Türkische Chronik (XLVII):Erdoğan betreibt mit Finesse sein Katz-und-Maus-Spiel

Anderswo wird Erdoğans erbärmliches Spiel längst erkannt: "Präsident Erdoğan und seine Verbündeten haben für den Putschversuch vor einem Jahr ein historisches und politisches Narrativ entwickelt, das sich als effektiv in beide Richtungen zeigt: Es eint und entzweit zugleich - genauso, wie Erdoğan es sich wünscht, denn nur so bleibt er an der Macht", sagt etwa der scharfsinnige Beobachter Nick Danforth, ein Politikwissenschaftler des Bipartisan Policiy Centers in Washington, D. C. "Erdoğan nutzte die Gedenkveranstaltung des Putschversuchs, sie als seinen langersehnten Sieg über die säkularen Eliten und das kemalistische Militär umzudeuten und zu feiern. Er nutzte die Gelegenheit gleichzeitig dazu, die Symbole der kemalistischen Türkei für sich einzugemeinden und sie zu islamisieren, um so die eingefleischten Militaristen in der Armee und der Bevölkerung hinter sich zu versammeln."

Ein Bündnis der gespaltenen Opposition ist kaum vorstellbar

Weiter sagt Danforth: "Einen patriotischen Ton anzuschlagen und gleichzeitig den Sieg der Nation über die eigene Armee zu feiern - dafür braucht es Finesse. So behauptet Erdoğan, der 15. Juli sei eine Invasion aus dem Ausland gewesen. Gülen sei nur eine Marionette, die wahren Strippenzieher säßen alle in Washington. Erdoğan zementiert damit seine Macht: Zuerst umarmte er die säkulare Opposition und deren Führer Kemal Kılıçdaroğlu, lud sie zur großen Nationalveranstaltung kurz nach dem Putschversuch ein und pries die Einigkeit der Nation. Ein Jahr später aber fallen die Säkularen aus dieser Erzählung wieder heraus und werden den Feinden der Nation zugerechnet. Als Kılıçdaroğlu seinen Marsch für Gerechtigkeit startete, beschuldigte Erdoğan ihn, es handle sich um einen Marsch für Terroristen, um schließlich zu sagen, die Organisatoren selbst seien Agenten von Gülen."

So betreibt Erdoğan sein Katz-und-Maus-Spiel. Seine Gegner haben so viel damit zu tun, seine Anschuldigungen abzustreiten, dass sie gar nicht dazu kommen, ihn dafür anzugreifen, dass er die türkische Demokratie zerstört hat. Howard Eissensstat von der St. Lawrence University ergänzt: "Wenigstens hat die Opposition jetzt verstanden, sowohl die linke als auch die rechte, dass sie nur gemeinsam gegen Erdoğan ankommen."

Angenommen, die Säkularen und die Kurden würden gemeinsame Sache machen und auch noch all jene eingemeinden, die seit Jahr und Tag unter Erdoğan leiden, also auch die Basis der Gülenisten - nein, solch ein Zusammenschluss ist einfach kaum vorstellbar.

"Mindestens fünf Jahre noch werde ich wohl nicht in die Türkei zurückkehren können", erklärte ein Kollege einem griechischen Journalisten bei einem Treffen. "Wir sind eine Nation voller kluger Individuen, aber da der Druck, sich zu Kollektiven zusammentun, immer größer wird, übernehmen Dummheit und Ignoranz das Ruder. Das ist das Schicksal unserer Opposition."

Der Autor ist Journalist und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Timo Lehmann.

© SZ vom 28.07.2017/jbee
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