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Türkische Satire-Magazine:"Ich lasse mir meinen Porno nicht wegnehmen"

Monsterbusen-Gestalten, verpickelte Schwerenöter, Masturbations- und Fäkallyrik: Türkische Satire-Magazine wie "Uykusuz" oder "Penguen" widersetzen sich der Zensur, nicht einmal Ministerpräsident Erdogan bleibt von den Karikaturisten verschont.

Auf Memos Schreibtisch steht ein holzgeschnitzter Penis. Darüber ein Poster: Ich lasse mir meinen Porno nicht wegnehmen. Am gegenüber liegenden Arbeitsplatz hat sein Cartoonisten-Kollege die halbe Wand mit einer Filzstiftzeichnung zugewuchert, aus der alle möglichen nackten Körperteile ragen. Und auch sonst erinnert die Redaktion des Satiremagazins Uykusuz, eine Zimmerflucht in einem ruhigen Hinterhof in der Nähe von Istanbuls Haupteinkaufsstraße Istiklal, ein bisschen an eine Künstlerkommune. Jeder und alles darf hier kommentiert werden - selbst die Kugellampen im Gang sind der anarchischen Kritzelwut der Journalisten und Zeichner erlegen.

Den Behörden ein Dorn im Auge: Selbst die Zensurbehörde in Istanbul kann die Herausgeber von "Uykusuz" nicht stoppen.

Das "Amt für staatliche Zensur", sagt Memo, der mit Bartgestrüpp, Zopffrisur und Schlabberhose kaum wie ein millionenschwerer Popstar wirkt, "behauptet, dass wir Karikaturisten einen schädlichen Einfluss auf die Moral von Minderjährigen ausüben. Sie wollen die Medien säubern." Offensichtlich aber hat die offiziell "Kommission für den Schutz von Minderjährigen vor unzüchtigen Veröffentlichungen" genannte und im Amt des sittenstrengen Premierministers Recep Tayyip Erdogan angesiedelte Zensurbehörde den "Schweinepriester" von Uykusuz nicht stoppen können.

Jeder türkische Jugendliche kennt Memos nackte Monsterbusen-Gestalten, seine rübennasigen verpickelten Schwerenöter und die derben Exkurse über den Niedergang des Kapitalismus. Seine Comicbände erreichen sechsstellige Auflagen. Auf der Straße wird der gemütlich wirkende Familienvater regelmäßig um Autogramme gebeten, oder Fotos, die später auf der inoffiziellen Uykusuz-Fanseite mit über einer Million Facebook-Freunde gepostet werden.

Die türkischen Jugendlichen glauben uns eher als den Tageszeitungen oder dem Fernsehen", sagt Polit-Kolumnist Baris Uygur. "Weil wir nicht korrumpierbar sind." Die Uykusuz-Mitherausgeber Memo Tembelgizer alias Memo und Yigit Özgür alias Yigit nicken. "In der Redaktionskonferenz sprechen wir nur Format, Größe und Thema der Beiträge ab. Ansonsten wird nichts zensiert. Uns kann auch niemand kaufen - wir nehmen keine Anzeigen an."

Uykusuz heißt übersetzt "Schlaflos". Auf einem der letzten Cover: Der türkische Premier Erdogan in hochhackigen rosa Frauenpantoffeln mit Amerikas Vize Joe Biden. Eine Anspielung auf den Empfang des Gastes in Erdogans Privatwohnung. Soll Erdogan doch klagen! Immer wieder hat der Premier Satire-Zeitschriften vor Gericht gezerrt. Weil sie ihn mit Stinkefinger collagierten. Weil sie ihn als Kamel, Affe oder Elefant zeichneten.

Am Ende flossen ein paar tausend Euro Schmerzensgeld. Verbieten lassen aber konnte Erdogan weder Uykusuz noch die beiden anderen türkischen Satire-Magazine Penguen und LeMan. Und erst recht nicht das höhnische Lachen ihrer jugendlichen Leser. Jede Woche verkaufen die drei zusammen eine Auflage von rund 200.000 Exemplaren, die auf Pausenhöfen, Campussen und im Freundeskreis zirkulieren.

Ventil einer patriachalisch-hierarchischen Gesellschaftsordnung

Vor vier Jahren hat ein sechsköpfiges Kollektiv von Zeichnern und Textern Uykusuz gegründet. Seitdem bringen sie die Zeitschrift im Selbstverlag heraus. Uygur, der zuvor als Werbetexter und Journalist arbeitete, glaubt an die politische Wirkung des Mediums: "Progressive Ansichten haben in der korrupten türkischen Medienlandschaft keine Chance, es sei denn sie kommen als Witz daher."

Der studierte Kommunikationswissenschaftler holt weit aus, um die Ausnahmestellung der Karikaturistenszene in der Türkei zu erklären: Ihre seit den zwanziger Jahren bestehende Funktion als Ventil einer patriarchalisch-hierarchischen Gesellschaftsordnung, ihrer heutigen Rolle als Alternative zu dem Dutzend großer Tageszeitungen, die alle den selben drei Konzernen mit Verbindungen zu Regierung, Militär und rechten Parteien gehören.

Uygur erzählt von manipulierten Schlagzeilen, Redaktionskonferenzen unter Leitung der Anzeigenabteilung und notorisch unterbezahlten, und korrupten Kollegen. Sein Resümee: "Hierzulande enden alle guten und unabhängigen Journalisten auf die selbe Weise - im Sarg oder im Gefängnis". Also habe er den Notausgang gewählt.

Die ersten drei Seiten jeder Uykusuz-Ausgabe gehören traditionell der Politik, spießen die Machtgelüste und Wichtigtuereien der Amtsinhaber auf, allerdings auf einer Ebene, die sich herkömmlicher Diskurs-Logik entzieht. Die Comics können nicht absurd genug ausfallen, während die Politkolumnen vom Hundertsten zum Tausendsten strudeln, um aus ganz unerwarteter Richtung zu schießen. Oder ihr Sujet gleich ins Kafkaeske ziehen. Das passt zum Lebensgefühl einer ganzen Generation, die, wie Uygur sagt, das Weltgeschehen zwar kritisch verfolgt, "sich aber weder von der alten Elite der Kemalisten noch von Kopftuch tragenden Islamistinnen vertreten fühlt".

Vor allem lebt Uykusuz von seinen Zeichnern: Memos erotomanische Fantasien, seine Bänkelgesänge an das eigene Geschlecht. Der Tabubruch mit Masturbations- und Fäkal-Lyrik funktioniert nur so gut, weil die Zeichnungen mehr sind als bloße Witz-Illustrationen. Wie er kommt auch Yigit aus der Kunstakademie-Szene. Yigit mit den Knollennasen-Figuren. Ein Typ, der - schwarzes Militär-Käppi und Selbstgedrehte im Mundwinkel - Zehntausenden jugendlichen Nachwuchszeichnern als Vorbild gilt, inzwischen selbst in Fernsehspots von Banken auftritt und mit schnoddrigem Strich Alltagsszenen auf eine Weise skizziert, die alle in Amtsstuben gerahmten Unumstößlichkeiten zum Wackeln bringt.

Da versucht etwa ein religiös gewandeter Familienvater den Streit seiner zwei Söhne zu schlichten. Es geht darum, wer im Stockbett oben schlafen darf: "Ich bin der Ältere, ich habe mich zuerst gemeldet und außerdem nässe ich nicht ins Bett wie mein Bruder." - "Vater", sagt der Jüngere, "ich streite mich nicht gern: Aber ich möchte einfach näher bei Gott sein." - "Na, dann geh schon hoch."

Man könne die Tabus in der Türkei als Arbeitshindernis ansehen, erklärt Yigit, oder auch als Glücksfall. Denn erst die Hindernisse beflügelten seine Phantasie. Yigits Vorbild ist Robert Crumb. Wie überhaupt der subversive Strich des amerikanischen Polit-Comics in der Türkei mehr Gegenliebe zu finden scheint als in seinem Ursprungsland. Die Pointen: Feinnerviger, subtiler als beim Gros der westlichen Pendants.

Das türkische Publikum ist entsprechend für das Entziffern von Subtexten geschult: Während etwa die Lizenzausgabe der amerikanischen Mad offensichtlich an den lokalen Reizthemen vorbei witzelte, und wieder vom Markt genommen wurde, hat das Magazin Gir Gir bereits in den siebziger Jahren die Blaupause für alle heutigen Satirezeitschriften geliefert: Jugendlich-forsch, von Straßenslang durchsetzt und mit groteskem Humor an den Schnittstellen von Politik, Pornografie und Pöbelei.

Mohammed, Atatürk und Wehrdienst sind tabu

Warum die Politiker uns fürchten?" Baris Uygur zieht die Augenbrauen hoch. "Weil wir ihnen in einer Art Fremdsprache begegnen. Weil wir auf eine Ebene wechseln, wo sie machtlos wirken. Oder zumindest lächerlich." Ein türkischer Karikaturist, den Erdogan wegen dessen Darstellung als Affe auf Schmerzensgeld verklagte, zeichnete den Premier eine Ausgabe später als Sperber - und betonte das Edle des Tieres. Der Premier schwieg diesmal. Das Gelächter aber konnte er nicht mehr aufhalten.

So ist es wohl auch der Comic-Tradition der Türkei zu verdanken, dass der Streit um den dänischen Mohammed-Karikaturisten hier anders als in anderen islamischen Ländern kaum Widerhall fand, auch wenn die einheimischen Zeichner das Tabu durchaus respektieren. "Nur drei Regeln", sagt Yigit, "müssen Karikaturisten in der Türkei beachten.

Erstens: Zeichne auf keinen Fall einen religiösen Würdenträger. Am wenigsten den Propheten Mohammed." Wenn eine türkische Satirezeitschrift es vor 20 Jahren noch wagte, den Propheten als Außerirdischen darzustellen, der in einer von Spinnweben verhängten Höhle haust, sei so etwas heute nicht mehr denkbar. "Zweitens: Mache dich niemals über Atatürk lustig. Drittens: Ermutige niemanden, den Wehrdienst zu verweigern."

Eine Seite der Zeitschrift gehört traditionell den Leser-Beiträgen. Sie kommen von Jugendlichen aus der ganzen Türkei. Viele von ihnen haben schon mindestens einmal die Wallfahrt angetreten: Zur mittwöchlichen Redaktionskonferenz, die nach dem basisdemokratischen Credo von Uykusuz allen interessierten Nachwuchs-Cartoonisten offen steht. Nebst Coaching durch Stars wie Memo und Yigit. Die Beiträge der Gäste sind meist hochambitioniert, voller untergründiger Bosheit. Offenbar hat die Kunst der Uykusuz-Cartoonisten, große Gesellschaftsdiskurse auf eine scheinbar einfache Gossen-Dialektik herunterzubrechen, in der Türkei flächendeckend Schule gemacht.

Das liegt wohl nicht zuletzt an dem Hase-und-Igel-Spiel mit den Zensoren. "Die Jugendlichen", erklärt Memo, "wetteifern darum, sie auszutricksen, und dabei eine Sprache zu kreieren, die im Idealfall wieder vom Straßenslang übernommen wird." Beliebt seien Lispler und Verhasplern, der Einsatz von Platzhaltern und die Camouflage der Zweideutigkeit. Viele türkische Wörter seien mehrfach belegt, gewönnen erst durch die Intonation ihre Bedeutung. "Wir sagen dann eben vertickte Meiße. Und jeder weiß was gemeint ist."

© SZ vom 07.03.2012/mapo/pak

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