bedeckt München 30°

"Tschudi" von Mariam Kühsel-Hussaini:Gewölbe aus trübem Kristall

Vergangenheitsverklärung nach Berliner Art: Mariam Kühsel-Hussainis Roman "Tschudi".

Von Catrin Lorch

Mariam Kühsel-Hussaini scheut das Pathos nicht. Es ist ein hoher Ton, den sie in ihrem Roman "Tschudi" anschlägt: "Solche Wesen sind im Besitz anderer Kräfte, so unglaubwürdig das auch klingen mag. Sie wären sonst überhaupt nicht in der Lage, solch große Entscheidungen zu treffen und die Folgen zu ertragen. Sie würden sonst schlicht binnen Stunden zerfallen, jedenfalls ein Mensch mit durchaus ehrenwerten, doch eben nur mittelmäßigen Anlagen würde es, er würde verschwinden im Geschehen einer Wahrheit, die soeben dabei ist, sich zu erheben, wie es der Impressionismus zu Beginn unserer Geschichte tut. Er erwacht."

Ihr Titelheld, das "Wesen im Besitz anderer Kräfte", ist der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Hugo von Tschudi, der um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert den Impressionismus in Deutschland bekannt machte, vor allem mit umstrittenen Ankäufen für die Nationalgalerie in Berlin. Wer allerdings hofft, auf knapp dreihundert Seiten diesem Mann nahe zu kommen, der sollte sich von der ersten Charakterisierung gewarnt sehen - man erfährt nicht wirklich etwas vom Leben so eines Berliner Direktors, von Ankaufsverhandlungen, Galeriebesuchen, Museumsalltag, oder gar Politik und Kunst. Und während die Handlung sich in den vielen Kapiteln, die jeweils als unverbundene, lyrisch zersplitterte Einzelszenen angelegt sind, nicht wirklich entfaltet, dreht sich das gedanklich Geschraubte noch einige Windungen hinauf. Schon der venezianische Kanal, an dem man dem Titelhelden erstmals begegnet, windet sich wie ein "nass türkises Seidenband". Luft ist ein "Gewölbe aus trübem Kristall" vor dem sich der "unbeschreiblich felsene Rücken, ganz in Schwarz unterlaufen" von Tschudi abheben darf. Und das sind noch die harmlosen, die illustrativen Stilblüten.

Der konservative Kunstfreund sucht eigentlich keine Asthetik

In dem vorsätzlich anachronistischen, hochgestochenen Ton klingt mehr an - ein junger, in Berlin geprägter Konservatismus, der sich über ewige Werte, vor allem in der Kunst, beugt wie über den Weltgeist, er gibt sich hochgebildet, elitär, genealogisch. Dieser Kunst-Konservatismus ist eine Parallelwelt der zeitgenössischen Kunst und aktuellen Kunstgeschichte. Er blendet die zeitgenössischen Entwicklungen - politische Kunst, Konzept, Institutionskritik, die Kultur-für-alle-Museumsgründungen und Akademiereformen - vorsätzlich aus. Und er veredelt noch jede Kreuzberger Malerbiografie in eine an Vasari gemahnende Vita, die sich gut in den von Auktionshäusern und Galerien edierten Magazinen vermarkten lässt.

Berlin hat Bedarf. Weniger der Tausenden von Künstlern wegen, die in der Stadt arbeiten, denn wegen der Ratlosigkeit vor den glatten, platten- oder granitverkleideten Straßen in ihrem Zentrum. Der konservative Kunstfreund - und es gibt viele Autoren, die den Job gerne übernehmen - sucht eigentlich nicht nach Ästhetik, er wärmt sich im kalten Berlin lieber wohlig an Reminiszenzen auf eine Epoche, die lose von der Jahrhundertwende bis in die Zwanzigerjahre reicht, wobei alles wirklich Moderne und Avantgardistische ausgeblendet wird - Film, Fotografie, Zeitungswesen und Radio, also Massenmedien. Seine Gedanken flanieren stattdessen im "Tiergarten", am "Wannsee" und "Unter den Linden", vorbei an Cafés, Villen, Restaurants, Clubs, Einkaufsstraßen und Galerien, immer in Blickrichtung auf das Genie.

Berlin als Kulisse, vor der sich berühmte Künstlernamen funkelnd abheben: die Alte Nationalgalerie in Mitte.

(Foto: Esther DG/unsplash)

Ihr Berlin ist eine Kulisse, vor der sich berühmte Künstlernamen funkelnd abheben. Und erzählen sich Geschichten von verkannten Genies, posthumen Erfolgen, märchenhaften Wertsteigerungen oder dem Triumph verfemter Stile nicht einfach besser? Kunst kommt da vom Kämpfen, die Siegerperspektive kann von Helden berichten und das Durchsetzen einer Malweise wie territoriale Eroberungen feiern - während die tatsächliche Forschung nur trocken die Zusammenhänge zwischen Werk, Publikum, Soziologie, Peripherie und Medien aufdröselt. Warum aber eignet sich eine Vermittlerfigur wie der 1851 geborene Schweizer Hugo von Tschudi, der früh den Impressionismus in seiner Qualität erkannte und in Deutschland etablierte, überhaupt für solche Epen? Immerhin: Seine Ankäufe und die offensive Hängung der französischen Künstler in der Nationalgalerie wurden sogar vom Kaiser persönlich kritisiert. Von der aufschlussreichen Biografie bis zum Zeitpanorama wäre also Stoff vorhanden.

Alle treten sie auf: Max Liebermann, Max Reinhardt, Julius Meier-Graefe

Doch Mariam Kühsel-Hussaini ist beides nicht gelungen. Ihr Buch liest sich, als habe man die in einem Glossar gelisteten Namen über einen Stadtplan des Berlins um die Jahrhundertwende ausgestreut. Nie öffnet sich die Tür eines der mit lexikalischer Genauigkeit verzeichneten Restaurants, der Nachtklubs und Gaststätten (vom "Borchardt" bis zum "Café Friedrichshof"), ohne dass irgendein heute noch prominenter Künstler, Schauspieler, Politiker oder Schriftsteller eintritt. Briefe, die nicht von Gerhard Hauptmann, Cosima Wagner oder in der Pariser Galerie Durand-Ruel frankiert wurden, werden gar nicht geöffnet.

Wenn der Bankier und Kunstsammler Ernst von Mendelssohn ("ein gern gesehener Mensch von existenzieller Klasse") mit Tschudi ins gerade eröffnete "Apollo" geht, dann steigt neben ihnen ein "sehr junger Mann mit strubbelig dickem Haar" aus der Droschke, der dem Leser als "Max Reinhardt, ein aufstrebender Stern am Schauspielerhimmel" vorgestellt wird. Der Kaiser reitet vorbei ("Sein Herz, eine verletzte Taube im Käfig"). Harry Graf Kessler, Max Liebermann, Walter Leistikow treten auf, Industrielle wie Friedrich Krupp ("von Sehnsucht durchströmt, wie der Golf von Neapel von gebräunten männlichen Schwimmern"), der Kritiker Julius Meier-Graefe ("ein gutaussehender, edler, reichlich begabter Feuilletonist") und - fast überraschend - auch Guido Henckel von Donnersmarck ("Schwerstindustrieller und preußischer Graf").

Die eigentümlichen Vergleiche und Charakterisierungen bremsen nicht nur den Lesefluss, sondern auch die Dynamik der Handlung. Zudem ist es auf so einem Olymp, als den die Autorin ihr Figurentableau angelegt hat, schwierig, miteinander ins Gespräch zu kommen: Der mit dem Kaiser plaudernde Philip von Eulenburg fragt dann ganz ungezwungen, ob die Albträume seiner Majestät wohl "von den Aufständen der Afrikaner in unseren Kolonien" ausgelöst wurden oder doch "vom Parlament, Du bist ihm gefährlich geworden, wolltest über sie bestimmen".

Mariam Kühsel-Hussaini

Die Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini.

(Foto: Patrick Bienert)

Und was haben sich ein Museumsdirektor und ein Maler noch zu sagen, wenn sie mit so umständlicher Steifheit nebeneinander gesetzt werden: "Der eine ein Nachkomme von Rittern und Gelehrten der höchsten Stunde, der andere ein Spross von schwarzen Adlern, die sich mit Gnomen kreuzten. Der eine ein zurückhaltender Über-Schatten, der andere ein göttlicher Stumpf." Nicht viel: "Tschudi sprach langsam und teuer. 'Sie sind der Maler der Könige und für Könige, aber Sie haben mehr portraitiert als das, Sie haben die Kunst selbst gemalt.' Menzels Herz war getroffen wie von einem glühenden Zeigefinger Caravaggios."

Die Berliner Konservativen, eine bildungshuberische Leserschaft, die Kunst als ungebrochene Wertschöpfungskette begreift, deren höchste Steigerungsform das Ewige und Göttliche sind, wird der ganze Schwulst womöglich nicht einmal stören. Dem weltläufigen, modernen Hugo von Tschudi waren dagegen Pathos und Kitsch ein Graus, er hat diesen biografischen Roman wirklich nicht verdient. Tschudi übrigens konnte selbst nicht nur schlicht und treffend, sondern auch lustig formulieren. So absonderliche Anachronismen, die waren ihm die "zopfigsten Abenteuerlichkeiten".

Mariam Kühsel-Hussaini: "Tschudi". Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 320 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 02.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite