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Trumps Chefstratege:Was Stephen Bannons Filme über sein Weltbild verraten

White House Chief Strategist Stephen Bannon speaks at the Conservative Political Action Conference (CPAC) in National Harbor, Maryland

Stephen Bannon hat früher Filme gemacht, die heute Angst machen können.

(Foto: REUTERS)

Bevor Bannon zum wichtigsten Berater von US-Präsident Trump wurde, hat er Dokumentarfilme gemacht. Wer sie sich ansieht, bekommt es mit der Angst zu tun.

Analyse von Kathleen Hildebrand

Ein weißer Hai schnellt aus dem Meer und zerreißt einen Fleischbrocken. Ein gewaltiges Gewitter zieht über Feldern auf. Geldscheine werden gedruckt, eine Kugel rollt über ein Roulette-Rad. Man muss gar nicht wissen, worum es in Stephen Bannons Film "Generation Zero" geht, um zu verstehen, dass hier kein Optimist am Werk war. Und kein subtiler Künstler.

Dass der Film, sieben Jahre nachdem er erschienen ist, trotzdem noch einmal größere Aufmerksamkeit erregt, liegt daran, dass sein Macher inzwischen wichtigster Berater des US-Präsidenten ist. Der Mann, der sich in Interviews selbst mit Darth Vader verglichen hat - und mit dem Systemzerstörer Lenin. Der Sätze sagt wie: "Finsternis ist gut." Es heißt, dass keine wichtige Entscheidung im Weißen Haus ohne ihn fällt, keine Rede Trumps ohne ihn geschrieben wird. Vielleicht geben seine Filme einen Einblick in die Gedanken, die Bannon seinem Chef einflüstert.

Klares Feindbild, einfaches Konzept

Es sind Filme mit einem sehr klaren Feindbild. Manipulative Agitprop, an Ausgewogenheit nicht interessiert. Man muss sich Stephen Bannons Dokumentarfilme so ähnlich vorstellen wie die von Michael Moore - nur ohne den Humor, sehr viel fauler produziert und natürlich politisch von rechts gedacht statt von links. Das Konzept ist dabei sehr einfach: Seine Filme sind zusammengeschnitten aus Archivmaterial, dazwischen erklären Konservative vor weißem Hintergrund, warum Amerika vor die Hunde geht, warum Sarah Palin die größte Politikerin der Gegenwart ist - und Hillary Clinton unfassbar korrupt. Das alles unterlegt Bannon mit unheilsschwangerer, niemals aussetzender Orchestermusik, die auch dem Letzten klarmacht, was er von den dargestellten Personen und Zuständen zu halten hat. Bannon bewundert Moore laut eigener Aussage für dessen handwerkliche Meisterschaft. Nahe kommt er ihm darin nicht.

Als George Clooney kürzlich während der Verleihung der französischen César-Filmpreise die neue US-Regierung kritisierte, bezeichnete er Bannon als "gescheiterten Drehbuchautor und Regisseur". Clooney hat Recht, erfolgreich im klassischen Sinn waren Bannons Filme nie. Nur vier kamen überhaupt in ein paar wenige Kinos. Kritiken über sie sind kaum zu finden. Drei von Bannons Filmen sind auf Youtube zu sehen: "Generation Zero", "Clinton Cash" und "The Undefeated". Letzterer ist der wahrscheinlich bekannteste, zumindest in den USA. Es ist ein Dokumentarfilm über den Aufstieg von Sarah Palin zur Gouverneurin von Alaska, zur Vizepräsidentschaftskandidatin und schließlich zu einer Führungsfigur der konservativen Tea-Party-Bewegung. An ihm sieht man auch am deutlichsten, was Bannon als Filmemacher vor allem auszeichnet: Er überlässt nichts dem Urteil des Zuschauers.

Gleich am Anfang steht deshalb ein Zitat aus dem Matthäusevangelium: "Ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte." Dazu sieht man Kinderfotos von Sarah Palin. Ein Kind mit glockenheller Stimme singt ein patriotisches Lied aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Was darauf folgt, ist eine ganz und gar ungebrochene Huldigung an Sarah Palin. "Wie eine Soldatin" sei sie, sagen Weggefährten. Wie eine "Grizzlybärenmutter", die wild für die Ihrigen kämpft. Sie lege sich mit den "Eliten" an und verstehe die "echten Amerikaner". Wer das ist? Im Film jedenfalls sprechen fast ausschließlich weiße Bewohner des ländlich-rauen Alaskas.

Leni Riefenstahl der Tea Party

Wegen tendenziöser Filme wie diesem bezeichnete Andrew Breitbart, Gründer des rechtspopulistischen Nachrichtenportals, das Bannon nach dessen Tod leitete, den Filmemacher mal als "Leni Riefenstahl der Tea Party". Das ist zum einen sehr passend, denn Bannon hat sich völlig einer extrem konservativen, apokalyptischen Weltsicht verschrieben. Einer Ideologie, von der er nicht mehr abweicht. Zum anderen ist es aber grundfalsch. Denn eine eigene Ästhetik wie die von Leni Riefenstahl, so verurteilenswert sie auch sein mag, haben Bannons Filme nicht.

Zum Glück, muss man vielleicht sagen. Sie sehen aus, als habe ihr Regisseur sich gescheut, sein Studio zu verlassen. Die Menschen, um die es ihm geht, in ihrem Alltag zu begleiten. Sich und den Zuschauer einer echten Erfahrung auszusetzen. Lieber schneidet Bannon noch eine Geldzählmaschine in den hektischen Bilderfluss.

Bannon meint zu wissen, wie es um die USA bestellt ist: sehr schlecht

Das einzige Originalmaterial, das Bannon in "The Undefeated", im sehr apokalyptischen "Generation Zero" oder in "Clinton Cash" über die finanziellen Verstrickungen der Clinton-Stiftung benutzt, sind Interview-Sequenzen: meistens weiße Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die mit unterdrückter Wut vom Niedergang Amerikas sprechen und keine Scheu haben, die Schuldigen zu benennen. Ansonsten: nur Archivmaterial. Aus Nachrichten, wenn man Glück hat. Meist aber schlicht Agenturvideos, die das Gesagte noch einmal in Bildern erzählen. Hinterzimmer-Politik wird illustriert mit Zigarre rauchenden Männern in einem holzgetäfelten Raum. Die Verschwendung des "big government" mit Dollarscheinen, die in der Toilette verschwinden. Den Kindern wird ihre Zukunft geraubt: Da sieht man ein Kind, dem eine Träne die weiche Wange hinabläuft.

Das ist die erste Erkenntnis, die man aus diesen Dokumentationen mitnimmt. Bannon will nicht ernsthaft ergründen, wie es um die USA bestellt ist. Er weiß es schon: sehr schlecht. Und weil er das weiß, will er auch nur die davon überzeugen, die ohnehin schon überzeugt sind. Der typische Zirkelschluss populistischer Agitation.

Was zurück zum zähnefletschen Haifisch führt, zum Gewitter und dem Roulette-Rad - also zu "Generation Zero", Bannons Dokumentarfilm über die kulturellen Entwicklungen Amerikas, die seiner Ansicht nach zur Finanzkrise von 2008 geführt haben. Die konservative Organisation "Citizens United" hat ihn finanziert. 2010 hat die Gruppe in einem Aufsehen erregenden Prozess vor dem Supreme Court eine extreme Lockerung der Regeln für die Wahlkampffinanzierung durchgesetzt.

Woodstock und Fünfzigerjahre-Mütter sind schuld am Niedergang der USA

Bannons düstere Weltsicht wird in diesem Film am deutlichsten und er führt all das zusammen, was man wohl als Bannons "Stil" als Filmemacher bezeichnen muss: Bilder, die illustrieren, statt zu belegen, dunkel-dräuende Musik und ständige Wiederholung der wichtigsten Kernaussagen. Die These des Films: Nicht der unregulierte Finanzmarkt war schuld am großen Zusammenbruch von 2008, sondern der Niedergang der amerikanischen Kultur.

Ein Niedergang, den Bannon zu den Hippies und Jugendbewegungen der Sechzigerjahre zurückführt. Ja, richtig gehört, Woodstock ist schuld. Die Konzentration auf sich selbst und die Priorisierung der eigenen Bedürfnisse vor allem anderen habe schließlich die maßlose Gier der Banker möglich gemacht. Wer genau hinhört, findet in Bannons Film hinter den Hippies aber noch den eigentlichen Sündenfall. Es ist die allzu stark liebende, allzu behütende Mutter der Fünfzigerjahre. In einer mehrfach verwendeten Archivszene ist sie zu sehen, mit Schürze und mehreren Eisbechern in der Hand, die sie ihren Kleinen hinreicht. So traumatisiert seien diese Frauen vom Zweiten Weltkrieg gewesen, dass sie ihren Kindern eine besonders glückliche Kindheit bereiten wollten. Und was geschah? Sie zogen eine verhätschelte Generation groß, die nur an sich selbst denkt und schließlich aus Hedonismus mit allen guten amerikanischen Werten und Traditionen bricht. Schnitt zu jungen Frauen in engen Siebzigerjahre-Kleidern, die "ihre Sexualität ausstellen". Schnitt zu Miley Cyrus.

Die nächste Krise wird die gegenwärtige Ordnung einreißen

Bannon kombiniert das, aber auch die Bürgerrechtsbewegung als unrechtmäßiges Aufbegehren gegen den Staat, zu einem kruden Dekadenzzusammenhang. Der folgt laut einer Geschichtstheorie, der Bannon anhängt, auf die Blütezeit, die wiederum auf eine Krise folgt. Dieser Vorstellung zufolge bewegt sich Geschichte in Kreisläufen, die sich etwa alle 80 Jahre wiederholen. "Generation Zero" macht auf bedrohliche Weise deutlich, wo Bannon die USA momentan sieht: kurz vor der nächsten Krise. Und die, auch daran besteht für ihn kein Zweifel, wird die gegenwärtige Ordnung einreißen, um etwas Neues beginnen zu lassen. Der Winter werde kommen, heißt es gegen Ende des Films, es klingt wie eine Zeile aus "Game of Thrones". Die Bilder, die Bannon für die neue Zeit nach dem ganz großen Zusammenbruch findet, sind vage: Jugendliche - immerhin mit unterschiedlicher Hautfarbe - die inbrünstig den Fahneneid schwören. Junge Soldaten, die optimistisch in die Ferne blicken. Die amerikanische Flagge.

Zu wenig also, um Bannons Utopie von einem amerikanischen Neubeginn inhaltlich zu verstehen. Aber genug, um Angst zu bekommen. "In fünf bis zehn Jahren werden wir einen Krieg im Südchinesischen Meer führen", hat Stephen Bannon in einem Interview vorhergesagt. Es klang nicht, als ob er das verhindern wolle.

© SZ.de/biaz/liv
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