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Literatur:Generation im Selbstzweifel

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021

Die simbabwische Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021.

(Foto: Mateusz Zaboklicki/dpa)

Tsitsi Dangarembga will mit ihren Büchern Simbabwe verändern - der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die Autorin und Filmemacherin.

Von Felix Stephan

Für die simbabwische Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga war es ein bemerkenswertes Jahr: Vor zwölf Monaten wurde ihr Roman "This Mournable Body" ("Überleben", Orlanda-Verlag, 24 Euro) für den Booker Prize nominiert. Wenige Tage später wurde Dangarembga in der simbabwischen Hauptstadt Harare verhaftet. Und jetzt wird ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Dangarembga veröffentlichte ihren Debütroman "Nervous Conditions" (unter dem Titel "Aufbrechen" ebenfalls bei Orlanda erschienen) im Jahr 1988, er machte sie über Nacht bekannt und sicherte ihr einen Platz im Kanon der afrikanischen Gegenwartsliteratur. Der Roman erzählt die Geschichte von Tambu, einem Mädchen, das im kolonialen Rhodesien in Armut aufwächst und dessen Lage sich auch im postkolonialen Simbabwe nicht wesentlich verbessert. Die Fortsetzung des Romans, "The Book of Not", erschien erst 2006, in Deutschland fand sich kein Verlag dafür.

Der dritte Teil brachte der 1959 geborenen Dangarembga nun die Nominierung für den Booker Prize ein. Das Buch spielt im Simbabwe der späten Neunzigerjahre, Tambu ist jetzt in ihren Dreißigern und findet trotz einer guten Ausbildung keinen Job. Als Lehrerin an einer Mädchenschule attackiert sie eine ihrer Schülerinnen in einem Wutanfall und landet in der Psychiatrie. Anhand der Verwandten, die sie dort besuchen, erzählt der Roman die Geschichte des Landes, das sich in einem blutigen Krieg von den englischen Kolonisatoren befreit hat, in der Folge aber in Korruption und Kleptokratie versank. Jahrelang fand Dangarembga keinen Verlag für den Roman. Erst als sie Exzerpte in den sozialen Medien veröffentlichte, meldeten sich Interessenten.

In Simbabwe bessert sich wenig, bei Protesten im vergangenen Jahr wurde Tsitsi Dangarembga verhaftet

Vor vier Jahren gelang es Simbabwe, den Langzeitautokraten Robert Mugabe nach 37 Jahren abzusetzen, aber der Teufelskreis aus Vetternwirtschaft und Armut bestimmt die Lage des Landes bis heute. Als sich Oppositionelle im Juli 2020 in Harare versammelten, um gegen den neuen Staatschef Emmerson Mnangagwa zu protestieren, reagierte dieser nicht anders, als Mugabe es getan hätte: Die Hauptstadt wurde abgeriegelt, Sicherheitskräfte gingen gegen die Protestanten vor, etliche von ihnen wurden verhaftet, darunter Tsitsi Dangarembga, die prominenteste Autorin des Landes.

Dangarembgas Romantrilogie zeige "soziale und moralische Konflikte auf, die weit über den regionalen Bezug hinausgehen und Resonanzräume für globale Gerechtigkeitsfragen eröffnen", heißt es nun in der Begründung des Stiftungsrates. Anders als ihre Eltern wächst Dangarembgas Protagonistin in Freiheit auf. Die weißen Kolonisatoren sind abgezogen, theoretisch gehört das Land wieder ihr.

Dass es ihr trotzdem nicht besser geht, dass der gesellschaftliche Aufstieg ausbleibt und sich die Unterdrückung eher noch verschärft, Freiheit und Bürgerrechte weiter eingeschränkt werden, stürzt eine ganze Generation in existenzielle Selbstzweifel. In den ersten drei Jahren unter Mnangagwa wurden in Simbabwe mehr Oppositionelle wegen Verrats angeklagt als in der gesamten Regierungszeit Mugabes, berichten Menschenrechtsgruppen. Die Enttäuschung ist grenzenlos, und sie bündelt sich in Dangarembgas Romanen.

Ihre Kunst ist mit Aktivismus eng verwoben, der Stiftungsrat würdigt ausdrücklich auch das politische Engagement der Autorin: Sie kämpfe für Freiheitsrechte und politische Veränderungen in Simbabwe, heißt es; gegenwärtig richte sich ihr friedlicher Protest gegen die Korruption. "Ich habe Angst", sagte sie der britischen Zeitung Guardian, nachdem sie aus der Haft entlassen wurde, es gebe wieder Entführungen in Simbabwe. Diese träfen zwar vor allem Oppositionspolitiker und Aktivisten, sie sei eine Schriftstellerin und Filmemacherin. Sie sei aber auch eine Bürgerin Simbabwes.

© SZ/sus
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