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"Tschick" in der SZ-Cinemathek:"Komm Maik, wir fahr'n um den Block"

Und dann ist Maik natürlich nervös, weil das Auto geklaut ist, und Tschick sagt, es sei nur ausgeliehen, und wegen der Fingerabdrücke brauche man sich nun wirklich keine Sorgen zu machen, das sei "Fernsehscheiß". Alles Herrndorf. Den schicksalhaften Satz, der dann kommt, spricht Anand Batbileg überraschend verhalten aus, beinahe lyrisch: "Komm Maik, wir fahr'n um den Block." Dann schiebt er noch so ein winziges, nur angedeutetes Lächeln hinterher, das aber so rührend und verheißungsvoll ist, dass man wirklich einfach einsteigen muss.

Wie die beiden nun losfahren, um erst bei der Party von Super-Tatjana, bei der sie als Einzige nicht eingeladen sind, noch einen Auftritt mit qualmenden Reifen hinzulegen, und dann über Rahnsdorf nach Süden zu brettern, Richtung "Walachei" - das folgt nicht nur getreulich der Spur des Romans. Es sieht auch einfach sehr gut aus - die schnurgeraden, Weizenfelder zerteilenden Landstraßen des Ostens, die einsamen Kreuzungen zwischen Kühen, Maisfeldern und Windkraftanlagen, an denen die Frage, wo eigentlich Süden ist, grundsätzlich nach Gefühl entschieden wird.

Dazu läuft dann tatsächlich in voller Lautstärke "Ballade pour Adeline" von Richard Clayderman, leicht eiernd. Für die Musikanlage des Lada gibt es nur dieses eine verstaubte Kassette, was will man machen. Und wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Herrndorf in seinem Schreibens- und Sterbensblog "Arbeit und Struktur" sich noch wie ein Schnitzel über diesen Einfall gefreut hat, dann ist es schon wirklich groß, das jetzt genau so zu sehen und zu hören. Da liegt dann fast ein kosmisches Lächeln über der Szene.

In demselben Blog gibt es auch den Eintrag vom Oktober 2010: "Drei Wochen ist ,Tschick' raus, und in keiner Buchmessenbeilage und keiner Zeitung. Es ist mir nicht so gleichgültig wie früher." Kaum mehr vorstellbar, dieser Außenseiterstart - besonders nicht heute, sechs Jahre später. Sechs Jahre, in denen "Tschick" und der ganze Herrndorf überhaupt in absoluter Rekord-zeit den Weg in die Kanonisierung, Deutschstundisierung, ja beinah schon Sakralisierung durchlaufen haben.

So kommt die Verfilmung quasi im allerletzten Moment, um noch als Phänomen einer bestimmten Zeit durchzugehen, in der auch der Roman selber spielt. Ein paar Jahre mehr, und man hätte das Ganze gefühlt schon zu den Ewigkeits-Klassikern der Jugend sortieren müssen, in einen Stapel mit Robert Louis Stevenson und Mark Twain. Wobei die Ehrfurcht, die mit diesem Status einhergeht, auch hier bereits spürbar ist. Zum Glück: Manche Dinge sind, so wie sie zwischen zwei Buchdeckeln stehen, im Kino einfach nicht mehr verbesserbar.

Natürlich müssen ganze Kapitel wegfallen, aber: Alles Wesentliche ist im Film enthalten

Etwa der Dialog, bei dem Maik und Tschick nachts auf einem Feld liegen und zu den Sternen schauen und über das Weltall philosophieren. Ihr Fluchtpunkt ist dabei ausgerechnet Paul Verhoevens Space-Insekten-Gemetzel "Starship Troopers" - ein Film, der im Klassenzimmer der Filmgeschichte derzeit noch in der Strafecke für ungezogene kleine Faschisten steht. Weshalb es für den Eigenhirnbenutzer und notorischen Cineasten Herrndorf eine diebische Freude gewesen sein muss, ihn in dieser Szene zu platzieren.

Und dann fügt Fatih Akin dieser Szene, in der die zwei irdischen Ausreißer zwei junge Weltraum-Insekten imaginieren, Lichtjahre entfernt, die ebenfalls rebellisch zu den Sternen schauen und wider alle Vernunft an die Existenz von Menschen glauben, noch einen kleinen Touch hinzu. Nämlich die Spitze eines Windpark-Rotors, der alle paar Sekunden durch den Sternenblick rauscht. Und man muss zugeben: Das passt sogar noch besser zur verqueren Romantik dieser Nacht als die Holunderbüsche, die bei Herrndorf stehen.

Natürlich müssen später auch ganze Kapitel wegfallen, wie das eben so ist, wenn man einen Sommer auf schlanke 93 Minuten verdichten will. Aber alles Wesentliche ist enthalten - etwa die unvergessliche Müllkippenkönigin Isa, die Mercedes Müller ziemlich gut verkörpert, mit einem Funken Irrsinn in den sehr blauen Augen. Wenn es überhaupt einen programmatischen Unterschied zum Roman gibt, betrifft er am Schluss die Frage der Zukunftsträume. Herrndorf entlässt seine Leser mit dem Gefühl, dass für Maik und Tschick das Wünschen schon noch helfen wird. Akin ist da sogar eine Spur strenger. Auch das ist bemerkenswert an dieser schönen Adaption - dass man dem Kino hier nicht vorwerfen kann, am Ende doch nur wieder die windelweiche Wunschmaschine zu sein.

Tschick, D 2016 - Regie: Fatih Akin. Buch: Lars Hubrich. Kamera: Rainer Klausmann. Mit Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller, Udo Samel, Anja Schneider. StudioCanal, 93 Minuten.

© SZ vom 14.09.2016/sars
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