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TV-Kritik: "Gräfin gesucht":"Die kann man blond machen"

Doch Sat1 wäre kein echter Privatsender, wenn nicht schon in der ersten Folge das Wesen des Cliffhangertums so weit ausgereizt würde, dass wir nach der Einführung der Allzweckwaffe Anna zwar noch zwei weiteren Adeligen dabei zusehen dürfen, wie sie hochnotpeinliche Speed-Dating-Runden, sogar solche mit Gesangseinlagen seitens der Bewerberinnen, einigermaßen souverän meistern, und zwei Damen beim langweiligen Kofferpacken für den Besuch beim Einzeldate über die Schulter gucken müssen - dann nämlich ist auch schon wieder Schluss mit dem Blick durch das Schlüsselloch des Adels.

Die erste Sendung enthält uns nicht nur den vierten Adeligen vor, der eine Frau mit "Feuer im Arsch" kennenzulernen gedenkt, sondern auch sämtliche weitere Appetithäppchen, die schon angedeutet, aber nicht ausgestrahlt wurden.

Wie stellt sich das 25-jährige Model auf dem Bauernhof an? Was macht das Paris-Hilton-Look-Alike mit Hündchen, das in Hamburg nach eigenen Angaben "nie auf der Straße angesprochen" wird? Wen sucht sich der "humorvolle 48-jährige Gutsherr Benedikt aus Schleswig-Holstein" aus? Und was lässt sich die "erfolgsverwöhnte Karrierefrau aus Neuss" beim Zweier-Date erst einfallen, nachdem sie dem Unternehmer Constantin schon beim Speed-Dating innerhalb von Sekunden ihre größten Vorzüge ("Kinderwunsch, gute Gene und große Intelligenz") eingeimpft hat, und sich nun verstärkt auf den Fang nach einem "starken Partner" machen kann, der ihre Vorstellungen von einem "schönen Leben" finanziert?

"Ich bin optisch sehr interessant"

Angesichts von Sprüchen wie "Man könnte fast sagen, dass ich ein Alpha-Tier bin", "Ich bin natürlich auch optisch sehr interessant", "Text kannst du lesen, ich guck' lieber Fotos" und "Die ist zwar nicht blond, die kann man aber blond machen", die wohlgemerkt nicht von bürgerlicher, sondern von adeliger Seite in den Brautschau-Ring geworfen werden, könnte man sich außerdem fragen, ob denn der Adelsverband amused ist ob dieses Verramschens seiner Mitglieder - wo doch schon der Bauernverband über die bäuerliche Variante der Sendung entsetzt war, weil hier angeblich eine ganze Berufsgruppe durch den Dreck gezogen wurde.

Doch die Vereinigung der deutschen Adelsverbände hielt sich - zumindest vor der Sendung - vornehm zurück: Das Format sei "ganz respektvoll" gemacht, ließ Geschäftsführer Albrecht von dem Borne verlauten - und außerdem sei es "schon mutig von den Jungs, sich zur Verfügung zur stellen".

So mutig übrigens, dass sich einer der vier Junggesellen, nämlich der blonde Moritz, anscheinend selbst um die adelige Brautschau bemüht hat, wie die Deutsche Presseagentur dpa berichtet. Der Gutsherr aus Schleswig-Holstein habe gar den Anstoß zur Sendung gegeben: Seine Nichten hätten ihn gedrängt, sich bei "Bauer sucht Frau" zu bewerben. Das sei aber "nicht sein Format" gewesen.

Nun hat der notleidende Adel also sein eigenes Format. Und Moderatorin Marlene Lufen macht ihrem offensichtlichen Vorbild, der Polylux-Moderatorin Tita von Hardenberg, im dunkelvioletten Seidenblüschen stehend oder im pinken Seidenblüschen reitend, zumindest optisch alle Ehre. Es müsste also schon mit dem Klassenfeind zugehen, wenn angesichts der so amüsanten wie peinlichen Mischung aus "Exklusiv", "Herzblatt", "Bauer sucht Frau" und Dschungelcamp für Habsüchtige die Quote hier nicht stimmen würde.