bedeckt München 20°
vgwortpixel

TV-Kritik: Burda in der ARD:"Bambi kackt nicht in die Wohnung"

Kate Winslet redet fast so lange wie Tom Cruise, und Roland Emmerich staunt über die Untoten im Saal. Die Bambi-Verleihung, ein Relikt der Vergangenheit.

Der Sommer war schrecklich, unser Leben leer. Warum, merken wir erst jetzt, wo uns wiedergegeben wird, was so fehlte: Showbiz-Galas mit roten Teppichen, Laudationes, peinlichen Dankesreden, Standing Ovations und Preisträgerinnen-Heulkrämpfen.

Bambi-Verleihung, Wolfgang Joop; Getty

Modeschöpfer Wolfgang Joop erhielt einen Bambi aus den Händen seiner Tochter Jette. Warum? Logisch: Weil er in Potsdam wohnt! Und 65 ist er auch geworden!

(Foto: Foto: Getty)

Nobelpreise sind wirklich kein Ersatz, die rascheln nur wie Zeitungspapier, klunkern nicht glockig gegeneinander, wie eine Oscar-Statuette, die vor den Grammy-Trichter stößt. Doch nun endlich beginnt sie wieder, die Galazeit, jene Perlenkette der im TV übertragenen Revuen, deren Ausrichter in hellstem Glanz strahlen wollen und deshalb Preise für irgendetwas verleihen, an deren Kategorien und Träger sich schon am übernächsten Tag niemand mehr erinnert.

Gala-Kügelchen aus Potsdam

Am Donnerstagabend gab es zur Wiedereingewöhnung ein homöopathisches Gala-Kügelchen aus Potsdam-Babelsberg: Goldene Bambis des Verlegers Hubert Burda, eine Erfindung aus dem Offenburgischen, Folge 61.

Im Verhältnis zur Oscar-Verleihung erinnert die Bambi-Strahlkraft an die Erde auf der Sonnensystemkarte im abgewetzten Diercke-Schulatlas, ein kleiner hellblauer Punkt neben dem nur im Anschnitt zu sehenden glutroten Sonnendurchmesser, der weit über das Atlasformat hinausragt.

Winslet attackiert den Rekord

Zum Ausgleich fuhr man bei den diesjährigen Bambis eine Doppelstrategie. Erstens zeichnete man international prämierte Darsteller aus, Kate Winslet und Christoph Waltz. Winslet nutzte die nicht vorhandene Zeitbeschränkung bei ihrer Dankesrede, um den Rekord des Scientologen Tom Cruise aus dem Jahr 2007 zu attackieren, blieb aber knapp unter seinen walkürischen acht Minuten.

Zweitens belohnte man die Deutschen, die es in "Hollywood geschafft haben", mit einem Wir-sind-wieder-wer-im-Filmgeschäft-Ehrenbambi, der an Michael Ballhaus, Roland Emmerich, Florian Henckel von Donnersmarck, Oliver Hirschbiegel und Caroline Link ging. Raffiniert, die Filmschaffenden werden mit einer Bambi-Buschzulage zurückgelockt.

Weil das Buhlen um Hollywoods Liebe auf Dauer zermürbend ist, preist man bei den Bambis nicht nur Kunst und Glamour, sondern auch soziales Engagement. Denn die US-Konkurrenz schläft nicht und castet uns unsere altruistischen Sozialstars weg. Jetzt lobt nämlich der Softrocker Jon Bon Jovi den "Circle Of Change Award" für gesellschaftliches Engagement in Deutschland aus. Und der Sieger darf sogar nach Amerika fliegen! Mit dem Flugzeug! Am allerbesten: Man darf sich selbst nominieren.

Heiligsprechung für Kohl

Die Bambis werden von einer mysteriösen Jury verliehen, die ihrer Zeit mindestens neun Jahre hinterherhinkt oder 991 Jahre voraus ist. Ganz sicher besteht sie aus der Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel. Diesmal gab's einen Millennium-Bambi inklusive Heiligsprechung für Helmut Kohl: "Unsere Verehrung gilt dem Kanzler der Einheit."

Da Kohl nicht reisefähig war, wurde ihm der Preis in Ludwigshafen von Theo Waigel überreicht. Kohl wirkte in dem Einspielfilm angeschlagen und konnte sich nur mit Mühe verständlich äußern. "Wir haben Frieden, und mehr kann man überhaupt nicht erwarten", sagte der Altkanzler. Die Stimmung in Potsdam war damit relativ früh auf dem Höhepunkt; die Schar der schulterfreien Jungschauspielerinnen, in sentimentalischen Gala-Momenten noch ungestählt, bekam feuchte Augen.

Auf der nächsten Seite: Die hölzernen Ansagen der Eiskunstläuferin, Marge-Simpson-Frisuren und untote Promis.

Bambi-Verleihung in Potsdam

Küsse für ein Reh