Türkischer Kultroman Monsterleben

Ingenieur und Dichter: Oğuz Atay.

(Foto: Ara Güler/Binooki Verlag)

Ein Bartleby in der Nachkriegstürkei: Millionen Türken haben den Roman "Die Haltlosen" des jung verstorbenen Autors Oğuz Atay verinnerlicht. Jetzt gibt es ihn endlich auch auf Deutsch.

Von Tim Neshitov

Im achten Kapitel dieses Romans findet sich eine wissenschaftliche Definition der Figur, die er im Titel trägt: "Der Haltlose (disconnectus erectus) ist ein unbeholfenes und furchtsames Tier. Manche Vertreter seiner Spezies wachsen bis zur menschlichen Größe heran. Auch seine Physiognomie ähnelt auf den ersten Blick der eines Menschen. Allerdings sind seine Klauen und insbesondere seine Krallen äußerst schwach. Auf abschüssigem oder stark ansteigendem Gelände findet er daher keinen Halt und rutscht ab (wobei er nur allzu oft aus dem Gleichgewicht gerät). Seine Körperbehaarung ist spärlich. Obwohl er sehr große Augen hat, ist seine Sehfähigkeit unterdurchschnittlich ausgeprägt. Deshalb kann er Gefahren von weitem nicht erkennen."

Oğuz Atay widmete dieser Spezies Anfang der Siebzigerjahre einen langen Roman, 724 Seiten im türkischen Original. Atay prägte nicht nur ein treffendes Wort für eine lebensuntaugliche Lebenshaltung, er machte daraus einen Kult. "Tutunamayanlar", "Die Haltlosen" ist in der Türkei ein moderner Klassiker. Die Handlung ist überschaubar: Selim Isik, Chefingenieur einer Baubehörde, erschießt sich im Alter von 28 Jahren, weil er keinen Halt im Leben findet. Er fühlt sich unwohl unter Zeitgenossen, wird von unerklärlichen Ängsten geplagt, "von pflänzlichen Ängsten", er weiß nicht, wieso er lebt. Er schwitzt und schreibt Tagebuch.

Seinen Jugendfreund Turgut wirft dieser Selbstmord völlig aus der Bahn. Turgut entfremdet sich von seiner Frau, spricht obsessiv mit Menschen, die Selim kannten, irrt mit Selims Tagebuch in der Hand durch eine stumpfe Nachkriegstürkei, ein Land voller Teegärten, Bahnhöfen, Bordellen, Varietés, in denen sich reiche Provinzler mit Goldzähnen "merhaba" sagen, Damen, die den Kellnern ihre Handtaschen über den Schädel ziehen. "Ich mag die verlogene Welt nicht mehr", sagt Turgut. "Von den Blumen mag ich das Gänseblümchen, von den Menschen Selim."

Selim, der verlorene Chefingenieur, erstarrt - sein Tagebuch hält es fest - irgendwo zwischen Selbstmitleid und Rebellion. Er ist ein ehrlicher Denker, der weder sich selbst noch andere täuschen will, und täuschen heißt für ihn so tun, als hätte das Leben einen Sinn. Selim nervt auch durchaus. "Ich bin ein jämmerlicher Kerl und ich weiß, wie jämmerlich ich bin."

Millionen Türken haben dieses Buch verinnerlicht - was finden sie an diesem Lebensverweigerer?

Dieser Roman ist kein Buch, das man wegliest. Schon gar keins, das irgendwelche Botschaften enthält, die uns die Türkei erklären. Es ist, sprachlich wie inhaltlich, eine Abrechnung mit dem Monster namens Leben und galt lange als unübersetzbar. Nun ist es doch auf Deutsch erschienen, im kleinen Berliner Verlag Binooki, der sich auf die türkische Literatur spezialisiert hat. Die Übersetzung muss eine Geduldsübung gewesen sein, und leider ist auch das Ergebnis eine Geduldsübung. Der deutsche Text entwickelt nicht den Sog, der das Buch im Original zusammenhält. Es zerfällt in dahergeflatterte, mal fröhlich, mal grimmig verspielte Textfragmente: Gerichtsprotokoll, Gesang, Bewusstseinsstrom. Das Original ist postmodern langatmig, stellenweise pubertär, aber in einer Sprache erzählt, die ihre Leser immer weiter trägt, wie ein Kanu mit verstecktem Motor. Bei der Übersetzung aber braucht man viele doppelte Espressi, um weiterzulesen, manchmal bei den einfachsten Sätzen: "Der Regen hatte der Natur Vitalität gebracht."

Millionen Türken haben dieses dicke Buch verinnerlicht. Was finden sie an einem Lebensverweigerer mit feuchten Händen? Keine Ahnung, könnte Oğuz Atay sagen. Er war wie seine Helden Ingenieur und jemand, der lieber Menschen beschrieb, statt Gesellschaften zu deuten. Er starb mit 43 Jahren an einem Gehirntumor und hinterließ mehrere Bücher, die von Angst und Unangepasstheit handeln. "Die Haltlosen" war sein erster Roman und wurde zu seinem literarischen Vermächtnis.

Selim Isik, das dürfte die Anziehung dieses Buchs ausmachen, ist sympathischer als all die Macher und Genießer, die ihn umgeben. Er ist der einzig wirklich Lebendige, jemand, der nicht nach Mustern funktioniert, obwohl er nie leben wollte. Er ist der türkische Bartleby, im Grunde sagt er nichts anderes als: Ich möchte lieber nicht. Aber anders als Herman Melvilles Bartleby versucht Selim Isik zu erklären, warum er eigentlich nicht will. Er meint, irgendwas sei schief in seinem Hirn.

Aus Selim Isiks Bewusstseinsstrom: "das Leben strengt mich nunmehr an sogar einfach nur zu leben ohne dass ich ein wichtiges Ereignis erlebe strengt mich an mit den Menschen zusammen sein auf ihre Aussagen antworten sie fragen wie es ihnen geht beim Eintreten hallo bei der Verabschiedung machen sie es gut auf Wiedersehen sagen die Gespräche verfolgen was wollte er wohl sagen hat er verstanden was ich gesagt habe ob ich wohl etwas falsch gemacht habe, habe ich verstanden, was er gesagt hat es gibt so viele Menschen und es passieren so viele Ereignisse gleichzeitig dass ich wenn ich eines verfolgen möchte das andere verpasse . . .".

Die Haltlosen sind keine Sekte, eher ein Menschenschlag. Ein vergleichsweise sympathischer.

Selim Isik versucht, sich selbst eine Diagnose zu stellen, bis es ihm zu blöd wird. Aber in diesem Buch ist er nur einer von vielen. "Der Prinz der Haltlosen" bekommt posthum eine Gefolgschaft, die ohne ihn nicht klar kommt ("Rücksichtlos hast du alles mit deiner Selimität erfüllt.") Er hinterlässt eine Enzyklopädie der Haltlosen, wird sogar mit Jesus verglichen, aber eher im Scherz. Die Haltlosen sind keine Sekte, eher ein Menschenschlag, der offenbar bis heute in der Türkei verbreitet ist. Und man muss sagen, der Disconnectus errectus ist im Vergleich zu anderen ein sehr sympathischer Menschenschlag.

Oğuz Atay: Die Haltlosen. Roman. Aus dem Türkischen von Johannes Neuner. Binooki Verlag, Berlin 2016. 786 Seiten, 29,80 Euro.