Süddeutsche Zeitung

Türkische Chronik (XXXI):Die neuen Jungtürken aus Köln

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Der Kölner Fernsehsender Arti TV verspricht unabhängige Berichterstattung über die Türkei. Für die Menschen in der Heimat, die die Propaganda im Staatsfernsehen leid sind.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

"Wer wird die Nachfolge von Ahmed Rızâ Bey antreten?", fragte ich in die Runde, und dieser Scherz wurde mit einem Lachen belohnt. Einige der Anwesenden zeigten auf ältere Leute, die im Raum verteilt standen. Das führte zu noch mehr Lachen.

Vergangenen Freitag fand in einem Ballsaal in einem Kölner Hotel eine mit großen Hoffnungen erwartete Veranstaltung statt: Der Launch des neuen Fernsehsenders Arti TV, der Unabhängigkeit, kritische Inhalte und Meinungsvielfalt verspricht.

Er ist ein Partner der Online-Nachrichtenseite Artigercek und wird von der niederländischen Art Media Foundation unterstützt. Man hofft nun, dass diese unabhängigen Förderer dem Sender zur Institutionalisierung verhelfen können.

Bei der Feier waren etliche türkische und deutsche Journalisten versammelt. Doch waren es die Dissidenten, die mich an die berühmten "Jungtürken" denken ließen, die sich vor über 100 Jahren gründeten.

Ahmed Rızâ Bey war einer der Gründer der Jungtürken, die sich gegen den damaligen osmanischen Sultan Abdülhamid II. auflehnten. Seit dem Jahr 1878 organisierten sie sich im Untergrund und versuchten, die konstitutionelle Monarchie wiedereinzuführen. Sie verteilten sich von Thessaloniki bis in den restlichen Balkan. Einige ließen sich sogar in Paris nieder. Das Exil gehörte so lange zur Tradition der türkischen Opposition, bis der Sultan gestürzt wurde.

Exil vor allem in Deutschland

Nun steht wieder eine Verfassungsänderung historischen Ausmaßes an. Viele Freiheitssuchende, die das Gefängnis oder die Verbannung fürchten müssen, flüchten sich ins Ausland, diesmal jedoch vor allem nach Deutschland als Epizentrum und politischen Magneten für demokratische Oppositionen und unabhängige Medien.

Da Erdoğan fast alle kritischen Sender vom Regierungssatelliten Turksat und den digitalen Plattformen verdrängt hat, versucht Arti TV, die Zuschauer über den Satelliten Hotbird zu erreichen.

Das Verfassungsreferendum Mitte April ist für die Türkei in vielerlei Hinsicht eine Frage über "Sein oder Nichtsein". Und der Sender will das sein, was es heutzutage in den türkischen Medien nicht mehr gibt: eine Plattform für vielfältige, faire und öffentliche Debatten. Da die Kampagne der AKP bösartig, einseitig, aggressiv und bedrohlich geworden ist, ist die Aufgabe der Macher des Senders keine einfache: Sie wollen Erdoğan-Gegner dazu überreden, im Fernsehen ihre Meinung zu äußern.

Es war die richtige Entscheidung, in einen Sender zu investieren und nicht in eine Zeitung. Fast 90 Prozent der Türken beziehen Nachrichten und Kommentare über das Fernsehen, umsonst versteht sich. Das ist der Hauptgrund, warum Erdoğan seit der Gezi-Proteste die Kontrolle über das Fernsehen will.

Meine Kollegen von Arti TV kennen den Hunger nach alternativen Medien in der Türkei. Die Leute wollen über Machtmissbrauch, die Wirtschaftskrise, Korruption und das Versagen der türkischen Außenpolitik informiert werden.

Diese Themen tauchen in den etablierten Sendern nicht auf, da sie nur noch offizielle Bilder übertragen, sobald Präsident Erdoğan irgendwo eine Rede hält oder einer Veranstaltung beiwohnt. Die Zuschauer haben genug von den Pro-Erdoğan-Experten, die Abend für Abend auf allen Sendern die gleiche Propaganda herunterbeten.

Gegen Ende des Empfangs in Köln traf ich auf Celal Başlangıç, einen langjährigen Freund, er ist der Chefredakteur von Arti TV. Er sagte, dass die Ausstrahlung des Senders so viel Interesse auf sich zog, dass dessen Website beinahe kollabiert wäre.

Wenn Erdoğan den Kampf will, wird er ihn bekommen

Ich unterhielt mich mit einem türkischen Akademiker, der in den letzten Monaten in Deutschland ein sicheres Zuhause gefunden hat und derselben Meinung war wie ich: Wenn Erdoğan tatsächlich den gesamten demokratischen Widerstand der Türkei dem Erdboden gleichmachen will; wenn er wirklich glaubt, dass meine Journalistenfreunde am Ende dem Druck nachgeben; wenn er hofft, dass die gesamte akademische Welt der Türkei unter seinem Kommando stehen wird; wenn er erwartet, dass die Kurden in der Türkei die demokratischen Forderungen und Kollektivrechte vergessen werden: Dann werden er und seine Partei immer wieder aufs Neue angegriffen werden.

Es ist ein Kampf mit weitreichenden, historischen Dimensionen. Viele Turkvölker sind in Zentralasien und Aserbaidschan von brutalen Diktatoren in die Knie gezwungen worden. Doch wer weiß, vielleicht entsteht jetzt gerade eine neue Jungtürken-Bewegung, die sich dieser Unterdrückung entzieht.

"Siehst du hier irgendwo einen Ahmed Rızâ Bey?", fragte ich einen älteren, linken Intellektuellen, bevor ich nach Hause ging. Er lachte. "Sultane bringen solche Leute hervor", sagte er. "Ich hoffe, so weit kommt es nicht."

Der Autor, geboren 1956, ist Journalist, Blogger und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Natalie Broschat.

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Quelle:
SZ vom 24.03.2017
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