TV-Kritik: "Die Niels Ruf Show" Vom Ferkel zum Schwein

Es sollte die Wiederauferstehung eines Comedy-Talents werden: Niels Ruf präsentierte erstmals seine Late-Night-Show auf Sat.1 - provokant, anmaßend, verbesserungswürdig.

Von Tomasz Kurianowicz

Gestern Abend feierte ein Mann seine Rückkehr ins deutsche Fernsehen, über dessen Haupt schon literweise Bier geschüttet wurde - als Replik auf unverschämte Fragen -, der sich an der Fernseh-Front mit größtem Engagement für den schlüpfrigen Witz stark zu machen pflegte, und der an seiner Spitzzüngigkeit fast gescheitert wäre: Niels Ruf, der Provokateur.

Niels Ruf seriöses Gewand: Ein optisches Versprechen, das nicht eingehalten wurde

(Foto: Foto: ddp)

Nun darf er wieder die Grenzen des guten Geschmacks auf die Probe stellen, immer freitags auf Sat.1 - in seiner neuen "Niels Ruf Show", die am Freitagabend erstmals im Free-TV zu sehen war.

Nun soll es endlich wieder Late-Night geben, so wie damals, als noch Harald Schmidt für gute Quoten sorgte und zum stolzen Prestige-Objekt des Privatfernsehens aufstieg. Ein großes Vorbild, an dem sich Ruf zu messen hat.

Eigentlich ist es nur ein halbes Comeback. Denn Niels Ruf bekam eine zweite Chance schon vom Bezahl-Sender Sat.1-Comedy geboten, nachdem ihn sein ehemaliger Arbeitgeber, der Musiksender Viva, wegen eines ominösen Nazi-Witzes im Jahr 2001 vor die Tür setzte.

Es folgte eine lange Ruhephase, die sich nach dem Misserfolg der RTL-Sitcom "Herzog" weiter fortzusetzen schien. Dabei hatte Ruf versichert, dass er nach der medialen Abstinenz nicht an Brisanz verloren, vielmehr an besonnener Klugheit und Reife dazu gewonnen hätte.

"Problemzone Gesicht"

Menschen ändern sich, und so plante der alternde Entertainer, mit neuem und seriösem Image an den Start zu gehen. Das zeigte sich gestern in der Optik: Der früher lässig gekleidete Viva-Moderator zwängte sich aus Anlass seiner Free-TV-Premiere in einen klassischen Anzug mit leuchtend-schimmernder Krawatte und versuchte, die Regeln des humoristischen Genres professionell zu stemmen. Es blieb bei optischen Versprechen. Wer dachte, Ruf würde auf seine verbalen Provokationen verzichten, hatte sich getäuscht.

Die erste wohl gemeinte Geste richtete sich an einige Damen aus dem Publikum, die ein paar Küsschen auf die Wangen bekamen, so als ob sich Ruf für seine vergangenen Ausrutscher entschuldigen würde. Weit gefehlt: Sexistische Witze - sein früheres Spezialgebiet - waren Dreh- und Angelpunkt auch der gestrigen Sendung. Um die Qualität aufzuwerten, packte der Showmaster seine bösen Frauenwitze in politische Kontexte und glaubte so, sein Mitspracherecht für die erste Liga der Entertainer zu legitimieren.

Womit ist das müde Studiopublikum nun zu begeistern? Natürlich, mit den Klassikern: Witze über Helmut Kohl oder Angela Merkel. In einem genretypischen Filmchen wurde die Bundeskanzlerin im Kleidchen samt tiefem Dekolleté gezeigt. Ruf kommentierte gelassen: "Dabei wollte sie nur von ihrer Problemzone ablenken: Ihrem Gesicht." Das Publikum tobte.

Der klassische Stand-Up wurde mit vulgären Scherzen über Soldaten im Irak oder albernen Kalauern über russische Politiker absolviert, so dass von Professionalität keine Spur zu finden war. Hinzu kam die steife Haltung des 34-Jährigen, der jeden Witz wie auswendig gelernt vortrug und unsanft vom Inszenierten ins Spontane wechselte.

Nicht nur blödes Getue

Das Helmut-Zerlett-Imitat Toni kommentierte Rufs Witze so leblos wie ein schlecht besetzter Statist. Wenn sich dann peinliche Stille einstellte, wurde über die eigenen Scherze selbstgerecht gelacht, um das Publikum zum erlösenden Johlen aufzufordern.

Nun, das klingt erstaunlich enttäuschend. Ist das nun die bittere Bilanz der freudig erwarteten Comedy-Renaissance? Nicht ganz. Im zweiten Teil der Sendung zeigte sich dann doch noch das Potential, das in Niels Ruf schlummert. Als sich das Supermodel Eva Padberg als erster Gast auf den Sessel setzte und mit Ruf Champagner trank, lockerte der Entertainer auf und bewies mit spitzer und eloquenter Zunge, dass er mehr zu bieten hat als blödes Getue.

Das Rezitieren auswendig gelernter Pointen ist sicherlich nicht der richtige Weg, um sich dauerhaft einen Platz im Abendprogramm zu sichern. Deshalb bleibt dem Vorhaben einer Late-Night-Show auf Sat.1 und vor allem dem zweifelsfrei talentierten Ruf nur zu wünschen, dass er seiner Spontaneität Freiraum lässt, ohne gleich auf Klischees und Plattitüden einer abgeschlossenen Phase zurückzufallen.

Bei Harald "Dirty Harry" Schmidt fing es ähnlich schmutzig an: Früher als Chauvinist verunglimpft, spielte der Pionier der deutschen Late-Night-Show dann öffentlich Johann Sebastian Bach oder fasste die Essenz von König Ödipus mit Playmobile-Figuren zusammen. Es ist nichts entschieden. Wer weiß, wie sich Niels Ruf noch entwickeln wird.