Türkei Selbst-Orientalisierung

Zülfü Livanelis Roman "Unruhe" spielt in Anatolien und ist eine Parabel für die Konsummüden und Trostbedürftigen aller Länder.

Von Thomas Steinfeld

Ein Mann wird gerufen. Zuerst weiß er nicht, dass er herbeibestellt wird. Und als er es ahnt, begreift Ibrahim, Journalist bei einer großen Istanbuler Zeitung, noch lange nicht, was ihn da ruft. Aber er folgt diesem Appell und kehrt nach Mardin zurück, in die Stadt im Südosten Anatoliens, in der er aufgewachsen war.

Zum Anlass der Reise wird eine Meldung in den vermischten Nachrichten, in Florida hätten weiße Rassisten einen Türken erstochen, der erst zwei Monate zuvor dorthin gezogen und so unvorsichtig gewesen war, sich als Muslim zu bekennen. Im Toten erkennt Ibrahim, der Ich-Erzähler, einen Schulfreund wieder: Hüseyin, den zarten, frommen Jungen, der sich zum Verdruss seiner Gefährten geweigert hatte, Vögel mit der Gummischleuder zu jagen.

Mit dem Ausflug in den Heimatort reist er nicht nur in die eigene Vergangenheit, in ein Milieu, das durch die Familien und den gemeinsamen islamischen Glauben zusammengehalten wird, sondern auch an die Front der neuen Religionskriege.

Der Autor ist auch Sänger und Regisseur, er ist einer der beliebtesten Künstler der Türkei

Einst, berichtet der Erzähler, zu den Zeiten, als er noch in Mardin lebte, sei es dort in religiösen Dingen tolerant zugegangen: "In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Jetzt dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islams." Nun treibe dort nicht nur der "Islamische Staat" sein Unwesen, sondern auch die militante Fraktion der PKK: Mardin sei "eine Stadt voller Angst."

Solche Sätze fallen gleich zu Beginn des schmalen Buchs, das den eher kryptischen Titel "Unruhe" trägt, und sie wecken ein Misstrauen: An wen sind solche Verlautbarungen adressiert? An Ibrahims Bekannte und Kollegen in Istanbul? Sie werden eine Vorstellung von den Konflikten im Südosten der Türkei haben, ebenso wie die meisten Leser im eigenen Land. An Ausländer, die nicht auf den Gedanken kommen, etwa die Geschichte der Kurden in dieser Region nachzuschlagen, wobei man, angefangen bei der Gründung der türkischen Republik, sofort auf mehrere Dutzend blutige Aufstände stößt?

Die Altstadt von Mardin in Anatolien. Früher sei es hier in religiösen Dingen tolerant zugegangen, berichtet der Erzähler. Jetzt verkomme die Stadt "unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islams."

(Foto: Robert Harding/imago)

Zülfü Livaneli, der Autor dieses kleinen Romans, ist Komponist, Sänger, Regisseur, Verfasser von etwa 20 Romanen und einer der beliebtesten Künstler in der Türkei. Viele seiner Bücher sind, auch wenn sie als Kriminalgeschichten oder historische Erzählungen angelegt sind, eigentlich Parabeln.

Das gilt für "Unruhe" in dem Maße, dass der Leser schon bald den Eindruck hat, die Botschaft gehe mit der Geschichte auf und davon: Warum flieht Hüseyin in die Vereinigten Staaten? Weil seine Familie ihn gedrängt hatte, nachdem er vor der Moschee niedergeschossen worden war, von radikalen Islamisten, sodass er, bevor er den Feinden seines Glaubens in die Hände fiel, zum Opfer fanatischer Glaubensgenossen geworden war. Und als wäre das alles noch nicht parabolisch genug, ermittelt Ibrahim auch bald den Grund des ersten Angriffs: Hüseyin hatte seine Verlobung gelöst, nachdem er sich in einem Lager in eine aus dem Irak geflohene Jesidin verliebt hatte.

Das Schicksal der Jesiden bildet, vom Stoff her betrachtet, die Mitte des Buches: eine kleine Minderheit unter den Kurden, die im nördlichen Irak, im Norden Syriens und im Südosten der Türkei lebt und einem monotheistischen, schriftlosen Glauben anhängt, der weder etwas mit dem Islam noch mit dem Christentum zu tun hat, sondern zurückweist auf ältere Lehren wie den Zoroastrismus.

Vom "Islamischen Staat" werden die Jesiden als "Teufelsanbeter" verfolgt, was, seit 2014 zu einer Reihe von Massakern führte, bei denen die Männer hingerichtet, die Frauen vergewaltigt und zu Sklavinnen gemacht sowie die Kinder verschleppt wurden. Tausende Jesiden kamen ums Leben, was der Weltöffentlichkeit angesichts des allgemeinen Gemetzels in dieser Region weitgehend entging.

Von diesen unbekannten, nicht wahrgenommenen Opfern will Zülfü Livaneli erzählen. Aber er will mehr als das: Denn es war offenbar nicht nur die innige Schönheit jener Frau, die Hüseyin betörte. Es war auch der Glaube, der dieser Schönheit ihre Innigkeit verdankte: eine selbstbewusste, weil absolut geschlossene Religion, eine sich vermeintlich von selbst verstehende Gewissheit, an der nur teilhaben kann, wer in sie hineingeboren wurde, also zwei jesidische Eltern besitzt.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Auch Ibrahim verfällt dieser Sehnsucht nach letzter Beseelung, schon bevor er die Frau überhaupt kennenlernt. "Ich hielt es nicht mehr aus, dass der konsumierende Mensch viel mehr galt als der schaffende, produzierende ... Mein alter Freund hatte mir die Augen dafür geöffnet, wie sehr wir an der Schizophrenie litten, mit dem Verstand im Westen, mit dem Herzen aber im Osten zu sein, wie sehr es uns daher an echtem Selbstvertrauen mangelte."

"Ich hielt es nicht mehr aus, dass der konsumierende Mensch viel mehr galt als der schaffende ..."

Man sollte diese Sätze langsam lesen, um das Programm darin zu verstehen. Was der Erzähler hier propagiert, geht weit über alle Anteilnahme für die Opfer des "Islamischen Staats" hinaus. Es stellt das Projekt einer Selbst-Orientalisierung dar, die, prinzipiell betrachtet, auch dem Fundamentalismus des radikalen Islam nicht fernsteht - selbst wenn sie sich, schon aus Gründen der absoluten Exklusivität (wenn der einzig wahre Glaube nur vererbt werden kann, ist der Kampf gegen Ungläubige sinnlos), als gewaltfrei versteht.

An wen aber ist dieses Programm gerichtet: Meint der Erzähler sich selbst? Richtet er einen Appell an seine Bekannten und Kollegen in Istanbul? An seine Leser in der Türkei? Oder an ein westliches Publikum, das sich in seiner wohlfeilen Kritik an der sogenannten Konsumgesellschaft mit einem nahöstlichen Sinnsucher wie Ibrahim einig weiß?

Zülfü Livanelis Parabel ist ein tückisches Spiel. Er bietet ein wenig Aufklärung über das Schicksal einer halb verborgenen, nach wie vor verfolgten Glaubensgemeinschaft. Zugleich kennt er die Sehnsucht der Zweifler, die sich nichts mehr wünschen, als ihrem Leben ein Fundament zu verleihen, das ein Leben lang Halt gewährt. Und so bedient er die Trostbedürftigen aller Länder, indem er ihnen vom Gottesverlangen eines säkularen Türken erzählt, den es, aus diesem allgemeinen Motiv heraus, immer tiefer in den Osten treibt, wobei die Jesiden, ein geopfertes Volk, Zeugnis für die Wirksamkeit eines erfüllten Glaubens abgeben sollen. Ein solches Buch zynisch zu nennen, wäre das Geringste. Es zu infamem Kitsch zu erklären, käme der Sache schon näher.

Zülfü Livaneli: Unruhe. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018. 178 Seiten, 24 Euro.