Süddeutsche Zeitung

TV: Cast Offs:Dschungelcamp für Behinderte

Der britische Fernsehsender Channel 4 setzt Blinde, Taube und Rollstuhlfahrer auf einer einsamen Insel aus. Zur Sicherheit wird das als Satire verkauft.

Der britische TV-Sender Channel 4 stand schon immer im Ruf, die Grenzen herkömmlichen Fernsehens zu erweitern und dabei auch schon mal die Grenzen des guten Geschmacks zu überdehnen. Sein Entrée machte er schließlich einst mit der englischen Ausgabe von Big Brother, als dieses Format die Zuschauer noch zu schockieren verstand.

Aber diesmal scheint der Sender zu weit gegangen zu sein. Demnächst läuft eine Serie an, in der sechs behinderte Männer und Frauen auf einer einsamen schottischen Insel ausgesetzt werden, wo sie überleben müssen. Die erste Folge beginnt damit, dass ein Gelähmter aus einem Boot gehoben und am menschenleeren Strand abgelegt wird wie ein Sack - "Dschungelcamp" mit Rollstuhl und Blindenstock.

Doch es ist nicht Reality TV, was Channel 4 zeigt, sondern eine bitterböse Satire über Reality TV. Ein Team aus drei Star-Autoren hat in enger Absprache mit den sechs behinderten Schauspielern ein Stück darüber verfasst, wie ein skrupelloser Fernsehsender Behinderte in einer Show vermarktet. In Großbritannien geht man davon aus, dass "Cast Offs" (zu Deutsch: Ausgesetzte oder Verstoßene) lebhafte Diskussionen auslösen wird.

Denn die sechsteilige Serie will nebenbei zum ersten Mal zeigen, dass Behinderte "nicht mehr und nicht weniger am Arsch sein können wie jeder andere auch", wie Joel Wilson, einer der Produzenten, es drastisch formulierte. Bislang habe das Fernsehen Menschen mit Behinderungen entweder als "verbittert" oder als "tragische Opfer" gezeigt. Er hoffe, dass "Cast Offs" zu einem unverkrampften Umgang mit Behinderten führt.

Ich bin ein Mann in einem Stuhl

"So was hat man nie im Fernsehen gezeigt", sagte die Schauspielerin Victoria Wright. "Man zeigt uns als Erwachsene, die trinken, fluchen und Sex haben. Ich bin sicher, dass viele Leute sagen werden: Ach du meine Güte, ich wusste gar nicht, dass Behinderte so was tun." Wright leidet unter Cherubismus, einer genetisch bedingten Anomalie, die das Kinn zu grotesken Ausmaßen anschwellen lässt. Bei den anderen Schauspielern handelt es sich um einen Blinden, eine Taube, einen von der Hüfte abwärts Gelähmten, einen Contergan-Geschädigten und eine kleinwüchsige Frau, die ihre körperliche Größe in der Rolle mit einem überdimensionalen Ego kompensiert.

Die Lebenserfahrungen der Schauspieler fanden bei der Entwicklung der Serie Eingang in das Script. Die Autoren hatten die Darsteller gefragt, was das Peinlichste an ihrer Behinderung sei, was das Beste und das Schlimmste war, das ihnen je wegen ihrer Andersartigkeit zugefügt wurde, und welches die gängigsten Fehlvorstellungen seien, mit denen die Umwelt sie konfrontiere.

Für die Zuschauer werden einige Szenen gewöhnungsbedürftig sein. So etwa, wenn sich der Blinde und die Taube mit den chinesischen Affen vergleichen: Sieh nichts Böses, höre nichts Böses. Oder wenn der Gelähmte fröhlich singt: "Ich bin ein Mann in einem Stuhl, bummbumm, aber ich habe auch Schamhaar, bummbumm."

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Quelle:
SZ vom 17.11.2009/iko
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