Verlage "Wir hoffen nun, dass es 2019 wieder besser wird."

Notos ist klein, Destek ist groß, aber auch dieser Verlag leidet unter den Papierpreisen. Destek hat seinen Sitz in einem teuren Istanbuler Geschäftsbezirk, in einem eleganten mehrstöckig ausgebauten Dachgeschoß - viel Licht, viel Glas, viel Weiß. Verlagschef Ertürk Akşun hat sich in der Krise für die Expansion entschieden, er macht mehr Bücher als je zuvor, denn für ihn steht fest: "Im Kapitalismus gewinnen am Ende die Großen, sie bekommen mehr vom Kuchen." Persönlich bedauere er das, "denn ich bin Sozialist", sagt Akşun, 49, grauer Kinnbart, lange Locken. Türkische Dialektik. Damit man ihm sein Bekenntnis zum Sozialismus glaubt, deutet der Verlagschef auf eine kleine Leninbüste in seinem Buchregal und zieht aus einer abgegriffenen Ledermappe ein Werk über die türkische Linke der Siebzigerjahre, aus einem anderen Verlag.

Destek verdient viel Geld mit islamisch angehauchter Lebenshilfeliteratur, mit Populärem und Schlichtem in Großauflagen. "Wir haben etwa eine Million Menschen, die vorher nie ein Buch gekauft haben, zu Lesern gemacht. Darauf sind wir stolz." Wie das ging? "Wir haben die sozialen Medien intensiv genutzt. Die Leute machen Selfies und zeigen sich gegenseitig im Internet, was sie lesen."

Die staatliche Papierfabrik in Izmit, ehemals der Stolz des Landes, ist heute ein Museum.

(Foto: Wikimedia)

Das leicht verdiente Geld investiert der Verlag inzwischen unter anderem in hochwertige Graphic Novels, man will auch etwas zum Vorzeigen haben. Die Zeichner besetzen die höchste Etage, darüber ist nur der Himmel. Die Kreativen müssen nun auch mehr arbeiten. "Krisenverwaltung" nennt Akşun das, er hofft, sein radikal marktwirtschaftliches Rezept werde den Verlag durch die Krise tragen. "Auch unsere Profite sind stark gesunken."

Die wirtschaftliche Not ist bei den meisten Buchverlegern derzeit größer als der politische Druck, sie stehen weit weniger im Focus der Regierung als ihre Zeitungskollegen. "Wir sind kein politischer Verlag", sagt Akşun. Vor Gericht stand er trotzdem schon, wegen eines Romans, in dem sich Tayyip Erdoğan wiedererkannte.

Weniger riskant ist es, das neueste Buch des wichtigsten Erdoğan-Beraters, Ibrahim Kalın, zu verlegen. Es trägt den Titel: "Barbar, Modern, Medeni!", auf Deutsch: Barbarisch, modern, zivilisiert! Es ist der Verkaufsschlager bei Insan Kitap. Der Verlag leistet sich ein eigenes Buchkaufhaus auf der Istiklal, der zentralen Einkaufsstraße Istanbuls. Kalıns Buch liegt gleich am Eingang. Auf der Istiklal gab es früher viele Buchläden, mehrere sind schon den stark gestiegenen Immobilienpreisen zum Opfer gefallen. Murat Bozkurt, Lektor bei Insan, sagt, auch sein Verlag habe die Buchpreise um 20 Prozent erhöht, weit weniger als es die erhöhten Herstellungskosten eigentlich erfordern würden. "Wir hoffen nun, dass es 2019 wieder besser wird."

33 Journalisten sitzen wegen ihrer Arbeit aktuell im Gefängnis

Die Vereinigung der Buchverleger hat die Regierung gebeten, die Mehrwertsteuer auf Bücher von acht auf ein Prozent zu senken. Bislang ohne Erfolg. Auch die meisten Zeitungen haben wegen der Papierkosten ihre Preise erhöht und den Umfang verringert. Eindeutig im Vorteil sind die Blätter, die der Regierung nahestehen, denn sie sind immer noch voll von ganzseitigen Anzeigen, die wiederum häufig von regierungsnahen Firmen aufgegeben werden, besonders aus der Baubranche. Die inhaltliche Vielfalt, die es auf dem türkischen Buchmarkt noch gibt, ist bei den Zeitungen längst Geschichte, die Blätter sind auch intellektuell verarmt, der politische Druck fast überall spürbar.

Die Türkei war auch 2018 das Land, in dem weltweit die meisten professionellen Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen. 33 sind es laut der Organisation Reporter ohne Grenzen aktuell noch. Das sind weniger als 2017, was nicht bedeutet, dass sich die Situation entscheidend verbessert hat. Viele der Freigelassenen stehen unter Meldeauflagen, warten auf ein Urteil in erster oder einer höheren Instanz, dürfen das Land nicht verlassen.

Zeitungen in der Türkei waren immer auch Gesinnungsausweise. "An den Zeitungskiosken hingen die linken, faschistischen und religiösen Zeitungen nebeneinander, alle in Türkisch, aber es war wie drei Fremdsprachen", schreibt Emine Sevgi Özdamar in ihrem Roman "Die Brücke vom Goldenen Horn". Und wenn an einer Bushaltestelle die Leute unterschiedliche Zeitungen lasen, "stiegen manchmal die Zeitungsleser, die in der Minderheit waren, nicht in den Bus ein". Heute schauen alle in der U-Bahn auf ihr Handy, da weiß keiner, was der andere liest.

Demokratie Was wirklich zählt

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Und wieder haben wir vor allem über Flüchtlinge und den Schutz der deutsch-österreichischen Grenze vor einigen Asylbewerbern debattiert. 2019 sollten wir uns mit wichtigeren Fragen auseinandersetzen.   Von Stefan Ulrich