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Trump will Bauvorschriften abschaffen:Präsident und Investor

USA California San Francisco Golden Gate Bridge as seen from Marin Headlands Vista Point PUBLICAT

Nach nur vier Jahren Bauzeit fertig: Die Golden Gate Bridge in San Francisco.

(Foto: imago/Westend61)

Ist das ein Rezept? Donald Trump will das Bauen vereinfachen.

In der deutschen Baubranche hat man gelegentlich das Gefühl: Was der Welt an brasilianischem Regenwald und australischem Busch durch Feuer, Dummheit, Gier und Klimawandel abhanden kommt - forstet allein der deutsche Regulierungswahn im Nu wieder auf. Zumindest in Form schnell wachsender, multiresistenter und im Grunde unverrottbarer Papierstapel. Seit vielen Jahren ist es vor allem ein dschungelartiges Dickicht an Bauvorschriften und bürokratischem Furor, aber auch an partizipatorischen Einreden, politischem Taktieren und allgemeiner Zukunftsunlust, wodurch hierzulande Infrastrukturprojekte, aber auch Baumaßnahmen wie der in den Städten dringend benötigte Wohnungsbau gelähmt werden. Bis zum Stillstand.

Von Passau bis Pinneberg weiß jeder Ortsvorsteher und jede Bürgermeisterin, dass die Marskolonisierung zwar in greifbare Nähe rückt - doch es ist unendlich schwierig geworden, in A-Dorf ein Bushaltehäuschen zu errichten. Oder in B-Stadt die Oper zu sanieren. Oder in C-Hausen eine S-Bahnröhre durchzuplanen. Oder in D-Kirchen ein neues Stadtviertel zu verwirklichen. Schon längst ist aus der Bauwut früherer Epochen (je nach Sichtweise kann es auch ein Baumut sein) ein Zagen, Zaudern und Zögern geworden.

Aus dem "Bau-Gen", das nach Ansicht des legendären Architekten Frei Otto der Menschheit eingeschrieben sei, nämlich als zivilisatorische Höchstleistung und Lust am Erbauen über die naturgesetzliche Schutznotwendigkeit von Bauten hinaus, ist so das Buch "Verbietet das Bauen!" geworden. Die populäre Streitschrift erschien 2015. Genau in dem Jahr also, in dem Otto starb, der übrigens auch an den Bauten des Münchner Olympiaareals beteiligt gewesen ist.

Allein dieses Projekt, eine architektonische, stadträumliche und landschaftsgestalterische Großtat des 20. Jahrhunderts, ein ikonisches Bauen der Moderne, wäre heute unmöglich. Warum? Weil in den 1960er-Jahren, als man Olympia nach München holte, niemand mit Gewissheit sagen konnte, ob die ingeniöse Zeltarchitektur, eine konstruktiv-statische und ästhetische Pioniertat, rechtzeitig fertig werden würde zu den Spielen. Und wie teuer das Ganze werden würde. Und ob das alles eigentlich funktionieren und letztlich auch halten würde. Noch Jahre später wunderte sich Frei Otto darüber, "dass das Ding immer noch steht". Es war ein Kraftakt der Ungewissheit - also ein Zeugnis des Glaubens an das Machbare.

Man würde solchen Zeiten gerne angemessen nachtrauern, wenn sich dieser Tage nicht ausgerechnet Donald Trump - das ist der amerikanische Präsident, der im Nebenberuf Bauinvestor ist - zu Wort und Tat gemeldet hätte. Nicht das Bauen in Deutschland, wohl aber das in den USA will er wieder einfacher, schneller und natürlich besser, größer und jobbringender werden lassen. "Es hat", sagt Trump, "vier Jahre gedauert, die Golden Gate Bridge zu bauen" - und auch das Empire State Building sei sogar in nur einem Jahr errichtet worden. In diese Zeit, es handelt sich um die 1930er-Jahre, will Trump zurück. Indem er vor allem Umweltvorgaben dereguliert. So sollen Verträglichkeitsprüfungen für privat finanzierte Infrastrukturprojekte abgeschafft oder beschleunigt werden. Eine "kaputte und veraltete Bürokratie" dürfe keine Bauvorhaben bremsen. Er wolle dem "Albtraum der Regulierung" ein Ende bereiten und die Welt werde wieder mit Neid auf die "funkelnde neue Infrastruktur" in den USA blicken.

Tatsächlich kann man sich gut vorstellen, dass auch anderswo die bürokratisch Ausgebremsten und reguliert Abgehängten zumindest mit Neid auf diese Ansage blicken: endlich wieder bauen, wie man will - ein Traum. Aber ein Albtraum.

Die Zwanzigerjahre unserer Epoche haben schlicht nichts mehr zu tun mit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts. Das Bauen ist in der Tat fragwürdiger, vorsichtiger geworden. Denn die Folgen des Bauens von einst, ob Kohlekraftwerk oder autogerechte Innenstadt, sind nun bilanzierbar. Die Menschheit wird sich das Bauen dennoch nie verbieten lassen und die Baubürokratie so mancher Länder gehört wirklich auf den Prüfstand. Hierzulande gibt es etwa ein Zuwenig an Personal und ein Zuviel an Papier.

Doch das Bauen unter Umweltaspekten mit einem Verantwortungsgefühl für die Welt von morgen ist keine Schikane, sondern Existenzsicherung. Es ist die Zukunft, ja der Futurismus von heute. Der Investor Trump, der im Nebenberuf auch Präsident ist, ist eher so etwas wie eine Gegenwart mit Tendenz zur Vergangenheit. Am Kölner Dom übrigens hat man 632 Jahre und zwei Monate gebaut. Trump soll ihn sich mal angucken.

© SZ vom 13.01.2020