Türkei:Die zweite Moderne

Türkei: Das neue Ataturk Cultural Center in Istanbul

Eröffnung am 29.10.: Das neue Atatürk-Kulturzentrum am Taksim-Platz in Istanbul.

(Foto: Emre Dorter/AKM)

Zwischen Atatürks republikanischer Utopie und Erdoğans Islam des 21. Jahrhunderts: Das neu erbaute Kulturzentrum AKM in Istanbul.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Wenn er durch die Glasfassade seines Bauwerks blickt, dann sieht Murat Tabanlioğlu einen Platz, eine Stadt, ein Land und eine Idee. Der Istanbuler Architekt läuft über seine Großbaustelle, zügig. Er prüft hier, korrigiert dort, bemängelt das eine, segnet das andere ab. Bis zur Eröffnung des neuen Atatürk-Kulturzentrums sind es noch wenige Tage, das riesige Gebäude am Taksim-Platz ist fast fertig, das Finish ist wie immer ein Wettlauf gegen die Zeit.

Architekten erinnern einen an Feldherren, Kapellmeister, Fußballtrainer, Konzernmanager: Sie haben die eine große Idee und müssen ihre Truppen dirigieren, motivieren, kommandieren, damit der Gedanke Realität wird. Auch wenn Tabanlioğlu dabei ruhig und betont höflich bleibt, sollte keiner daran zweifeln, dass er es ernst meint: Der Bau des Atatürk-Kulturzentrums, kurz AKM, ist sein Werk. Aber das AKM ist noch mehr, es ist ein Symbol, ein politisches wie ein kulturelles, dessen Strahlkraft weit über Istanbul hinausreicht.

Hier gibt es alles: Oper, Kino, Museum, Bibliothek - und einen erschütternd schönen Blick auf den Bosporus

Das neue AKM am Istanbuler Taksim-Platz, das am 29. Oktober, dem Nationalfeiertag, eröffnet werden wird, soll der türkische Kulturtempel des 21. Jahrhunderts werden: mit Opernhaus, Konzertsaal, Kino, Museum, Bibliothek, Galerien, Archiven, Cafés und einem Terrassenrestaurant mit einem erschütternd schönen Blick auf den Bosporus. Ein multifunktionaler Kulturpalast als kosmopolitischer Mikrokosmos in einer 16-Millionen-Metropole. Ereignisort, Begegnungsstätte, Ruhepunkt und tragende Säule der Stadtarchitektur. Der Musiktempel soll sich an der internationalen Konkurrenz messen lassen können, und die Latte hängt hoch: Oslo, Hamburg, sagt Tabanlioğlu.

Das alte Atatürk-Kulturzentrum, 1969 eröffnet, 1970 abgebrannt und wieder instand gesetzt, wurde 2018 abgerissen. Es war baufällig und die, die es vor dem Aus noch besucht haben, erzählen weniger von den Opern und Konzerten als davon, wie übel es auf den Gängen des über die Jahre völlig vernachlässigten Hauses roch. Doch zu seinen Glanzzeiten war das alte AKM mehr als nur ein Opernhaus mitsamt Konzertsaal. Auch das alte Kulturzentrum war schon ein Bau mit Strahlkraft, mit einer Mission.

Kemal Atatürk, der türkische Alles-Alte-mit-der-Wurzel-Ausreißer, schaffte nach 1923 nicht nur Kopftuch, Fez und die arabische Schrift ab. Nach der Niederlage des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg erkannte er in Europas Kultur ein Lockmittel, den Blick seines Volkes nach Westen zu wenden. Weg von Osmanentum, Sultans-Monarchie und Kalifat-Islam, hin zu Republik und Moderne. Der Gründungsmythos der Atatürk-Republik fußt ebenso auf einer politischen wie auf einer kulturellen Revolution. Und das AKM war eine Bühne dieser Volksbildung: Das Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit, das Programm, der freie Geist, ein Beweis der Modernität der Türkei.

Das bestimmt den Anspruch, dem muss der Architekt Tabanlioğlu gerecht werden, wenn auch in einer ganz anderen Türkei. Seit fast 20 Jahren regiert Recep Tayyip Erdoğan das Land, ein konservativ-islamischer Politiker, dessen größter Wunsch es zu sein scheint, der zweite Atatürk zu werden. Aber nicht als säkularer Modernisierer, sondern als einer, der eine Zukunft sucht, in dem er das Land zurück zu seinen islamisch-osmanischen Wurzeln führt.

Um Abriss und Neubau gab es dann auch ziemlichen Streit. Das alte AKM gehört zum Kulturerbe, zur DNA der modernen Türkei. Gestattet wurde am Ende nur ein Neubau, dessen Fassade genau der äußeren Vorgabe des alten Baus folgen sollte. Was auch gelang. Das augenfällig Ungewöhnlichste am neuen AKM liegt dann auch hinter der an der Fassade völlig transparenten Hülle, im Inneren: der Opernsaal, u-förmig, ganz aus Holz, mit Platz für 2040 Menschen, mit einer hochmodernen Bühne, einer State-of-the-Art-Digitalanlage.

Dieses Auditorium ist verborgen in einer riesigen, burgunderroten Kugel. Zusammengesetzt aus 15 000 einzelnen glänzenden Kacheln erinnert sie an einen reifen Granatapfel. Dieser füllt nicht nur das Foyer, er wird auch von außen, vom Taksim aus durch die Glasfassade zu sehen sein. Der Architekt erklärt das überraschende und ungewöhnliche Element auf denkbar einfache Weise: "Rot ist für mich die Farbe der Oper."

Türkei: Für den Architekten Murat Tabanlioğlu ist das AKM eine Familienangelegenheit. Den Vorgängerbau hat sein Vater entworfen.

Für den Architekten Murat Tabanlioğlu ist das AKM eine Familienangelegenheit. Den Vorgängerbau hat sein Vater entworfen.

(Foto: Christiane Schlötzer)

Für Tabanlioğlu, der in Istanbul, in der Türkei und rund um die Welt baut, ist das AKM weit mehr als ein Renommierprojekt. Es ist Familiensache. Entworfen und erbaut hatte das alte AKM Tabanlioğlus Vater, Hayati Tabanlioğlu. Das Gebäude war das erste modernistische Gebäude der Türkei. Angelehnt an den Bauhaus-Stil, Alu-Glasfassade, freischwebende Treppe, Holzböden, gekachelte Flächen - Elemente, die der Sohn in seinem Neubau zitiert. "Es ist wie bei einem klassischen Musikstück, jeder interpretiert es anders", sagt er und zeigt auf die dem Original nachempfundene Treppe, die weich geschwungenen Emporen, das helle Holz. "Die Gestalt ist vorgegeben, die Ausführung ist neu."

Doch das Gebäude ist mehr als der Versuch, das Werk des Vaters zu achten und gleichzeitig aus seinem Schatten zu treten. Das neue AKM ist wie sein untergegangener Vorgänger ein hochpolitisches Bauwerk, und das liegt auch an seinem Ort. Kaum ein Platz gibt die Janusköpfigkeit und innere Zerrissenheit der Türkei besser wieder als der Taksim, den viele "das schlagende Herz des Landes" nannten, als in der Türkei noch munter und viel demonstriert werden durfte.

Rundherum Funktionspomp und Nutzbeton: Hotels, Banken, U-Bahnschächte, dazwischen eine riesige blanke Fläche, schmucklos. Aber mitten auf dem Taksim steht das Denkmal der Republik, der Hochaltar der Atatürk-Türkei: lachsfarbener Stein, grünlich schimmernde Bronze, alles beherrschend die Darstellungen des Staatsgründers. Erst Krieg, dann Frieden, Atatürk mit seinen Gefährten, in Uniform, mit der hohen Fellmütze, dann im Anzug, die Krawatte um den Stehkragen, den betont visionären Blick nach vorn gerichtet, in die Zukunft. Zuletzt ist auf der einen Seite des Platzes eine Moschee emporgewachsen, mit hoher Kuppel. Und auf der anderen, genau gegenüber, steht nun das neue AKM mit der roten Opernkuppel.

Die neue Taksim-Moschee war ein Wunschobjekt von Präsident Erdoğan. Shoppingmall oder Flughafen-Architektur, sagen Kritiker. Aber mit eindeutiger Botschaft und Überzeugungskraft für die, die sich überzeugen lassen wollen, sagen andere. Lange Zeit konnte Erdoğan bei Wahlen auf etwa die Hälfte der Stimmen der 80 Millionen Türken zählen. Zuletzt ist die Zustimmung laut Umfragen deutlich geringer geworden.

Im besten Fall wäre das neue AKM der Versuch, die Türkei mit sich selbst zu versöhnen

Zwischen Moschee und AKM liegt an einer Flanke des Platzes der Gezi-Park. Der Ort der Proteste und Straßenschlachten von 2013 ist mehr als nur eine städtische Grünfläche: Der winzige Park ist die politische Postadresse derer, die gegen Erdoğans Vision einer osmanisierten Türkei stehen. Die Gezi-Generation klammert sich aber auch nicht mehr blindlinks an Atatürk. Sie setzt auf eine zeitgemäße Türkei.

Von einer Palisade aus Dönerbuden und Billig-Shops umgeben, eingeschnürt wie von einer Zwangsjacke, steht schließlich am Rand des Taksim auch noch Aya Triada, die Heilige Dreifaltigkeit. Die griechisch-orthodoxe Kathedrale verweist auf das, was Istanbul vor Atatürk und Erdoğan war: Byzanz, Konstantinopel, Zentrum der antik-mittelalterlichen Christenheit. Und später, unter den Sultanen, die Hauptstadt eines multiethnischen, multireligiösen, halbwegs toleranten Staates.

Das ist der Ort, an dem Murat Tabanlioğlu gebaut hat: Zwischen Atatürks republikanischer Moderne und Erdoğans Islam des 21. Jahrhunderts, der Erinnerung an die Osmanenzeit und die Belle Epoque etwas Neues zu bauen und zugleich das Alte zu bewahren, das ist nicht leicht. Vielleicht sollte man das neue, alte AKM daher als das betrachten, was es im Idealfall sein kann: als gelungener Versuch, die Türkei ein wenig mit sich selbst zu versöhnen.

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