bedeckt München 24°

"Tschick" in der SZ-Cinemathek:Und das war dann dieser Sommer

'Tschick'

Mit diesen Jungs kann man als Regisseur kaum etwas falsch machen: Tristan Göbel (l.) als Maik und Anand Batbileg als Tschick.

(Foto: dpa)

Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" war schon in Buchform das beste deutsche Roadmovie. Die Geschichte ins Kino zu bringen, ist ein Risiko - das Fatih Akin gekonnt meistert. Also fast.

Filmkritik von Tobias Kniebe

Woran das Ganze von vornherein scheitern könnte, sind natürlich die Jungs. Die schon wirklich sehr jung sein müssen, damit man ihnen ihre gefahrvolle Reise in einem geklauten Lada auch glaubt. Und gleichzeitig charismatisch genug, damit es am Ende ein toller Sommer gewesen sein wird, will sagen, der beste Sommer von allen. Was ja doch in etwa der Anspruch ist, wenn man darangeht, das viel geliebte Roadmovie "Tschick" aus der Buchform herauszulösen und tatsächlich in bewegte Bilder zu übersetzen.

Da ist also erstens Maik Klingenberg. Nicht Maiki oder Maikipaiki, auch nicht Klinge, einfach nur Maik. Wohnhaft in einer Villengegend von Berlin-Marzahn, die eigentlich nur aus der Villa seiner Eltern besteht. Er ist das genaue Gegenteil eines Assis: reich, feige, wehrlos. Und da ist zweitens Andrej - man muss sich das für die Zunge portionieren - Tschi-chat-schow. Extrem hohe Wangenknochen, Schlitze statt Augen, deutscher Pass, aber geboren in den unendlichen russischen Weiten. Der Russe also. Tschick.

Dieser Maik hat auf der Leinwand nun lässige Haare, fast schulterlang, riesige Wimpern, eine Hühnerbrust und zarten Flaum auf der Oberlippe. Besonders dieser Flaum ist ein fast genialischer Beweis, dass er wirklich vierzehn ist. Nicht weniger eindrucksvoll ist Tschick. Er ist genauso alt, aber deutlich größer und herrlich ungelenk. Über seinem freundlichen, runden Mondgesicht steht mittig ein schwarzes Haarbüschel hervor. Verwegen bescheuert sieht das aus. Also perfekt.

Akins Regie zeigt, warum Handwerker irgendwann Meister genannt werden

Kaum hat man diese beiden Jungs in Aktion gesehen, Tristan Göbel und Anand Batbileg, kaum hat man gehört, wie sie sich die ersten knappen Herrndorf-Dialoge zu eigen machen - "Übertrieben geile Jacke." - "Lieblingsjacke. Unverkäuflich" - ahnt man: Das isses eigentlich. Da kann man jetzt als Regisseur, wenn man diese zwei gefunden und zum Reden gebracht hat, kaum noch was falsch machen.

Es sei denn natürlich, man spürt den Drang, dem Ganzen noch mal offensiv seinen Stempel aufzudrücken. Noch mal mit einer ganz anderen Tonalität dazwischenzufunken, oder mit ein paar kommerziellen Feelgood-Montagen zu aktuellen Hits, damit das Ding auch zündet bei den Kids. Was wackligere Egos durchaus machen würden. Der Autor Wolfgang Herrndorf hat die deutsche Teeniekomödie ja nicht zufällig zeitlebens ziemlich gehasst.

Fatih Akin allerdings ist da ganz ungefährdet. Wer zwischen Deutschland und der Türkei schon mehrmals mit dem Kopf durch die Wand und wieder zurück ist, hat irgendwann einfach die Ruhe weg. So hat er kurzfristig von David Wnendt übernommen, der in letzter Sekunde nicht mehr konnte oder wollte. Akins Regie stellt nun beiläufig klar, warum Handwerker einer gewissen Souveränitätsstufe, die sich in den Dienst einer Sache stellen, irgendwann Meister genannt werden.

Ansonsten spricht, in erstaunlicher Konsequenz, Wolfgang Herrndorf selbst. Sogar in Zweifelsfällen, wo man nachschlagen muss, findet man den Satz oder das Detail oft tatsächlich. Es laufen zum Beispiel selbst im Buch bereits die White Stripes, als Tschick zum ersten Mal mit dem rostigen alten Lada vorfährt. Im Film laufen sie auch, aber eben nicht der erwartbare Superhit fürs Mitgröl-Stadion. Sondern, verhaltener und zugleich unaufhaltsamer, die richtige Dosis Aufbruch im Riff, der Song "Ball And Biscuit".

"Komm Maik, wir fahr'n um den Block"

Und dann ist Maik natürlich nervös, weil das Auto geklaut ist, und Tschick sagt, es sei nur ausgeliehen, und wegen der Fingerabdrücke brauche man sich nun wirklich keine Sorgen zu machen, das sei "Fernsehscheiß". Alles Herrndorf. Den schicksalhaften Satz, der dann kommt, spricht Anand Batbileg überraschend verhalten aus, beinahe lyrisch: "Komm Maik, wir fahr'n um den Block." Dann schiebt er noch so ein winziges, nur angedeutetes Lächeln hinterher, das aber so rührend und verheißungsvoll ist, dass man wirklich einfach einsteigen muss.

Wie die beiden nun losfahren, um erst bei der Party von Super-Tatjana, bei der sie als Einzige nicht eingeladen sind, noch einen Auftritt mit qualmenden Reifen hinzulegen, und dann über Rahnsdorf nach Süden zu brettern, Richtung "Walachei" - das folgt nicht nur getreulich der Spur des Romans. Es sieht auch einfach sehr gut aus - die schnurgeraden, Weizenfelder zerteilenden Landstraßen des Ostens, die einsamen Kreuzungen zwischen Kühen, Maisfeldern und Windkraftanlagen, an denen die Frage, wo eigentlich Süden ist, grundsätzlich nach Gefühl entschieden wird.

Dazu läuft dann tatsächlich in voller Lautstärke "Ballade pour Adeline" von Richard Clayderman, leicht eiernd. Für die Musikanlage des Lada gibt es nur dieses eine verstaubte Kassette, was will man machen. Und wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Herrndorf in seinem Schreibens- und Sterbensblog "Arbeit und Struktur" sich noch wie ein Schnitzel über diesen Einfall gefreut hat, dann ist es schon wirklich groß, das jetzt genau so zu sehen und zu hören. Da liegt dann fast ein kosmisches Lächeln über der Szene.

In demselben Blog gibt es auch den Eintrag vom Oktober 2010: "Drei Wochen ist ,Tschick' raus, und in keiner Buchmessenbeilage und keiner Zeitung. Es ist mir nicht so gleichgültig wie früher." Kaum mehr vorstellbar, dieser Außenseiterstart - besonders nicht heute, sechs Jahre später. Sechs Jahre, in denen "Tschick" und der ganze Herrndorf überhaupt in absoluter Rekord-zeit den Weg in die Kanonisierung, Deutschstundisierung, ja beinah schon Sakralisierung durchlaufen haben.

So kommt die Verfilmung quasi im allerletzten Moment, um noch als Phänomen einer bestimmten Zeit durchzugehen, in der auch der Roman selber spielt. Ein paar Jahre mehr, und man hätte das Ganze gefühlt schon zu den Ewigkeits-Klassikern der Jugend sortieren müssen, in einen Stapel mit Robert Louis Stevenson und Mark Twain. Wobei die Ehrfurcht, die mit diesem Status einhergeht, auch hier bereits spürbar ist. Zum Glück: Manche Dinge sind, so wie sie zwischen zwei Buchdeckeln stehen, im Kino einfach nicht mehr verbesserbar.

Natürlich müssen ganze Kapitel wegfallen, aber: Alles Wesentliche ist im Film enthalten

Etwa der Dialog, bei dem Maik und Tschick nachts auf einem Feld liegen und zu den Sternen schauen und über das Weltall philosophieren. Ihr Fluchtpunkt ist dabei ausgerechnet Paul Verhoevens Space-Insekten-Gemetzel "Starship Troopers" - ein Film, der im Klassenzimmer der Filmgeschichte derzeit noch in der Strafecke für ungezogene kleine Faschisten steht. Weshalb es für den Eigenhirnbenutzer und notorischen Cineasten Herrndorf eine diebische Freude gewesen sein muss, ihn in dieser Szene zu platzieren.

Und dann fügt Fatih Akin dieser Szene, in der die zwei irdischen Ausreißer zwei junge Weltraum-Insekten imaginieren, Lichtjahre entfernt, die ebenfalls rebellisch zu den Sternen schauen und wider alle Vernunft an die Existenz von Menschen glauben, noch einen kleinen Touch hinzu. Nämlich die Spitze eines Windpark-Rotors, der alle paar Sekunden durch den Sternenblick rauscht. Und man muss zugeben: Das passt sogar noch besser zur verqueren Romantik dieser Nacht als die Holunderbüsche, die bei Herrndorf stehen.

Natürlich müssen später auch ganze Kapitel wegfallen, wie das eben so ist, wenn man einen Sommer auf schlanke 93 Minuten verdichten will. Aber alles Wesentliche ist enthalten - etwa die unvergessliche Müllkippenkönigin Isa, die Mercedes Müller ziemlich gut verkörpert, mit einem Funken Irrsinn in den sehr blauen Augen. Wenn es überhaupt einen programmatischen Unterschied zum Roman gibt, betrifft er am Schluss die Frage der Zukunftsträume. Herrndorf entlässt seine Leser mit dem Gefühl, dass für Maik und Tschick das Wünschen schon noch helfen wird. Akin ist da sogar eine Spur strenger. Auch das ist bemerkenswert an dieser schönen Adaption - dass man dem Kino hier nicht vorwerfen kann, am Ende doch nur wieder die windelweiche Wunschmaschine zu sein.

Tschick, D 2016 - Regie: Fatih Akin. Buch: Lars Hubrich. Kamera: Rainer Klausmann. Mit Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller, Udo Samel, Anja Schneider. StudioCanal, 93 Minuten.

© SZ vom 14.09.2016/sars
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB