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Türkische Chronik (XLIV):Mit Spannung werden wir beobachten, wie sich Erdoğan verhält

Der Widerstand gegen den traurigen "großen Rückschritt" nimmt verschiedene Formen an. Alle Gruppen reagieren mit ihren eigenen Alarmsignalen auf die alten und neuen Probleme, die unser Land an den Abgrund führten.

Der Marsch für Gerechtigkeit, organisiert von der Oppositionspartei CHP, wird von immer mehr Menschen aus den unterschiedlichsten politischen Lagern unterstützt - ihr Widerstand ist leise und friedlich. Bis jetzt ist es noch zu keinen Anzeigen gekommen, auch wenn eine gewaltsame Konfrontation mit der Regierung unter diesen Umständen fast unausweichlich erscheint. Mit Spannung werden wir beobachten, wie sich Erdoğan verhält, sobald der Protestmarsch sein finales Ziel, Istanbul, erreicht. Die prokurdische HDP schloss sich ihm bisher nicht an, um Provokationen zu vermeiden. Sicher ist aber, dass sich die zwei Gruppen in Kandıra treffen werden. Jenem Ort, wo einer der Vorsitzenden der HDP, Figen Yüksekdağ, seit Monaten im Gefängnis sitzt. Von da an werden wir sehen, ob der Marsch das Potenzial hat, eine Front von Demokraten gegen Erdoğans Autokratie zu bilden.

Wird er die Notstandsgesetze nutzen, um den Protestzug zu blockieren, ihn gar auflösen? Wir wissen es nicht.

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Eine andere Aktion für Gerechtigkeit ist der Hungerstreik von Nuriye Gülmen und Semih Özakça. Zwei Lehrer, vom Staat entlassen, haben die kritische Marke von 110 Tagen ohne Essen überschritten, sodass wichtige Körperfunktion bereits ausgesetzt haben. Ihre Fälle zeigen, ganz gleich, wie moralisch gerechtfertigt solche Widerstandsformen der "Linken in der Linken" auch sein mögen, wie stur die linke Seite diese Tradition aufrechterhält, und wie doch die Staatsautorität nicht darauf reagiert und es wohl keine Chance gibt, dass die Lehrer zurück in ihren Beruf können.

Ausgelöst wurde der Protestmarsch der CHP durch die Verurteilung von Enis Berberoğlu zu einer 25-jährigen Gefängnisstrafe. Er war der erste CHP-Abgeordnete, der ins Gefängnis muss. Ein Weckruf für die Partei.

Während sich der Widerstand formiert, versucht Erdoğan weiter, seine politische und kulturelle Revolution voranzutreiben. Nicht nur, dass die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannt wurde, die Schüler sollen nun auch die Fundamente der Scharia lernen. Alle Schulen sollen zusätzliche Gebetsräume bekommen. Das gesamte Eigentum der assyrischen Minderheit wurde dem Ministerium für religiöse Angelegenheit (Diyanet) übertragen. Folter wird wieder systematisch praktiziert. All das geschah, nachdem schon der kurdische Ort Sur von der türkischen Regierung zerstört wurde. Einem neuen Dekret zufolge können alle, die von der Regierung entlassen wurden und keinen Militärdienst geleistet haben, dennoch vom Staat zum Wehrdienst verpflichtet werden können.

Währenddessen sammelt sich der zivile Widerstand in der Türkei beim Marsch für Gerechtigkeit und fordert Rechte und Freiheiten. Es wird ein Kampf werden.

Der Autor ist Journalist und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Timo Lehmann.

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