte beim Publikum für Begeisterung, noch sein Hinweis, dass Bayern München sein Uefa-Cup-Spiel gewonnen hatte. Hätte jemand dem Pocher Oli in der ARD mal stecken müssen, dass Fußball und Politik an diesem Abend einfach nicht die Themen der Grand-Prix-Fans sind - und das ist auch gut so.

Doch das Händchenhalten nützte nichts, die Acts mussten alleine auf die Bühne und drei Minuten Live-Gesang meistern. Nach netto 15 Minuten wäre im Prinzip alles vorbei gewesen, aber dank alberner Einspielfilmchen summierte sich die Gesamtpräsentation brutto auf das Dreifache. Und wie bei den bayerischen Kommunalwahlen reichte eine einfache Mehrheit nicht für den Sieg. Für das Ticket nach Belgrad musste eine Stichwahl her.

Neben den No Angels hatte diese Carolin Fortenbacher erreicht - optisch wie stimmlich eine Mischung aus Andrea Ypsilanti und Wenke Myrrhe. Ihre deutsche Power-Reim-Ballade "Hinterm Ozean (fängt ein Tag erst an)" musste sich letztendlich trotz frenetischer Unterstützung im Hamburger Schauspielhaus (Fortenbacher hatte fünf Jahre lang im Abba-Musical "Mamma Mia" in Hamburg gesungen) dem süßlichen Disco-Pop der No Angels geschlagen geben.

Mit "Disappear" haben sie ihr Comeback endgültig geschafft. Auch ein schlechtes Abschneiden an 24. Mai in Belgrad wird ihnen - zumindest in Deutschland - nicht schaden. Roger Cicero, der Thomas Hermanns das Kuvert mit dem Siegernamen ("And the ticket goes to...") überreichen durfte, empfingen die Hamburger Grand-Prix-Freunde mit Standing Ovations.

Der Vorentscheid ist inzwischen ein Heimspiel für den musikalischen Mainstream. Exzentriker wie Guildo Horn hätten wohl keine Chance mehr - das ist langweilig und überhaupt nicht gut so.

Grand Prix Vorentscheid

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