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Türkisches Kino:Unter der Gürtellinie

Zwei Filmverleiher bringen türkische Kinohits in deutsche Multiplexe. Die Geschichte einer sehr lukrativen Kulturnische zwischen derben Komödien und harter Propaganda.

Wenn man die Zahl der Kinobesucher als Grundlage nimmt, ist der erfolgreichste türkische Film aller Zeiten die Komödie "Recep Ivedik 5". Es ist der fünfte Teil einer Reihe über einen merkwürdigen Typen, der Recep Ivedik heißt. Er ist frech, nicht sehr helle, hat eine einzige riesige Augenbraue und trägt einen auffällig unechten Bart. Er redet mit einem starken anatolischen Akzent, wiegt gefühlte 170 Kilo und mag keine korpulenten Frauen, auch keine kleinen oder alten Menschen. Ach ja, und er kann mit seinen Fürzen ein Lagerfeuer anzünden. Allein am Startwochenende im Februar gingen in der Türkei knapp zwei Millionen Menschen ins Kino, um "Recep Ivedik 5" zu sehen. Der zweiterfolgreichste türkische Film aller Zeiten heißt "Recep Ivedik 4".

Türkische Filme laufen auch in Deutschland sehr gut, zwei Verleihfirmen haben sich auf dieses Geschäft spezialisiert, eine in Stuttgart und eine in Berlin. Die "Recep Ivedik"-Filme schneiden wunderbar ab. Auf der Liste der meistgesehenen türkischen Filme in Deutschland haben sie sogar den nationalistischen Actionthriller "Tal der Wölfe - Irak" abgehängt. Das will etwas heißen, denn "Tal der Wölfe" bekam vor elf Jahren viel Werbung durch deutsche Politiker, die ihn für "rassistisch und antiwestlich" (Edmund Stoiber) bis "richtig schlecht" (Claudia Roth) hielten und dadurch die Neugier steigerten.

Der amerikanische Offizier kriegt einen Dolch in den Bauch, die Ehre ist wiederhergestellt

"Recep Ivedik" ist ein Phänomen. Seit der fünfte Teil in Deutschland angelaufen ist, haben ihn fast 600 000 Menschen gesehen. Von drei Millionen potenziellen Zuschauern. Bei "Recep Ivedik"-Fans handelt es sich mit Sicherheit um ein Publikum mit türkischem Hinter- beziehungsweise Vordergrund, denn für Nicht-Türken sind diese Filme kaum gemacht.

Eine weitere Tendenz des türkischen Gegenwartskinos: das patriotische Action-Drama. Auch hier fühlt man sich als Nicht-Türke vom großen Kinospaß eher ausgeschlossen, was den Produzenten aber vermutlich wenig ausmacht, denn der vaterländische Markt ist groß genug. Aber seit "Tal der Wölfe" hat sich im Patriotismusgenre einiges getan. "Tal der Wölfe" war ein Baller-Baller-Versuch, ein paar offene geopolitische und volkspsychische Rechnungen mit den USA zu begleichen. Dem Film lag ein echtes Ereignis zugrunde, die sogenannte Sackaffäre von 2003, als amerikanische Soldaten in Irak ein Dutzend türkische Kollegen in Zivil verhafteten und mit Säcken auf dem Kopf abführten. Eine Demütigung. Im Film rächt sich ein türkischer Spezialagent am zuständigen amerikanischen Offizier, indem er diesem einen krummen Dolch in den Bauch rammt und nachdreht. Die Rache ist süß, zumal die amerikanischen Nato-Partner als blutrünstige Zyniker dargestellt werden, die mit menschlichen Organen handeln.

Die derbe Komödie "Recep Ivedik 5" mit Şahan Gökbakar in der Hauptrolle ist der erfolgreichste türkische Film aller Zeiten.

(Foto: Kinostar)

Derzeit läuft eine andere Propaganda-Reihe sehr gut in der Türkei: die "Dağ"-Filme ("Berg"). "Dağ 2" wurde zum meistgesehenen Film des vergangenen Jahres. Türkische Spezialkräfte retten darin eine türkische Journalistin, die im Irak von Isis-Schergen entführt wurde. Hinrichtungsszene: Der Schurke legt sein Messer mit Wellenschliff an den Hals der Journalistin, ein anderer Schurke filmt, Bauernkutschen tuckern vorbei, die Journalistin sieht einen Esel, ein Kind im Staub ... Die Bauern aber sind verkleidete türkische Agenten: Die erste Kugel trifft den Schurken mit dem Messer, Kopfschuss, das Messer bohrt sich in Zeitlupe in die karge Erde.

Aber in den "Berg"-Filmen geht es nicht nur um den äußeren Feind. Feinde sind auch unter uns, im türkischen Volk. Feinde der Armee, Feinde des Staates. Sprüche beim Drill: "Es gibt nur zwei wichtige Dinge, Freunde. Das Vaterland und der Mann neben euch. Für diese zwei werdet ihr sterben und töten."

"Berg 1" war vor fünf Jahren noch etwas lyrischer. Der Held fiel in den Schnee, angeschossen vom kurdischen Scharfschützen, blickte erstaunt in den Himmel, in die Wolken, wie Fürst Bolkonski in Tolstois "Krieg und Frieden". "Berg 1" hatte auch Humoransprüche. Der Kommandeur erzählte neuen Rekruten zur Einstimmung folgenden Witz: Ein Deutscher, ein Italiener und ein Türke übernachten in einem Hotel. Im Zimmer warten auf sie "ein geiles französisches Dienstmädchen" und ungebügelte Klamotten. Der Deutsche geht rein, bügelt und hat danach Spaß mit dem Dienstmädchen. Der Italiener macht es in umgekehrter Reihenfolge. Und der Türke? Beugt das Dienstmädchen nach vorne und lässt sie beim Sex bügeln. Der Regisseur hat schon "Berg 3" angekündigt.

Ali Fidan, Geschäftsführer einer der beiden Firmen, die türkische Filme in deutsche Kinos bringen, macht sich Sorgen wegen der jüngsten Welle des Nationalismus. "Das wird die Leute nur weiter polarisieren", sagt er. Seine Firma heißt Af Media (das kurze Wort besteht aus den Anfangsbuchstaben seines Namens, bedeutet aber auch "Vergebung"). Ali Fidan ist Jahrgang 1969, Alewit, und kam 1986 als "importierter Bräutigam" nach Berlin, so nennt man das auf Türkisch. Er hat in Fabriken gearbeitet, als Kameramann auf Hochzeiten, als Journalist. Er kennt das Publikum, das in seine Filme geht. Beziehungsweise: "Ich dachte, dass ich es kenne." Der gescheiterte Putsch vom vergangenen Juli hat auch in Deutschland Familien zerrissen, Freundschaften zerstört, die Menschen seien mehr denn je auf die Türkei fixiert, sagt Ali Fidan: "In der Türkei geht eine Bombe hoch, und hier gehen die Menschen an dem Abend natürlich nicht mehr ins Kino."

Ali Fidan wünscht sich, türkische Regisseure würden mehr Liebesfilme und mehr Komödien drehen. Andererseits ist es nicht so, dass er keine patriotischen Filme zeigt. "Reis" zum Beispiel, das pathetische Biopic über Recep Tayyip Erdoğan, holte er nach Deutschland. Der Film brach übrigens keine Rekorde: Nicht mal 15 000 Besucher am Startwochenende Anfang März.

Die "Berg"-Filme laufen bei Kinostar, der Konkurrenz aus Stuttgart, aber auch Ali Fidan würde solche Filme zeigen. Es geht ums Geschäft, sagt er, um Umsatz, er beschäftigt sieben Mitarbeiter in Berlin- Charlottenburg. Persönliche cineastische Vorlieben könne er sich im Verleihbusiness nicht leisten. Vor ein paar Jahren versuchte er es mit einem Festivalfilm, den er sehr mag: "Gözetleme Kulesi / Der Wachturm" von Pelin Esmer.

Kunstfilme sind eher schlecht fürs Geschäft, aber anzügliche Klamotten laufen ausgezeichnet

Wer türkisches Autorenkino verfolgt, hat vermutlich auch den "Wachturm" gesehen. Ein düsteres Meisterwerk über eine junge Frau, die von ihrem Onkel geschwängert wird, das Kind bekommt und sich irgendwie im Leben zurechtfinden muss. "Wachturm" hatte weniger als 1000 Zuschauer in Deutschland, das bedeutete für Ali Fidan 25 000 Euro Verlust. Apropos türkisches Autorenkino: Jahrzehntelang führte Yılmaz Güneys "Yol" die Charts in Deutschland an, der Cannes-Gewinner von 1982. Aber es ist anzunehmen, dass "Yol" auch von vielen Nicht-Türken gesehen wurde. Güney inszenierte den Film nach dem Putsch von 1980 aus dem Gefängnis heraus, sein Assistent hielt sich penibel an die Regieanweisungen. Dreht jemand gerade einen Film über die Hexenjagd in Erdoğans Türkei?

Kinostar, die Stuttgarter Firma, bringt jedes Jahr etwa ein Dutzend Filme nach Deutschland. Weniger als Af Media, aber Kinostar hat "Recep Ivedik" im Portfolio und kann sich nicht über Zuschauerzahlen beklagen. Geschäftsführer Michael Roesch erklärt sich den Erfolg mit dem Talent des Hauptdarstellers Şahan Gökbakar und dessen Sprachwitz. Ein Beispiel aus der jüngsten Folge: Recep Ivedik wendet sich an einen Russen namens Nikolaj und sagt: "Ne oldu lan Nikolaj, sana koymak ne kolay." Nikolaj klingt wie "ne kolay", und übersetzt heißt das Ganze: Was ist los, Nikolaj, dich zu ficken ist so einfach. Michael Roesch warnt davor, ausschließlich die Kinozahlen als Erfolgsmaßstab heranzuziehen. Viele Menschen sehen sich die Filme mittlerweile bei Amazon, iTunes, Netflix an, die aus den genauzen Klickzahlen zwar ein Geheimnis machen, aber "Recep Ivedik" ist mit Sicherheit auch dort ein Hit.

© SZ vom 02.05.2017

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