bedeckt München 29°

Türkische Chronik (XIX):Der Nebel um den Putsch bleibt dicht

Was in der Nacht vom 15. Juli passiert ist, bleibt unklar und rätselhaft. Jetzt ist ein Buch von einem Journalisten über die Chronologie des gescheiterten Putsches erschienen, das aber am Ende noch mehr Fragen aufwirft.

Von Yavuz Baydar

Am 15. Juli 2016 um 14.00 Uhr verlässt ein Major der Luftwaffe die Zentrale der Armee. Von seinem Namen sind nur die Initialen bekannt: H. A. Der Mann hat es eilig und ist sehr besorgt. Mit dem Taxi fährt er zur Zentrale des Nachrichtendienstes, wo er um 14.45 Uhr einen hochrangigen Beamten trifft. Er erklärt, er habe Informationen über einen Militärputsch, der noch heute stattfinden solle. Möglicherweise solle der Chef des Inlandsnachrichtendienstes gekidnappt oder hingerichtet werden.

Seine Informationen werden vom Geheimdienst als glaubwürdig erachtet. Dieses Treffen, das in dem gerade veröffentlichten Buch "24 Stunden" von Hande Fırat beschrieben wird, soll im Inlandsnachrichtendienst eine Reihe kurzfristiger Terminänderungen in der türkischen Hauptstadt nach sich gezogen haben. Schon acht Stunden vor dem Beginn des Putsches hätten zahlreiche hochrangige Beamte Informationen darüber gehabt, was passieren würde. Fırat ist die Journalistin bei CNNTürk, die in der Putschnacht live ein Facetime-Interview mit Erdoğan führte. Ihr Buch enthält Augenzeugenberichte und neue Informationen über den 15. Juli. Zuvor war fast gar kein Buch von unabhängigen Beobachtern über den Putsch veröffentlicht worden. Das ist nicht überraschend. Denn ein Autor, der kritisch und eingehend die Hintergründe des Putsches prüft, riskiert Anfeindungen. Die AKP und die Regierung könnten ihm vorwerfen, Partei für die Terroristen zu ergreifen und zur sogenannten FETÖ, dem gülenistischen Terrornetzwerk, zu gehören.

Wer aber ist der Major H. A.? Die Geschichte über ihn blieb ein Geheimnis, bis kürzlich der AKP-Abgeordnete Selçuk Özdağ, Mitglied des Parlamentsausschusses zum Putschversuch, sagte, nicht nur der Major, sondern auch ein Fußsoldat habe seinerzeit über den Aufstand informiert. Beide, fügte Özdağ etwas rätselhaft hinzu, säßen seitdem in Untersuchungshaft, angeblich "zu ihrer eigenen Sicherheit". Eigentlich hätte die Regierung die beiden Soldaten zu Helden erklären müssen. Stattdessen sitzen sie hinter Gittern. Man fragt sich, warum. Auch fünf Monate nach dem Putschversuch, bei dem 246 Menschen getötet wurden, tappen Journalisten, die herausfinden wollen, was wirklich in dieser Nacht passiert ist, im Dunkeln.

Viele Details passen nicht zur offiziellen Version der Ereignisse. Eines davon ist die Aussage des Obersts Davut Ala vor dem Parlamentsausschuss. Ala war Kommandeur einer Kaserne in Istanbul gewesen. Dem Ausschuss sagte er, er habe um 17.04 Uhr eine SMS erhalten, die an alle wichtigen Offiziere der Armee im Gebiet um Istanbul gesendet worden sei. Die Nachricht habe mindestens zehn große Gebiete und alle wichtigen Land- und Seestraßen aufgelistet. Für diese Gebiete, so habe es geheißen, bestehe für die Zeit vom 15. bis 17. Juli hohe Terrorgefahr. Ala kam das merkwürdig vor. "Normalerweise würde sich solch ein Alarm auf nur ein Gebiet beziehen und auf einen Tag, aber nicht drei", sagte er, "es war völlig klar, dass hier die Vorbereitung für einen Putsch lief." Niemand fragte ihn, ob er seine Vorgesetzten informiert hatte.

Was am 15. Juli nach dem eiligen Besuch des Majors H. A. in den Gebäuden des Nachrichtendienstes passiert, sorgt für noch mehr Unklarheiten. Um 16.20 Uhr telefoniert Nachrichtendienstchef Hakan Fidan mit dem stellvertretenden Generalstabschef, um 16.30 Uhr mit dem Generalstabschef Hulusi Akar. Um 18.00 Uhr schickt Fidan seinen Stellvertreter in die Armeezentrale, bevor er um 18.30 Uhr selbst Akar trifft. Was zwischen 18.30 und 22.00 Uhr, der Zeit des Putschbeginns, passierte, ist fast völlig unbekannt. Worüber sprachen Fidan und Akar? Einige sagen, Fidan habe den General darüber informiert, dass in den Kreisen des Militärs möglicherweise ein Attentat auf ihn geplant werde. Er habe in diesem Zusammenhang den Akıncı-Flughafen erwähnt, das Strategiezentrum der Putschisten. Dem offiziellen Narrativ zufolge befiehlt Akar seinem Kommandeur für die Bodentruppen daraufhin mehr oder weniger gleichgültig, er solle "mal hingehen und gucken, was da los ist". Der Kommandeur tut es. Auf dem Flughafen wird er entführt.

Die AKP will nicht, dass Erdoğan vor dem Parlamentsausschuss über den Putschversuch aussagt

Währenddessen verlässt Fidan, das Ziel der mutmaßlichen Attentatspläne, die Armeezentrale. Er bleibt in der Nacht des Putsches lange unerreichbar. Ein Zeitungsbericht sagt, er sei zu einer Geburtstagsfeier gegangen. Wir wissen, dass er weder Präsident Erdoğan noch Premierminister Yıldırım anrief. Um 20.30 Uhr wird der Generalstabschef von putschistischen Einheiten selbst als Geisel genommen. Zwei hochrangige Luftwaffengeneräle werden um 23.00 Uhr auf einer Hochzeit verhaftet. Das Chaos trifft sie offenbar völlig ahnungslos.

Es scheint daher, als habe Akar damals völlig falsch geurteilt - oder es gab ein anderes Motiv. Wussten Erdoğan und die Armee bereits, dass etwas brodelte?

Der Journalist Fehmi Koru wies vor einer Woche auf zwei Texte des regierungsnahen und "gut informierten" Kolumnisten Fuat Uğur hin, die im April bei Türkiye Daily erschienen. Uğur behauptete darin, prominente Gülenisten hätten sich im Frühjahr in Ankara versammelt und mit einigen Offizieren einen Coup geplant. Er schloss den Text mit einer Warnung: "Der Staat und die Armeeführung wissen über alles Bescheid, was ihr tut. Sie sind vorbereitet auf das Verbrechen, das ihr begehen wollt." Bei einem Prozessauftakt gegen 60 Offiziere sagte der Staatsanwalt, dass sich die Putschisten heimlich vom 12. Juli bis in den frühen Morgen des 14. Juli in einer großen Istanbuler Kaserne versammelt hätten. Dieses Treffen dauerte 54 Stunden! Ist es wirklich möglich, dass die Armeeführung von einem Treffen, das derart lange dauerte, nicht erfahren hätte?

Der Parlamentsausschuss hat die Forderung der Opposition, die drei Schlüsselfiguren der Putschnacht, Präsident Erdoğan, Generalstabschef Hulusi Akar und Nachrichtendienstchef Hakan Fidan mögen vor dem Ausschuss aussagen, bisher abgelehnt. Die Mitglieder des Ausschusses, die für die AKP im Parlament sitzen, stimmten dagegen. Klar wird, dass sowohl Akar als auch Fidan am 15. Juli nicht ihrer Verantwortung nachgekommen sind, da sie den Staatsapparat nicht informierten. Trotzdem sind sie noch im Amt. Der Nebel um den Putsch bleibt dicht.

Der Autor, geboren 1956, ist Journalist, Blogger und Mitgründer der Medienplattform P 24. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Lukas Latz.

© SZ vom 09.12.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite