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Verlage:Wie Papier in der Türkei zum Luxusprodukt wurde

Die Produktionskosten von Büchern sind auch deswegen so hoch, weil von der Tinte bis zum Karton alles aus dem Ausland importiert werden muss.

(Foto: AFP)

Die Papierpreise sind in der Türkei so stark gestiegen, dass immer mehr Buchverlage in Not geraten. Wie ist es dazu gekommen?

Als die Armut noch zu Istanbul gehörte, steckten die Menschen im Winter ihren Kindern Zeitungspapier unter die Hemden. So erzählt es die türkische Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar in ihren Erinnerungen an die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. "Wenn man an einem armen Kind vorbeiging, hörte man Zeitungsknistern." Billige Unterwäsche aus Papier? Heute ist Papier ein Luxusprodukt in der Türkei. Es ist so teuer, dass Buchverleger stöhnen, und die Zeitungen sehr schmalbrüstig geworden sind. Das türkische Comic Magazin Leman fragte schon, "hatten wir denn früher Papier?" Die Karikaturisten empfahlen die Rückkehr zur Höhlenmalerei.

Die Produktionskosten haben sich um 100 Prozent erhöht, klagt ein Verleger

Die Türkei muss bereits seit einer Weile fast jedes Blatt Papier importieren, sie produziert keines mehr. Seit die Lira gegenüber Euro und Dollar stark an Wert verloren hat - zeitweise bis zu 40 Prozent im Vergleich zu Anfang 2018 - ist die Lage dramatisch. "Die Papierlieferanten wollen dazu nun im Voraus bezahlt werden, weil man der Türkei nicht mehr traut", sagt Semih Gümüş, der in Istanbul in zentraler Lage, nahe am Taksim-Platz, den kleinen, aber feinen Literaturverlag Notos betreibt und eine renommierte Literaturzeitschrift mit demselben Namen herausgibt. "Tinte, Karton, Stoff, alles müssen wir aus dem Ausland einführen", klagt er, und statt 700 Euro zahle er jetzt 900 Euro für die Tonne Buchpapier. Auch Buchlizenzen werden in Dollar abgerechnet. "Unsere Produktionskosten haben sich um etwa 100 Prozent erhöht", kein Verleger könne einen solchen Preissprung an seine Leser weitergeben, "das geht einfach nicht", sagt Gümüş. Notos hat die Zahl seiner Neuerscheinungen reduziert. "Die kulturelle Vielfalt wird leiden", sagt der Verleger.

Die größten Fehler wurden schon in der Vergangenheit gemacht. In der Vierhunderttausendeinwohner Stadt Izmit am Marmarameer, eine gute Stunde mit dem Auto von Istanbul entfernt, steht ein Monument der Deindustrialisierung: das Papiermuseum der Türkei. Es soll das "größte der Welt" sein, so verspricht ein Schild am Eingang. Die Stadt ist stolz auf diesen Erinnerungsort, an dem einst die staatliche Papierfabrik Seka stand. Eigentlich tut sie das immer noch, alles ist noch da: die Turbinen und die Bottiche, die Siebe und Pressen, "Siemens" steht auf den Kontrollanzeigen. Nur wird hier seit 2005 kein Papier mehr auf die riesigen Stahlwalzen gewickelt, die Fabrikhallen in der Bucht von Izmit sind zur Besichtigung freigegeben.

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Die Lage am Wasser und an der Eisenbahnlinie nach Istanbul sprach schon 1934 für den Standort. Damals wollte die junge Republik von Importen unabhängig werden, die Papierproduktion galt als strategisch bedeutend, Papier "als Symbol für Zivilisation", steht auf einer der Schautafeln. Die Papierfabrik hat Izmit reich gemacht, sie wurde zu einer Ikone der Aufbaujahre. Die Erinnerungen daran sind als Oral History bewahrt, in den Tondokumenten sprechen Arbeiterinnen und Arbeiter von "Stolz" und "Zusammenhalt".

Eine starke Gewerkschaft hat in der Tat verhindert, dass die Fabrik das Schicksal ihres Zweigwerks in der ein Stück weit entfernten Provinz Balıkesir teilte. Dort wurde privatisiert, schon 2003, da war die Partei von Recep Tayyip Erdoğan schon an der Macht. Für nur 1,1 Millionen Dollar ging diese Papierfabrik an eine große türkische Holding, die an der Istanbuler Metro mitgebaut hat. Ihr gehört auch die regierungstreue Zeitung Yeni Şafak.

Der Staatsrat, das oberste Verwaltungsgericht der Türkei, erklärte den Verkauf damals für nichtig, wegen des lächerlich geringen Preises. Die Firma legte Widerspruch ein. Fünf Mal fasste der Staatsrat seinen ablehnenden Beschluss, dann änderte die Regierungspartei AKP das Gesetz. Nun hat das Kabinett bei Privatisierungen das letzte Wort. Die Holding versprach, zu investieren und mit der Papierproduktion in Balıkesir neu zu beginnen, aber immer wieder gab es Verzögerungen. Im Februar 2019 soll es endlich so weit sein, die Fabrik soll wieder öffnen, das hat der Werksdirektor der Stadtverwaltung gesagt. Wenn dies geschieht, wird das Unternehmen in der Türkei ein Monopol haben.

Die wirtschaftliche Not ist in den meisten Buchverlagen derzeit größer als der politische Druck

Monopole gibt es schon in anderen Branchen, sie schaden dem Buchmarkt ebenfalls. Für den Vertrieb seiner Literaturzeitschrift Notos ist Semih Gümüş inzwischen auf eine einzige Agentur angewiesen, sie kontrolliert den Zeitungs- und Zeitschriftenvertrieb. Auch diese Firma ist regierungsnah. "Die Preise sind hoch", sagt Gümüş. Bei den Buchhandlungen gab es zuletzt auch eine Konzentration.

"Wir hoffen nun, dass es 2019 wieder besser wird."

Notos ist klein, Destek ist groß, aber auch dieser Verlag leidet unter den Papierpreisen. Destek hat seinen Sitz in einem teuren Istanbuler Geschäftsbezirk, in einem eleganten mehrstöckig ausgebauten Dachgeschoß - viel Licht, viel Glas, viel Weiß. Verlagschef Ertürk Akşun hat sich in der Krise für die Expansion entschieden, er macht mehr Bücher als je zuvor, denn für ihn steht fest: "Im Kapitalismus gewinnen am Ende die Großen, sie bekommen mehr vom Kuchen." Persönlich bedauere er das, "denn ich bin Sozialist", sagt Akşun, 49, grauer Kinnbart, lange Locken. Türkische Dialektik. Damit man ihm sein Bekenntnis zum Sozialismus glaubt, deutet der Verlagschef auf eine kleine Leninbüste in seinem Buchregal und zieht aus einer abgegriffenen Ledermappe ein Werk über die türkische Linke der Siebzigerjahre, aus einem anderen Verlag.

Destek verdient viel Geld mit islamisch angehauchter Lebenshilfeliteratur, mit Populärem und Schlichtem in Großauflagen. "Wir haben etwa eine Million Menschen, die vorher nie ein Buch gekauft haben, zu Lesern gemacht. Darauf sind wir stolz." Wie das ging? "Wir haben die sozialen Medien intensiv genutzt. Die Leute machen Selfies und zeigen sich gegenseitig im Internet, was sie lesen."

Die staatliche Papierfabrik in Izmit, ehemals der Stolz des Landes, ist heute ein Museum.

(Foto: Wikimedia)

Das leicht verdiente Geld investiert der Verlag inzwischen unter anderem in hochwertige Graphic Novels, man will auch etwas zum Vorzeigen haben. Die Zeichner besetzen die höchste Etage, darüber ist nur der Himmel. Die Kreativen müssen nun auch mehr arbeiten. "Krisenverwaltung" nennt Akşun das, er hofft, sein radikal marktwirtschaftliches Rezept werde den Verlag durch die Krise tragen. "Auch unsere Profite sind stark gesunken."

Die wirtschaftliche Not ist bei den meisten Buchverlegern derzeit größer als der politische Druck, sie stehen weit weniger im Focus der Regierung als ihre Zeitungskollegen. "Wir sind kein politischer Verlag", sagt Akşun. Vor Gericht stand er trotzdem schon, wegen eines Romans, in dem sich Tayyip Erdoğan wiedererkannte.

Weniger riskant ist es, das neueste Buch des wichtigsten Erdoğan-Beraters, Ibrahim Kalın, zu verlegen. Es trägt den Titel: "Barbar, Modern, Medeni!", auf Deutsch: Barbarisch, modern, zivilisiert! Es ist der Verkaufsschlager bei Insan Kitap. Der Verlag leistet sich ein eigenes Buchkaufhaus auf der Istiklal, der zentralen Einkaufsstraße Istanbuls. Kalıns Buch liegt gleich am Eingang. Auf der Istiklal gab es früher viele Buchläden, mehrere sind schon den stark gestiegenen Immobilienpreisen zum Opfer gefallen. Murat Bozkurt, Lektor bei Insan, sagt, auch sein Verlag habe die Buchpreise um 20 Prozent erhöht, weit weniger als es die erhöhten Herstellungskosten eigentlich erfordern würden. "Wir hoffen nun, dass es 2019 wieder besser wird."

33 Journalisten sitzen wegen ihrer Arbeit aktuell im Gefängnis

Die Vereinigung der Buchverleger hat die Regierung gebeten, die Mehrwertsteuer auf Bücher von acht auf ein Prozent zu senken. Bislang ohne Erfolg. Auch die meisten Zeitungen haben wegen der Papierkosten ihre Preise erhöht und den Umfang verringert. Eindeutig im Vorteil sind die Blätter, die der Regierung nahestehen, denn sie sind immer noch voll von ganzseitigen Anzeigen, die wiederum häufig von regierungsnahen Firmen aufgegeben werden, besonders aus der Baubranche. Die inhaltliche Vielfalt, die es auf dem türkischen Buchmarkt noch gibt, ist bei den Zeitungen längst Geschichte, die Blätter sind auch intellektuell verarmt, der politische Druck fast überall spürbar.

Die Türkei war auch 2018 das Land, in dem weltweit die meisten professionellen Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen. 33 sind es laut der Organisation Reporter ohne Grenzen aktuell noch. Das sind weniger als 2017, was nicht bedeutet, dass sich die Situation entscheidend verbessert hat. Viele der Freigelassenen stehen unter Meldeauflagen, warten auf ein Urteil in erster oder einer höheren Instanz, dürfen das Land nicht verlassen.

Zeitungen in der Türkei waren immer auch Gesinnungsausweise. "An den Zeitungskiosken hingen die linken, faschistischen und religiösen Zeitungen nebeneinander, alle in Türkisch, aber es war wie drei Fremdsprachen", schreibt Emine Sevgi Özdamar in ihrem Roman "Die Brücke vom Goldenen Horn". Und wenn an einer Bushaltestelle die Leute unterschiedliche Zeitungen lasen, "stiegen manchmal die Zeitungsleser, die in der Minderheit waren, nicht in den Bus ein". Heute schauen alle in der U-Bahn auf ihr Handy, da weiß keiner, was der andere liest.

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Und wieder haben wir vor allem über Flüchtlinge und den Schutz der deutsch-österreichischen Grenze vor einigen Asylbewerbern debattiert. 2019 sollten wir uns mit wichtigeren Fragen auseinandersetzen.   Von Stefan Ulrich