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Türkei:Trotz allem stärker als die Ankläger

Ahmet Altan

Ahmet Altan auf einem Bild aus dem Jahr 2009.

(Foto: dpa)
  • Ahmet Altan erhält den mit 10.000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und des bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
  • Der türkische Schriftsteller kann den Preis nicht entgegennehmen. Er wurde wegen Kritik an der regierenden AKP 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • Seine Texte zeugten von "großer Standhaftigkeit", erklärte die Jury. Sie zeigten auf "ruhige, klare Weise", wie es um die Türkei stehe.

Wenn am 25. November in München der renommierte Geschwister-Scholl-Preis verliehen wird, zum 40. Mal, dann wird der Preisträger fehlen. Davon muss man leider ausgehen. Denn Ahmet Altan, einer der herausragenden Schriftsteller der Türkei, sitzt schon seit gut drei Jahren im Gefängnis. Er wurde kurz nach dem Putschversuch vom Juli 2016 festgenommen und 2018 in einem höchst zweifelhaften Gerichtsverfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. "Mit dem politisch motivierten Urteil wurde ein kritischer Kommentator des Geschehens in der Türkei seiner Freiheit beraubt", heißt es in der Preisbegründung. Altan, 69 Jahre alt, wird für sein Buch "Ich werde die Welt nie wiedersehen" (S. Fischer, 2018) ausgezeichnet. Darin erzählt er von seinen Erfahrungen im Gerichtssaal und im Gefängnis.

Altans Texte zeugten von "großer Standhaftigkeit, vom Entschluss, trotz allen Entbehrungen stärker zu sein als die Vernehmer, Ankläger und Richter", so die Jury. Sie zeigten auf "ruhige, klare Weise", wie es um die Türkei stehe. Er schreibe für alle, die unter schwierigsten Bedingungen die Freiheit verteidigten. Dies erinnere an das Vermächtnis der Geschwister Scholl.

Der Preis wird von der Stadt München und dem bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergeben, er ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Preisträger werden stets mehrere Wochen im voraus bekannt gegeben. Zu ihnen gehörten Joachim Gauck, Roberto Saviano, David Grossman und die 2006 in Moskau ermordete Anna Politkowskaja. Sie bekam die Auszeichnung posthum.

Das Hochsicherheitsgefängnis von Silivri, in dem Altan in einer Einzelzelle sitzt, ist das größte der Türkei. Es liegt etwa 70 Kilometer von Istanbul entfernt, in unmittelbarer Nähe zur Erdbebenbruchzone unter dem Marmarameer. Ein paar Wärter sollen weggelaufen sein, als es vor einer Woche so stark bebte wie seit 20 Jahren nicht mehr. Häftlinge haben angeblich darum gebeten, die Nacht in den Höfen vor den Zellen verbringen zu dürfen; es soll ihnen verweigert worden sein, hieß es in sozialen Medien.

"Bravo! Sperrt sie alle ein!"

Zur beunruhigenden Geologie des Ortes und der Symbolik, die sich daran knüpfen lässt, würde Ahmet Altan sicher einiges einfallen. In seiner Zelle unternimmt er, wie man in seinem Buch nachlesen kann, fantasievolle Zeitreisen, zurück in die Vergangenheit und in eine luzide Zukunft. Er ist eigentlich Romancier, hatte mit Liebesgeschichten ein Millionenpublikum erobert, bevor er sich in politische Debatten einmischte, zeitweise auch als Zeitungschefredakteur. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht, einer wütenden Abrechnung mit der gegenwärtigen Beschaffenheit der türkischen Justiz, spottete er: "Bravo! Sperrt sie alle ein! Das ist eure Zeit. Aber Zeiten ändern sich, Zeiten ändern sich immer."

Altan wurde im Februar 2018 sogar zu "erschwerter lebenslanger Haft" verurteilt, die in der Türkei die abgeschaffte Todesstrafe ersetzt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Putschversuch im Juli 2016 unterstützt, weil er zuvor in einer Fernsehsendung sagte: "Die AKP wird ihre Macht verlieren. Und sie wird vor Gericht gestellt werden." Die AKP ist die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die seit 2002 das Land regiert. Ein Berufungsgericht hob dieses Urteil im Juli auf. Es gebe keinen Beweis dafür, dass Altan die verfassungsgemäße Ordnung der Türkei stürzen wollte, so das Gericht. Aber der Schriftsteller kam nicht frei, jetzt liegt die Sache wieder bei einer unteren Instanz. "Gerechtigkeit ist wie ein Vorortzug. Wenn er nicht pünktlich ist, kann man nie wissen, wann und ober er überhaupt kommt", sagte Altan vor einem Jahr der Süddeutschen Zeitung in einem Interview aus dem Gefängnis, das über seinen Anwalt geführt wurde.

Altans Buch ist ein bewegender Bericht aus dem Inneren einer Gesellschaft, in der die Angst umgeht, geschrieben von einem, der sich nicht bange machen lässt, der die Regierenden in Ankara auch als Angeklagter noch daran erinnert, dass Rechtsstaatlichkeit und Wohlergehen miteinander verbunden sind. "Repressive Regierungen", sagte er vor der Richterbank, "sind wie Streichhölzer. Während sie alles zu Asche verbrennen, fangen auch sie selbst Feuer und werden von ihm aufgefressen." Und: "Dieses Land wird mit einer wirtschaftlichen Katastrophe dafür bezahlen, dass es sich von den europäischen Werten distanziert." Inzwischen ist die Wirtschaftskrise da.

Der Preis erinnert an Sophie und Hans Scholl, die während der Nazi-Zeit der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" in München angehörten. Sie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Die Verleihung findet in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität statt, wo die Geschwister ihre Flugblätter auslegten. Ausgezeichnet wird stets ein aktuelles Buch, das von "geistiger Unabhängigkeit" zeugt. Altans Schicksal, heißt es auch in der Begründung, stehe "leider beispielhaft für die Situation vieler unabhängiger Journalistinnen und Journalisten in zunehmend autoritären oder auch diktatorischen Gesellschaften".

Literatur "Die Zeiten ändern sich immer"

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