Türkische Chronik (XLVI):Was wir verloren haben, ist schwer wieder herzustellen

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Vor einem Jahr auf dem Taksim Platz in Istanbul: Türkische Polizisten treffen auf wütende Bürger. (Foto: Sedat Suna/dpa)

365 Tage von atemlosem Horror: Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei erinnert sich unser Autor im Exil an die Tage, an denen die Katastrophe begann.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Es war mir vom ersten Moment an klar, dass dieses Jahr ein Albtraum für die Türkei werden würde. Es war schwül an diesem 21. Juli und ich war mit meinem Wagen auf dem Weg in eine Hafenstadt, um eine Fähre nach Griechenland zu nehmen.

Am Abend zuvor hatte das türkische Parlament inmitten der Unruhen des militärischen Aufstandes den Ausnahmezustand beschlossen. Man ordnete sogar an, das offizielle Gesetzblatt um 2 Uhr nachts noch einmal zu drucken, damit diese Entscheidung möglichst schnell publik gemacht werde. Es war der Beginn des Albtraums. Und dennoch wurde die Nachricht mit beunruhigendem Gleichmut aufgenommen. Ich war gerade an einer Tankstelle, als ich davon erfuhr. Mein erster Gedanke war: Das wird die Türkei in den Abgrund stürzen. Wer zurückdenkt, der weiß, wie schnell sich ein "Regieren per Dekret" in eine autokratische Herrschaft verwandeln kann.

Ich schrieb ein paar Zeilen auf Twitter, um meine damals beinahe 100 000 Follower zu warnen. Es folgte die nächste Überraschung: Sogar Akademiker, die eigentlichen Experten in der Geschichte der Weltpolitik, versuchten die Nachricht herunterzuspielen. Manche antworteten "Oh, das wird nur von kurzer Dauer sein" und "eine solche Reaktion ist kurzfristig notwendig", oder sogar "Keine Sorge". Frustriert sprang ich zurück in meinen Wagen und gab Gas. Ich war froh, dass ich mich für die Freiheit entschieden hatte. Dieses Gefühl hielt an. Ich wusste instinktiv, dass es Journalisten und Dissidenten schwer haben würden, egal, wer aus dem Chaos siegreich hervorginge. Aber schon Wochen und Monate, vor dem Coup, hatten Journalisten die Vorahnung eines nahenden Unglücks. Viele von uns wurden gefeuert oder arbeiteten nur noch pro-bono. Schon in den Tagen vor dem Coup hatte ich nur noch ein sehr geringes Einkommen von meinen Kolumnen in der Tageszeitung Özgur Düşünce, die während der ersten Maßnahmen im Ausnahmezustand geschlossen wurde. Wir erstickten.

Ich erinnere mich, wie ich einige Wochen vor dem Chaos meinen Kollegen Kadri Gürsel in einem Café namens 'Gezi' am Taksim Platz traf. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber vertrauten einander. Jetzt waren wir uns einig, dass wir keine Zukunft mehr in der Türkei hatten, außer natürlich wir wechselten unseren Beruf. "Es wäre schwachsinnig gegen einen barbarischen Machtapparat anzukämpfen, der jegliches Repressionsinstrument einsetzen kann", sagte ich damals. Es war dringend an der Zeit, das Land zu verlassen. Ich ging. Er wollte, aber konnte es nicht. Mittlerweile sitzt er seit fast neun Monaten hinter Gittern, beschuldigt des Terrorismus. So wie 169 andere auch.

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Während ich weiter Richtung Hafen fuhr, musste ich die ganze Zeit über die Zukunft der Türkei nachdenken. Ich bestieg das Schiff tief bewegt, aber es war keine Sorge, sondern Zorn und Bitterkeit. Nicht die Demokratie war in der Türkei gescheitert. Bestimmte Kräfte hatten das Land an sich gerissen und schlimmes Unheil über all die alten und neu erfundenen "Feinde im Inneren" gebracht, eine altbekannte Methode in der türkischen Geschichte, um eine brutale und inhumane Ordnung aufrecht zu erhalten.

Es war eine Niederlage für alle, die auf eine bessere Zukunft gehofft hatten. Die schwersten Folgen hatte es für die Journalisten, die Akademiker, die Menschenrechtsverfechter, die Engagierten aus der Zivilgesellschaft und auch die wenigen Politiker, die sich für Underdogs interessieren. Ein kollektives Versagen, das mich noch für Monate wütend machen würde. Was wir verloren, ist schwer wieder herzustellen. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass die Türkei bald zu einem zweiten Iran wird, wenn diese Fehler nicht rückgängig gemacht werden. Die am besten Ausgebildeten haben das Land verlassen, große Teile der Bevölkerung wurden zu "Unerwünschten" erkärt.

Was ist schief gelaufen? Die Lage in der Türkei ist so komplex, dass es darauf keine einfache Antwort gibt. Es war eine Verkettung von Umständen, unter den jeder einzelne Bürger in der Türkei leidet: die Jahrzehnte der militärischen Dominanz, ein schwaches Bildungssystem, eine Justiz, die den türkischen Staat vor seinen Bürgern schützen will, und eine Verneinung jeglicher Meinungs- und Identitätsvielfalt haben eine nationale Psyche geschaffen, die verschlossen bleibt gegenüber jeglicher Empathie, zivilisiertem öffentlichem Diskurs und demokratischem Fortschritt.

Ganze Segmente der Gesellschaft verhalten sich wie Stämme und verdächtigen sich unentwegt gegenseitig. Gerät eine verfeindete soziale Gruppe ins Visier der kommt sie an die Macht, schweigen die anderen. Oder schlimmer noch, sie applaudieren der Ungerechtigkeit. Jedes Mal, wenn eine bestimmte Gruppe an die Macht kommt, hat sie reflexartig zunächst nichts anderes zu tun, als alle anderen "inneren Feinde" zu bekämpfen. Es ist ein Teufelskreis der die aktuelle Situation erklärt.

Ein paar Wochen nach meiner Unterhaltung mit Kadri, wurde mein Erstickungsgefühl so stark, dass ich eine Auszeit nehmen musste, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ich floh auf eine griechische Insel in der nördlichen Ägäis. Eines Abends traf ich im Restaurant ein junges Paar. Sie waren aus Istanbul und wollten dem Chaos für kurze Zeit entfliehen, wie sie sagten. Die Frau war schwanger und sehr zurückhaltend, aber man sah ihr die Anspannung an.

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Schon bald begannen wir über die Lage in der Türkei zu sprechen. "Es ist so eine unruhige Gesellschaft", sagte sie, "niemals kann Friede einkehren, es ist schwer zu ertragen. Jeder will jedem an die Kehle, jeder sucht Vorwände, den anderen anzugreifen. Jahrzehnte lang haben wir uns gen Westen orientiert in unserem schönen Anatolien, aber es ist noch immer die Hölle."

"Das ist das Unsere, das Paradies und die Hölle" brachte es unser großer Dichter Nazım Hikmet einmal auf den Punkt. Ich antwortete ihr, dass das Paradies das anatolische Land sei, und die Hölle seine Bewohner. Sie nickte und lächelte bitter.

Vielleicht sind wir auch Opfer eines Fluches. Ich erinnerte mich neulich an einen älteren osmanisch-armenischen Herrn aus der Stadt Muş, der den Genozid überlebt hatte. In seiner neuen Heimat, in die er aus der Türkei geflüchtet war, wurde er einmal gefragt: "Was wirst du deinen Unterdrückern sagen, wenn du sie triffst?" Er antwortete: "Ich werde ihnen sagen: ihr habt uns auf diesem Land vernichtet, aber es wird die Zeit meiner Enkelinder kommen, in der ihr alle an dem Dreck ersticken werdet, den ihr selbst gemacht habt".

Fluch oder kein Fluch. Das ist die aktuelle Lage. Eine herrschende Klasse, die in Lüge lebt, und all denen den Mund verbietet, die die Wahrheit sprechen wollen. Die Gerechtigkeit begraben. In diesen Tagen, in denen der Albtraum der Türkei endlos scheint, denke ich an meine Freunde im Gefängnis, die besten und klügsten ihrer Generation, die die Blütezeit ihres Lebens im Kampf um eine humane Ordnung geopfert haben. Für das Land, das sie lieben: Kadri Gürsel, Ahmet Altan, Şahin Alpay, Murat Sabuncu, Deniz Yücel, Tunca Öğreten, Cihan Acar, Mehmet Altan, Ahmet Turan Alkan, Güray Öz, Murat Aksoy, Enis Berberoğlu, Büşra Erdal, İnan Kızılkaya und alle anderen der 169.

Ich denke an die Akademiker und Menschenrechtsverfechter. Und an die tausenden kurdischen Politiker und die Anhänger der Gülen-Bewegung, die so offensichtlich den Kopf hinhalten müssen für einen Coup, von dem sie keine Ahnung hatten und deren einziges Verbrechen darin besteht, mit einer "Sekte" affiliiert zu sein, die überall sonst als legal gilt.

365 Tage von atemlosem Horror sind vergangen. Die Ausmaße der Zerstörung sind kaum auszumalen.

Der Autor ist Journalist und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Anna Lea Berg.

© SZ vom 14.07.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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