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TV-Kritik: Gottschalk bei "Kerner":Besser nicht hingucken

"Wenn ein Kritiker eine schlechte Kritik schreibt, kaufe ich mir am nächsten Tag eine Jacke, die der Kritiker sich nicht leisten kann": Thomas Gottschalk erzählt bei Kerner von seinem Leben als jugendlichster Alt-Moderator der Nation.

Sarah Ehrmann

Wer Thomas Gottschalk als Entertainer im Fernsehen erleben möchte, weiß schon, wo er ihn findet: Sechs Mal im Jahr bei "Wetten, dass..?", vom heutigen Mittwoch an in den Live-Shows von "Musical Showstar" im ZDF (20.15 Uhr) - und am Dienstagabend in der Talhshow von Johannes B. Kerner. Als Moderator, versteht sich. Denn Gottschalk spielte Kerner nicht nur an die Wand, sondern machte die 75 Minuten Sendezeit auch zu seiner ganz persönlichen Bühne.

Johannes B. Kerner ist bekannt als eher verhaltener, wenig feuriger Moderator. Er ist kein "Lenker", der mit unnachgiebigen Fragen seine Gäste zu Aussagen brächte, die zumindest im Ansatz neu und interessant wären. So erinnert denn auch die groß angekündigte "Gottschalk bei Kerner"-Show eher an ein seichtes Kaffeekränzchen für unseren Tommy, liebevoll umrahmt von Bildern seiner Karrierehöhepunkte.

Neues und Gewinnbringendes? Fehlanzeige. Vielleicht liegt das daran, dass Kerner nun dazu übergegangen ist, in der Sendung Ingwertee zu trinken. "Der Moment, alt geworden zu sein, ist dann gekommen, wenn man anfängt, Ingwertee zu trinken", befand Gottschalk - und konstatierte, dass er selbst noch nicht so weit sei.

Ob der 57-jährige Entertainer diese These durch sein Outfit - Fischgräten-T-Shirt und schwarze Lederjacke - beweisen will - oder dadurch, dass er mit Kerners jugendlicher Assistentin flirtet? Oder ist sein Drang zur Jugendlichkeit schon darin erschöpft, dass er, wie Gottschalk versichert, sich in seinem Job schon am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern müsse, was er am Vorabend gesagt habe?

Den Hauch einer Ahnung davon, wie alt der Entertainer wirklich ist, erhält man durch die telefonische Zuschaltung des ehemaligen Moderators des Berliner Rundfunks, Gregor Rottschalks, aus Mallorca. Mit ihm verbindet Gottschalk mehr als der Klang des Nachnamens: Zusammen sprachen sie einst Gottschalks erste Worte in ein Radio-Mikrofon, als dieser auf Klassenfahrt in Berlin war und sein großes Idol Rottschalk einmal aus der Nähe sehen wollte. Schönes Schwelgen in alten Zeiten.

Vielleicht hängt der schale Beigeschmack, den die Sendung hinterlässt, aber auch damit zusammen, dass Gottschalk so bereitwillig von sich selbst spricht und Kerner so oberflächlich nachbohrt, dass man glatt einschläft. So parliert Tommy eben freundlich lächelnd über Dieter Bohlen, den er "als die Figur" feiert, "die er ist" und über "Deutschland sucht den Superstar", das er so faszinierend findet wie "einen blutigen Turnschuh auf der Autobahn" - wo man auch hinschaut, wenn man es eigentlich nicht möchte. Kerner hört gespannt zu, während Tommy moderiert und brilliert. Ob er hofft, sich bei Deutschlands bekanntestem Moderator noch etwas abschauen zu können?

Seine eigene Castingshow, so berichtet der angehende Anti-Bohlen, die in drei Live-Sendungen den "Musical Showstar" sucht, soll ohne "Leute zur Sau zu machen" ablaufen und die Bewerber nicht in die Ohnmacht treiben. "Ich befürchte zwar, es zieht nicht", räumt Tommy ein, aber er sei nicht der Typ für ein Format à la DSDS. Kerner nickt und lächelt und leitet ungelenk zum nächsten Thema über: Kritiker.

Und hier wird der nette Tommy zum ersten Mal zynisch: "Wenn ein Kritiker eine schlechte Kritik schreibt, kaufe ich mir am nächsten Tag eine Jacke, die der Kritiker sich nicht leisten kann." Gottschalk ist sowieso überzeugt davon, dass seine Sendungen gut sind, auch wenn die Rezensenten das anders sehen - denn sonst würden ja schließlich nicht so viele Menschen zuschauen.

Auch die Frage nach einem eventuellen Nachfolger bei "Wetten, dass..?" umschifft Gottschalk geschickt, denn von den vorgeschlagenen Kandidaten Raab, Pocher, Kerkeling und Bohlen käme sowieso keiner in Frage. "Man muss eine freundliche Grundeinstellung haben" (Pocher ist raus, Raab auch), und "Kerkeling hätte kein Interesse". Bohlen ignoriert er fraglos. Kerner tut's ihm nach. Da klafft nun eine Lücke: Hätte Gottschalk seinem ZDF-Kollegen nicht wenigstens in seiner eigenen Sendung den Gefallen tun können, Kerner selbst als seinen Nachfolger vorzuschlagen? Man war doch gerade so nett beim Plaudern.

Schließlich erhält der ausdauernde Zuschauer doch noch zwei klitzekleine Klatsch-und-Tratsch-Infos: Dass Gottschalk die Klitschko-Brüder nie unterscheiden konnte und Zysten auch vor prominenten Hinterteilen nicht Halt machen.

Und dann wird dem deutschen Durchschnittsfernsehzuschauer zu später Stunde noch einmal warm ums Herz. Wenn Tommy erzählt, dass er "im Herzen ganz deutsch" und in Amerika ein besserer Deutscher geworden sei, weil er aus der Ferne die deutschen Eigenschaften erst richtig schätzen gelernt habe. Und dass er sich eventuell vielleicht sogar ein kleines bisschen vorstellen könnte, in den nächsten Jahren wieder zurück nach Deutschland zu ziehen.

Big Tommy ist also doch irgendwie einer von uns geblieben: "Ich habe Spaß an den Dingen des täglichen Lebens - meine Hunde wissen gar nicht, dass ich berühmt bin."

Es gibt Tage, da wünscht man sich, ein Hund zu sein.

© sueddeutsche.de/rus
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