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Türkische Chronik (XXXIII):"Warum bleibt Gülen schweigsam?"

Fethullah Gülen

Warum hat sich noch keiner seiner Anhänger Gedanken darüber gemacht, warum Fethullah Gülen zum Staatsfeind Nummer eins geworden ist?

(Foto: dpa)

Die Gülen-Bewegung war auf Erdoğans Terror, die systematische Ausgrenzung und die Überwachungsschikanen nicht vorbereitet. Ein Treffen mit sieben Anhängern.

"Wir möchten über unser Leid sprechen und würden uns freuen, wenn Sie uns zuhören", stand in einer Nachricht, die mich erreichte, als ich gerade in Europa war. Eine Gruppe von sieben Geschäftsmännern, die mehr oder weniger der Gülen-Bewegung zugerechnet werden können, wollte mich treffen. Einige von ihnen waren gezwungen worden, die Türkei zu verlassen. Andere lebten schon länger in Europa und fühlten sich dort vom türkischen Geheimdienst bespitzelt.

Erdoğan hatte sie 2012 noch lobend als "anatolische Tiger" bezeichnet. Knallharte Geschäftsmänner, die einst für den Einzug der Globalisierung in die Türkei gestanden hatten. Als wir uns trafen, merkte ich, dass nicht mehr viel von ihrem einstigen Selbstbewusstsein übrig geblieben war. Sie wirkten niedergeschlagen. Kein Wunder. Erdoğans Krieg gegen die Gülen-Bewegung hat ein Ausmaß erreicht, dass an eine mittelalterliche Hexenjagd erinnert.

Ich war schockiert, als ich erfuhr, wie brutal selbst entfernte Gülen-Anhänger behandelt wurden. Ich hörte Geschichten von Folter, Erpressung, Bespitzelung naher Verwandter und von Familien, die an den Schikanen zerbrochen waren. Dann erzählten mir die Männer, wie ein gewaltiger Teil ihrer Besitztümer und ihres Vermögens beschlagnahmt und Anhängern der AKP übergeben worden war. Sie zählten große und mittelständische Unternehmen auf, die nun bankrott waren und deren Geschäftsführer entweder im Gefängnis saßen oder ins Ausland geflüchtet waren. Sie schätzten, dass die Regierung insgesamt 70 bis 90 Milliarden Euro konfisziert hatte. Viele hatten erlebt, wie ihre Unternehmen mit Tausenden Beschäftigten von einem Tag auf den anderen zerstört worden waren - aufgrund des Notstands und der Anti-Terror-Gesetze.

Wie hätten sie sich wehren sollen?

Ich fragte sie, wie sie ihre Rechte verteidigen wollten. Hatten sie Ellenbogen-Juristen engagiert? Sie antworteten vage. Mich überraschte, wie unvorbereitet sie auf einen Rechtsstreit waren.

Klar wurde: Die Schikanen hatten die Gülen-Bewegung so plötzlich und mit solcher Wucht getroffen, dass sich ihre Anhänger in einer Art Schockstarre befanden. Doch selbst, wenn sie es hätten kommen sehen, wäre zweifelhaft gewesen, ob sie reagiert hätten, diese klugen, aber im zivilen Ungehorsam völlig ungeübten Menschen, die fest davon überzeugt waren, von der AKP für immer geschätzt zu werden. Wie hätten sie sich gegen einen Staat wehren sollen, der sich seine Erzfeinde seit Jahrzehnten immer wieder neu erfindet? Nun war eben ihre Zeit gekommen. Und es steht fest, dass Erdoğan nicht wirklich daran interessiert ist, die Hintermänner des Putschversuchs auszumachen. Stattdessen will er all jene vernichten, die auch nur entfernt mit der Gülen-Bewegung in Kontakt stehen. Diese soziale Tragödie macht Hunderttausende zu rechtlosen Pariahs.

Ich fragte meine Gesprächspartner, ob die Bewegung an dem Putschversuch beteiligt gewesen sei. Hatte Fethullah Gülen den Putsch angezettelt oder wusste er davon, tat aber nichts, um ihn zu verhindern? Bis auf zwei waren sich alle einig, dass Gülen-Anhänger in den Putsch involviert waren. Als ich fragte, inwieweit sie selbst daran beteiligt waren, wurden einige von ihnen wütend. Als ich sagte, dass der Großteil der Obersten und Ein-Sterne-Generäle vermutlich Gülen-Anhänger gewesen seien, stieß ich auf heftige Ablehnung. "Es sind weit weniger als 50 Prozent", sagte einer. Der Tischälteste versicherte mir, dass Gülen vielleicht nichts vom Putschversuch gewusst habe und die Meuterei ein Akt der Verzweiflung gewesen sein könnte. "Ich schwöre bei Allah, dass ich möchte, dass alle Putschisten, ob Gülen-Anhänger oder nicht, vor Gericht gestellt und verurteilt werden", sagte er.

Türkisches Tagebuch

Einer von ihnen fragte sich, ob es in der Zukunft irgendeine Chance für Gülen-Anhänger gebe, sich in der Politik zu engagieren. Ich machte ihnen klar, wie sie von anderen Oppositionellen wahrgenommen werden: Die einen sehen in ihnen Komplizen Erdoğans, andere machen sie verantwortlich für den Zusammenbruch des kurdischen Friedensprozesses. Ich sagte ihnen auch, dass ich noch nicht einen Gülen-Anhänger getroffen habe, der sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, warum Fethullah Gülen zum Staatsfeind Nummer eins geworden ist. "Warum bleibt Gülen schweigsam?", fragte ich sie. "Liegt es nicht in seiner Verantwortung, all die offenen Fragen zu beantworten, die immer noch im Raum stehen?" Die Geschäftsmänner schwiegen. Das Abendessen war beendet.

Der Autor, geboren 1956, ist Journalist, Blogger und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Anna Fastabend.

© SZ vom 07.04.2017/cag

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