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Türkische Chronik (I):Erdoğan hofiert jetzt auch alte Feinde

Meine Angst, und die anderer unabhängiger Journalisten aus der Türkei, betrifft einen anderen wichtigen Punkt: Wenn die Kluft zwischen Realität und offizieller Darstellung von der AKP-Regierung weiter vergrößert wird, indem sie gegenüber den westlichen Verbündeten stur die Gülen-Karte ausspielt, wird sie die weiteren Folgen des Putschversuchs verschleiern.

In der vierten Woche bestehen immer weniger Zweifel daran, dass die Gülen-Anhänger, deren Beteiligung niemand infrage stellt, ein idealer Vorwand für Erdoğan waren, über die Doktrin des "der Feind meines Feindes ist mein Freund" hinaus zu denken. Als er am Dienstag eine Gruppe von Anwälten in seinem Palast empfing, war er froh über die Unterstützung des Vorsitzenden der Anwaltskammer, Metin Feyzioğlu, einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Kemal-Elite. Dass Feyzioğlu in seiner Rede kein Wort über Machtmissbrauch, Verteidigungsrecht, Durchsuchungen von Medienhäusern und Vorwürfe der Folter verliert, spricht für sich.

Kampf gegen die Gülen-Anhänger in Wirtschaft und Staat

Hilft es der AKP, die Haupttäter zu verheimlichen? Es funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Denn es hilft dabei, die zentrumsnahen und nationalistischen Anti-AKP-Parteien um den Präsidenten zu versammeln und verschafft ihm somit eine starke Mehrheit, um im Falle eines Referendums auf eine Alleinherrschaft umzuschwenken.

Die Welle an Durchsuchungen bei kurdischen Medien deutet auf einen Zweifrontenkrieg hin. Neben dem Kampf gegen die Gülen-Anhänger in Wirtschaft und Staat soll sie Erdoğans Position unerschütterlich machen. Aber ob die Gülen-Karte im Ausland bewirken wird, dass die Trümmer, die Säuberungsaktionen und Masseninhaftierungen legitimiert werden, und ob all das helfen wird, das angeschlagene Bild der Türkei zu stärken, ist eine andere Frage. Aber sie lässt sich nicht beantworten ohne glaubhafte Daten darüber, wer wirklich hinter dem Putschversuch steht. Wir werden also weiter danach fragen.

PKK Erdoğan wirft Gülen vor, hinter den jüngsten Anschlägen zu stecken

Anschläge im Osten der Türkei

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Es gebe keinen Unterschied zwischen dem Islamischer Staat, den Gülen-Anhängern und der PKK, sagt der türkische Präsident.