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Türkische Künstlerszene:Selbst nicht-türkische Künstler schrecken zurück

Auch hierzulande hat sich die Situation für deutsch-türkische Medien- und Kulturschaffende verschärft. Die Journalistin Akdeniz erinnert sich an eine TV-Debatte, die sie diesen Sommer im türkischen Fernsehen sah und in der Podiumsteilnehmer im Ausland lebende Türken dazu aufforderten, Regierungskritiker mundtot zu machen. "Wenn ich mir dann überlege, dass es in Deutschland wahrscheinlich rund 2000 Spitzel gibt, die für die türkische Regierung arbeiten, weiß ich nicht, ob ich hier sicher bin." In den Sozialen Medien jedenfalls wird sie zunehmend für ihre politische Haltung angefeindet: "Die anonymen Hassangriffe auf meine Posts bei Facebook und Twitter sind in den vergangenen zwei Jahren exponentiell gestiegen. Ich habe noch nie zuvor so viele Menschen blockieren müssen wie in der letzten Zeit."

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Die Lage ist aktuell äußerst schwierig, findet auch Dramaturg Öziri: "Viele Deutschtürken werden gerade von allen Seiten angegriffen. Einerseits will jemand wie der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland die deutsch-türkische SPD-Politikerin Aydan Özoguz in Anatolien entsorgen und sagt den Deutschtürken allgemein, dass sie in diesem Land nicht richtig aufgehoben sind, andererseits wächst die Gefahr, von der türkischen Regierung und ihren Anhängern verfolgt zu werden."

In so einer beklemmenden Stimmung ist es kein Wunder, dass auch viele deutsch-türkische Kulturschaffende sich, was kritische Äußerungen gegenüber Erdoğan angeht, gerade zurückhalten. Ein Filmemacher, der anonym bleiben möchte, schreibt: "Im Moment enthalte ich mich jeglichen öffentlichen politischen Diskussionen und ich spüre Erleichterung." Sein Umgang mit der Situation sei Schweigen und Geduld.

Die diffuse Angst vor Erdoğan und seinen Schergen zieht weite Kreise. Auch Künstler, die keinen türkischen Hintergrund haben, schrecken vor Stellungnahmen zurück. Der Schriftsteller İmran Ayata, der sich in der Initiative "Free Deniz" engagiert, erlebte, dass ihm sogar Künstler ohne türkischen Hintergrund für Aktionen im Rahmen der Solidaritätskampagne abgesagt haben. Sie fürchteten Repressionen, sagt der 48-Jährige.

Relativ unbekannt zu sein oder in einem künstlerischen Bereich zu arbeiten, der nicht ganz so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist normalerweise von Nachteil. Im Fall von Regimekritikern hingegen manchmal nicht. Der Komponist für zeitgenössische Musik Marc Sinan antwortet beispielsweise: "Die Beleidigungen und Drohungen haben sich bisher in Grenzen gehalten. Das liegt auch an der Nische, in der ich mich bewege. Ich glaube, dass die Schnittmenge von Menschen, die politisches und zeitgenössisches Musiktheater wahrnehmen und der Anhängerschaft von Erdoğan gleich null ist." Allerdings ist auch der 41-Jährige schon mit dem türkischen Staat aneinandergeraten. Einer seiner Konzertabende, der sich mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigte, sollte 2016 im deutschen Generalkonsulat in Istanbul aufgeführt werden, wurde dann aber von türkischer Seite kurzfristig abgesagt.

Die Künstler sind mit der Verhaltensweise der deutschen Regierung unzufrieden

Was den Umgang mit künstlerischen Produktionen in der Türkei selbst betrifft, spricht Tunçay Kulaoğlu, der als freiberuflicher Filmemacher, Autor und Dramaturg arbeitet, von Willkür. Während seines zehnmonatigen Stipendiums an der Istanbuler Kulturakademie Tarabya bis zum August 2016 erlebte der 51-Jährige, wie die Videoarbeit eines französischen Künstlers, die sich mit der Historie der Meinungsfreiheit beschäftigte, verboten, der sehr kritische Theaterabend eines türkischen Regisseurs aber erlaubt wurde. "Menschen werden meistens verfolgt, weil es Denunziationen gibt", sagt er. Dennoch gebe es auch in der Türkei selbst noch relativ viel künstlerischen Widerstand aus dem Untergrund, sagt ein anderer Interviewpartner. Von den bekannten oppositionellen Künstlern, lebe ein Großteil jedoch mittlerweile im Exil.

Viele deutsch-türkische Kulturschaffende üben auch am Verhalten des deutschen Staates Kritik. Was Tunçay Kulaoğlu im Fall von Akhanlı schockiert: "Die deutschen Behörden wussten, dass er gesucht wird, sagten ihm aber nicht Bescheid. Die Bundesrepublik hat eine Verantwortung und handelt total verantwortungslos." Sein Dramaturgie-Kollege Öziri fragt sich, warum Deutschland nicht endlich wirtschaftliche Sanktionen und eine Reisewarnung auf Erdoğans Verhaftungswut folgen lässt. Und auch Journalistin Akdeniz ist von den laschen Reaktionen entsetzt: "Die Tatsache, dass Erdoğan beim G20-Gipfel in der ersten Reihe posieren darf, sagt schon alles." Und Komponist Marc Sinan fordert: "Wenn wir nicht für unsere kostbaren Werte einstehen, werden wir sie verlieren. Schluss mit der armseligen Haltungslosigkeit."

Ein Ort mit Haltung und Widerstand ist hingegen gerade das Theater. Es ist kein Zufall, dass viele, die sich zum Interview bereit erklärten, in diesem Bereich arbeiten oder mit der Szene verbunden sind. Regisseur Nuran David Calis berichtet von einer großen Solidarität mit Akhanlı an den deutschsprachigen Häusern. "Von der Intendanz bis zur Dramaturgie, alle haben Spenden gesammelt, um Doğan bei der Finanzierung seiner spanischen Bleibe zu helfen."

Doch egal, wie anstrengend, unangenehm und bedrohlich es manchmal für sie ist, die Interviewten lassen sich nicht unterkriegen, sagen sie. Komme, was wolle, sie sehen es als ihre Pflicht an, auch weiterhin auf Missstände hinzuweisen. So auch der 46-jährige türkeikritische Filmemacher Miraz Bezar, der sich aufgrund seiner kurdischen Identität seit jeher in Alarmbereitschaft befindet, wie er sagt. Und das Theaterstück "Istanbul" wird auch ohne Doğan Akhanlı weiter in Köln aufgeführt werden, sagt Nuran David Calis. "Natürlich haben wir Sorgen und Bedenken, aber die sind nie so groß, dass wir uns in unserer Freiheit einschränken lassen. Der Mut und der Drang zu Erzählen sind stärker."

© SZ vom 08.09.2017/jbee

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