Hagia Sophia in Istanbul:Krummsäbel auf der Kanzel

Muslim festival of sacrifice Eid al-Adha in Istanbul

Gläubige versammeln sich vor der Hagia Sophia während des Opferfestes zum Gottesdienst.

(Foto: Kemal Aslan/Reuters)

Nach der Umwandlung der Hagia Sophia vom Museum in eine Moschee präsentiert sich Präsident Erdoğan mit glücklichen Gläubigen.

Von Tomas Avenarius

Als "Symbol des Wiedererwachens" der türkischen Zivilisation feiert die offizielle Türkei die Umwandlung der 1500 Jahre alten Hagia Sophia in Istanbul vom Museum in eine Moschee. Zum ersten Jahrestag der weltweit umstrittenen Aktion twitterte Staatschef Recep Tayyip Erdoğan ein längliches Video mit freudigen Gläubigen. Er hoffe, dass der Gebetsruf von der Hagia Sophia "bis zum Ende aller Zeiten" zu hören sei, so der Staatschef.

Muslime und Musliminnen aus der Türkei und der Welt bezeugten, wie glücklich sie seien, nun in der Hagia Sophia beten zu können. Ein englischsprachiger Mann, offenbar kein Muslim, nannte den Besuch der Moschee eine einzigartige "spirituelle Erfahrung". Präsidenten-Berater Ibrahim Kalin schob auf Twitter nach: "Eine große Sehnsucht ist erfüllt. Dem Herrn sei Lob und Preis."

Präsident Erdoğan selbst ist im Tweet unter anderem mit einer Archivaufnahme vom 24. Juli 2020 zu sehen. Seit 1935 war der Bau im Herzen Istanbuls als Museum und nicht als Kirche oder Moschee genutzt worden. Nun sitzt Erdoğan im Kreis seiner Minister, Würdenträger und anderer Prominenter beim ersten Freitagsgebet seit knapp 85 Jahren in der Hagia Sophia nach traditioneller Art auf dem Boden; er rezitiert die Eröffnungssure aus dem Koran. Aufsehen erregt hatte auch der Prediger-Auftritt des Chefs der islamischen Religionsbehörde Diyanet: Ali Erbaş hatte mit einem historischen Krummsäbel in der Hand auf der Kanzeltreppe gestanden.

Als Konstantinopel fiel, begann der osmanische Aufstieg

Erbaş hatte dies damit begründet, dass die ehemalige Basilika eine von mehreren türkischen "Eroberer-Moscheen" sei. Beim Freitagsgebet würden in diesen besonderen Gebetshäusern traditionell Schwerter gezeigt.

Der osmanische Sultan Mehmed hatte 1453 das damalige Konstantinopel als Hauptstadt des christlich-byzantinischen Reiches erobert. Das christlich-orthodoxe Imperium ging unter, die Osmanen stiegen für mehrere Jahrhunderte zur Weltmacht auf, die Europa bedrohte.

Die Stoßrichtung Erdoğans 2020 bei der Umwidmung in eine Moschee und nun beim Jahrestags-Tweet ist offensichtlich. Der stark islamisch ausgerichtete Staatschef will den muslimischen Charakter der eigentlich säkular verfassten Republik Türkei betonen und sich gleichzeitig international als Führungsfigur der Umma, der islamischen Weltgemeinschaft präsentieren.

Die Kritik der Unesco am Massenbetrieb in der Hagia Sophia wurde vom Außenministerium in Ankara schroff zurückgewiesen: "Parteinehmend und politisch" seien diese angeblichen Warnungen über den Zustand des Gebäudes. Die türkische Regierung kümmere sich "mit größter Sorgfalt". Die Unesco verletzte zudem die "Souveränität der Türkei". Sowohl die Hagia Sophia als auch die ebenfalls in eine Moschee umgewandelte Chora-Kirche seien "historisches Eigentum" des Landes.

© SZ
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