Oper in Hamburg:Darf Donald Spaß machen?

Playing Trump

Hätten Sie ihn erkannt? Donatienne Michel-Dansac als Donald, der Schreckliche.

(Foto: Brinkhoff-Moegenburg)

Der österreichische Komponist Bernhard Lang hat ein Trump-Spektakel geschrieben. Der größte Trick bei der Uraufführung ist die Besetzung der Hauptrolle.

Von Julia Spinola

Mit Donald Trump trat Anfang des Jahres einer der gefährlichsten amerikanischen Demagogen von der politischen Bühne ab. Aber auch ein Präsident, der sich so nachhaltig als Objekt des Spotts anbot wie kaum ein anderer - ein Immobilientycoon mit dem blonden Wischmopp auf dem Kopf und der orangefarbenen Haut (für die er einmal das schlechte Licht der Glühbirnen verantwortlich machte, "zu deren Benutzung wir gezwungen werden"). Trump als Präsident - das war ein Geschenk für die politische Satire. Im Wettkampf der Wirklichkeit mit der Fiktion überbot er erstere: Der reale Trump spielte jede Satire an die Wand.

"Playing Trump" heißt die neue Mono-Oper des österreichischen Komponisten Bernhard Lang, die jetzt an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde: ein gut einstündiges, temporeiches Spektakel nach Originaltexten aus Reden von Trump, die Dieter Sperl zu einem Libretto kompiliert hat. Diese neue "Cheap Opera", wie Lang eine Reihe klein besetzter Stücke über dokumentarische Stoffe nennt, will gar nicht primär satirisch sein. Eher geht es darum, die manipulative Rhetorik des amerikanischen Großprotzes, dem 63 Millionen Wähler auf den Leim gingen, ästhetisch aufzugreifen, auszustellen und weiterzuspinnen.

Das ist höchst unterhaltsam und oft beißend komisch, jedoch nie moralisierend und gerade dadurch umso raffinierter. Denn ein simpler Schulterschluss zwischen Machern und Publikum, durch den man sich gleich auf der richtigen Seite gegen ein offensichtliches Monstrum wissen würde, wird bereits durch die Besetzung der Trump-Figur unmöglich gemacht. Statt eines frauenverachtenden, wutverzerrten Monsters, von dem man sich als Zuschauer leicht distanzieren könnte, agiert auf der Bühne eine zierliche blonde Sängerin in Shorts, Boots und Lederjacke mit geradezu ansteckender Spiel- und Verwandlungslust. Ein Balanceakt, der haarscharf an der Grenze zur Verharmlosung kalkuliert ist.

Sie greift sich in den Schritt und prahlt: "Niemand hat besseres Spielzeug als ich!"

Wie die stimmakrobatische Sopranistin Donatienne Michel-Dansac sich in Trumps Mimik und Körpersprache hineinversetzt, ohne dick aufzutragen, ist fulminant. Mit einer beinahe verführerischen Geschmeidigkeit wirft sie sich in die infantilen Wut- und Trotzanfälle, ahmt das melodramatische Gesichtstheater nach, ballt beim ungelenken Trump-Shuffle die Hände zu Fäustchen oder greift sich mit sexueller Prahlgeste zwischen die Beine, um schließlich eine rote Krawatte aus dem Hosenschlitz zu ziehen: "Niemand hat besseres Spielzeug als ich!"

Der Regisseur Georges Delnon, zugleich Intendant der Hamburgischen Staatsoper, inszeniert das Ein-Personen-Stück mit wenigen wirkungsvollen Requisiten wetterbedingt auf der Probebühne des Hauses (statt wie geplant als Open-Air-Show auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie). Rote Basecaps, ein langer blauer Mantel, ein paar Boxhandschuhe und ein Holzklotz, der mal als Rednerpult, mal als "the great wall" dient - fertig ist die Szenerie der Macht. Rechts auf der Bühne ist das umfangreiche Schlagzeug platziert (brillant: Lin Chen), links die virtuos spielende "Band" aus E-Gitarre (Christian Kiefer), Saxophon (Andreas Mader) und Synthesizer (Johannes Harneit und Robert Jacob).

Der 1957 geborene Bernhard Lang ist im Jazz genauso zu Hause wie in der Avantgarde. Seine Musik fegt als suggestive Mischung aus Jazz, Pop, Groove, Minimal Music und elektronischer Musik in motorischen Rastern und Wiederholungsschleifen mit kleinen Widerhaken voran und reißt dabei an Anspielungen mit, was die amerikanische Musikgeschichte so hergibt: Marching Bands und Krimi-Soundtrack, Rap, Rock, Hip-Hop oder Elektro-Rock, dazu immer wieder auch verfremdete Originalklänge aus Trump-Reden samt Beifall.

Der Dirigent Emilio Pomàrico befeuert die Musiker zu engagiertem Spiel, an der rhythmischen Präzision ist jedoch noch ein wenig zu feilen. Atemberaubend bewältigt Donatienne Michel-Dansac all die halsbrecherischen Registerwechsel, schrillen Koloraturen, sprunghaften Stimmungs- und Ausdrucksumschwünge und den unentwegten Übergang zwischen einer Fülle unterschiedlicher Sprachstile zum Singen. "Playing Trump" macht so viel Spaß, dass man ins Nachdenken kommt. Das Stück ist ein Wurf.

© SZ
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:"Das Schwierigste daran, Trump zu spielen, ist: kein Lächeln zu haben"

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