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Türkische Chronik XLI:Wer gegen Erdoğan ist, muss hungern

Demonstrationen in der Türkei

Polizisten verhaften in Ankara einen Demonstranten während eines Protests gegen die Festnahme der Akademiker Nuriye Gülmen und Semih Özakça, zwei von Tausenden, die nach dem Putschversuch in der Türkei per Notstandsdekret entlassen wurden.

(Foto: dpa)

Intellektuelle in der Türkei stehen vor der Wahl: Widerstand oder Opportunismus. Die Entscheidung kann Leben zerstören - und Freundschaften.

Vor einiger Zeit habe ich in dieser Kolumne von zwei Lehrern berichtet, die von der türkischen Regierung aus politischen Gründen entlassen wurden: Nuriye Gülmen und Semih Özakça. Fast drei Monate sind sie gegen ihren Entlassungsentscheid in Hungerstreik getreten. Es folgten eine Welle der Solidarität und eine moralische Debatte in der Türkei über solche "Säuberungsaktionen".

Erst vor wenigen Wochen reagierten die Behörden, wie ich es bereits befürchtet hatte: Um Mitternacht des Tages 67 ihres Hungerstreiks wurden Nuriye Gülmen und Semih Özakça von der Polizei verhaftet. Mit dem Vorwurf, ihr Hungerstreik behindere die Arbeit der Justiz, kamen sie in Untersuchungshaft. Wie ihre Anklage nun lautet, wissen wir: "Störung der öffentlichen Ordnung" und natürlich "Propaganda für eine Terrororganisation". Bis zu zwanzig Jahre Haft drohen den Lehrern. Erst Mitte September werden sie vor Gericht stehen.

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Was in der Türkei passiert, bedeutet für die von den Entlassungswellen Betroffenen eine Tragödie im Privatleben. Schon jetzt sind viele zum Hungern gezwungen. Rund 150 000 Staatsbeamte wurden laut Justizministerium entlassen. Vorgeworfen wird ihnen allen eine Verbindung zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK oder zu dem vom islamischen Prediger Fettulah Gülen angeführten Netzwerk, das für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. Unter den 48 636 unter Arrest stehenden Beamten befinden sich 166 Generäle und 6000 Offiziere. Ihre Familien wurden alleingelassen mit ihren Problemen im Alltag.

Eine "professionelle Vernichtung"

In einem Bericht von Amnesty International fragte ein Betroffener sehr treffend: "Sie erlauben uns nicht, das Land zu verlassen. Sie erlauben uns nicht, zu arbeiten. Was wollen sie, was ich tue?" Die Frage fasst es gut zusammen, das Dilemma der Verstoßenen, denen auch die Ausreise verweigert wird. Unter dem Titel "Kein Ende in Sicht. Entlassenen Staatsbeamten fehlt Perspektive in der Türkei" veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über das Schicksal all jener Ärzte, Polizisten, Lehrer, Professoren und Soldaten, die mit dem Vorwurf der Terrorarbeit ihrer Ämter enthoben wurden.

Der Wissenschaftler Andrew Gardner drückt es in dem Bericht treffend aus: "Die Schockwellen nach dem Putschversuch und die folgenden politischen Maßnahmen zerstören das Leben von unzähligen Menschen, nicht nur weil sie ihren Job verloren haben, sondern weil ihr Berufs- und Familienleben erschüttert wird." Gardner nennt das Vorgehen der türkischen Regierung eine "professionelle Vernichtung".

Die Interviewten im Bericht von Amnesty International beschreiben das Verschwinden sozialer Sicherheit. Sie haben ihre Ersparnisse aufgebraucht und sind auf Freunde und auf kleine Beträge von ihren Gewerkschaften angewiesen. Vielen der entlassenen Beamten ist es untersagt, in Bereichen im Privatsektor zu arbeiten, die vom Staat reguliert werden, etwa im Bildungs- oder Rechtssektor. "Wenn dich jemand aus den Institutionen raushaben will, dann verbreitet er einfach, du seist ein Gülenist", schreibt ein früherer Angestellter einer Stadtverwaltung über die Hexenjagd in türkischen Behörden.

"Seine Karriere auf den Rücken von Tausenden Unschuldigen voranzutreiben, ist unverzeihlich"

Die Zahl der aus den Universitäten Entlassenen beträgt inzwischen 8500. Gerade an den Hochschulen zeigt sich die Unfreiheit. Die Intellektuellen sind zum Widerstand gezwungen - oder zum Opportunismus. Bezeichnend ist etwa der öffentlich ausgetragene Bruch zwischen den Professoren Florian Bieber und Gülnur Aybet. Bieber, Professor für Südoststudien in Graz, veröffentlichte kürzlich einen Brief an seine türkische Kollegin und einstige Freundin Gülnur Aybet, die inzwischen als Chefberaterin von Erdoğan arbeitet. Aybet war eine international anerkannte Politikwissenschaftlerin, sie wechselte von der Universität in Kent zur Yildiz Teknik in Istanbul. Die Beratertätigkeit von Aybet bedeutete das Ende der Freundschaft der beiden Wissenschaftler.