Verlage Wie Papier in der Türkei zum Luxusprodukt wurde

Die Produktionskosten von Büchern sind auch deswegen so hoch, weil von der Tinte bis zum Karton alles aus dem Ausland importiert werden muss.

(Foto: AFP)

Die Papierpreise sind in der Türkei so stark gestiegen, dass immer mehr Buchverlage in Not geraten. Wie ist es dazu gekommen?

Von Christiane Schlötzer

Als die Armut noch zu Istanbul gehörte, steckten die Menschen im Winter ihren Kindern Zeitungspapier unter die Hemden. So erzählt es die türkische Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar in ihren Erinnerungen an die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. "Wenn man an einem armen Kind vorbeiging, hörte man Zeitungsknistern." Billige Unterwäsche aus Papier? Heute ist Papier ein Luxusprodukt in der Türkei. Es ist so teuer, dass Buchverleger stöhnen, und die Zeitungen sehr schmalbrüstig geworden sind. Das türkische Comic Magazin Leman fragte schon, "hatten wir denn früher Papier?" Die Karikaturisten empfahlen die Rückkehr zur Höhlenmalerei.

Die Produktionskosten haben sich um 100 Prozent erhöht, klagt ein Verleger

Die Türkei muss bereits seit einer Weile fast jedes Blatt Papier importieren, sie produziert keines mehr. Seit die Lira gegenüber Euro und Dollar stark an Wert verloren hat - zeitweise bis zu 40 Prozent im Vergleich zu Anfang 2018 - ist die Lage dramatisch. "Die Papierlieferanten wollen dazu nun im Voraus bezahlt werden, weil man der Türkei nicht mehr traut", sagt Semih Gümüş, der in Istanbul in zentraler Lage, nahe am Taksim-Platz, den kleinen, aber feinen Literaturverlag Notos betreibt und eine renommierte Literaturzeitschrift mit demselben Namen herausgibt. "Tinte, Karton, Stoff, alles müssen wir aus dem Ausland einführen", klagt er, und statt 700 Euro zahle er jetzt 900 Euro für die Tonne Buchpapier. Auch Buchlizenzen werden in Dollar abgerechnet. "Unsere Produktionskosten haben sich um etwa 100 Prozent erhöht", kein Verleger könne einen solchen Preissprung an seine Leser weitergeben, "das geht einfach nicht", sagt Gümüş. Notos hat die Zahl seiner Neuerscheinungen reduziert. "Die kulturelle Vielfalt wird leiden", sagt der Verleger.

Die größten Fehler wurden schon in der Vergangenheit gemacht. In der Vierhunderttausendeinwohner Stadt Izmit am Marmarameer, eine gute Stunde mit dem Auto von Istanbul entfernt, steht ein Monument der Deindustrialisierung: das Papiermuseum der Türkei. Es soll das "größte der Welt" sein, so verspricht ein Schild am Eingang. Die Stadt ist stolz auf diesen Erinnerungsort, an dem einst die staatliche Papierfabrik Seka stand. Eigentlich tut sie das immer noch, alles ist noch da: die Turbinen und die Bottiche, die Siebe und Pressen, "Siemens" steht auf den Kontrollanzeigen. Nur wird hier seit 2005 kein Papier mehr auf die riesigen Stahlwalzen gewickelt, die Fabrikhallen in der Bucht von Izmit sind zur Besichtigung freigegeben.

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Die Lage am Wasser und an der Eisenbahnlinie nach Istanbul sprach schon 1934 für den Standort. Damals wollte die junge Republik von Importen unabhängig werden, die Papierproduktion galt als strategisch bedeutend, Papier "als Symbol für Zivilisation", steht auf einer der Schautafeln. Die Papierfabrik hat Izmit reich gemacht, sie wurde zu einer Ikone der Aufbaujahre. Die Erinnerungen daran sind als Oral History bewahrt, in den Tondokumenten sprechen Arbeiterinnen und Arbeiter von "Stolz" und "Zusammenhalt".

Eine starke Gewerkschaft hat in der Tat verhindert, dass die Fabrik das Schicksal ihres Zweigwerks in der ein Stück weit entfernten Provinz Balıkesir teilte. Dort wurde privatisiert, schon 2003, da war die Partei von Recep Tayyip Erdoğan schon an der Macht. Für nur 1,1 Millionen Dollar ging diese Papierfabrik an eine große türkische Holding, die an der Istanbuler Metro mitgebaut hat. Ihr gehört auch die regierungstreue Zeitung Yeni Şafak.

Der Staatsrat, das oberste Verwaltungsgericht der Türkei, erklärte den Verkauf damals für nichtig, wegen des lächerlich geringen Preises. Die Firma legte Widerspruch ein. Fünf Mal fasste der Staatsrat seinen ablehnenden Beschluss, dann änderte die Regierungspartei AKP das Gesetz. Nun hat das Kabinett bei Privatisierungen das letzte Wort. Die Holding versprach, zu investieren und mit der Papierproduktion in Balıkesir neu zu beginnen, aber immer wieder gab es Verzögerungen. Im Februar 2019 soll es endlich so weit sein, die Fabrik soll wieder öffnen, das hat der Werksdirektor der Stadtverwaltung gesagt. Wenn dies geschieht, wird das Unternehmen in der Türkei ein Monopol haben.

Die wirtschaftliche Not ist in den meisten Buchverlagen derzeit größer als der politische Druck

Monopole gibt es schon in anderen Branchen, sie schaden dem Buchmarkt ebenfalls. Für den Vertrieb seiner Literaturzeitschrift Notos ist Semih Gümüş inzwischen auf eine einzige Agentur angewiesen, sie kontrolliert den Zeitungs- und Zeitschriftenvertrieb. Auch diese Firma ist regierungsnah. "Die Preise sind hoch", sagt Gümüş. Bei den Buchhandlungen gab es zuletzt auch eine Konzentration.