Man kann soziale Medien nutzen, um sich auch auf diesem Wege über die Weltlage zu informieren. Man kann soziale Medien nutzen, um sich auch auf diesem Wege von der Weltlage abzulenken. Dachte man lange, beides funktioniert aber leider nicht mehr wirklich: Weil schon lange bei vielen Nachrichten nicht mehr klar ist, ob sie eben Weltlage sind – oder Satire auf selbige, erfunden von Der Postillon, The Onion oder anderen selbstberufenen Ironikern mit Internetzugang.
Eines der neuesten Beispiele ist diese Schlagzeile hier: „‚Donnyland‘? Ukraine schlägt vor, einen Teil des Donbass zu Ehren von Donald Trump zu benennen.“ Donnyland, eine Anlehnung an Disneyland – als neuer Name für ein Stückchen Erde, das früher Kohle und Industrierevier war und heute Kriegsgebiet ist? In dem nicht Konsumbunt die bestimmende Farbpalette ist, sondern Panzerspurmatschbraun, Feldgrau, Rostrot und immer wieder leider auch: Blutrot? Das muss Satire sein. Absender ist jedoch: die New York Times.
Die wohl wichtigste Tageszeitung der Welt beackert viele Themen, ein Satire-Ressort hat sie bisher jedoch nicht. Die schrägen News zu Donnyland sind aber anscheinend ganz klassisch recherchiert: Vier unabhängige Quellen hätten ihren Reportern berichtet, schreibt die Times, dass in ukrainischen Delegationen wohl zunächst als Scherz, dann mit zunehmendem Ernst die Idee zirkulierte, einen Teil der wegen der Kämpfe entvölkerten und stark zerstörten Region nach dem US-Präsidenten zu benennen. In der verzweifelten Hoffnung, erst dessen Interesse zu wecken und dann seine Eitelkeit als Wunderwaffe im Kampf gegen die russischen Invasoren zu nutzen.
Wenn ein Ort mal Trumps Namen trägt und so Teil seiner Familie wird, wird er ihn im Zweifel verteidigen
Nun stehen ohnehin viele Nachrichten, in denen der Name „Donald Trump“ vorkommt, unter Satireverdacht, weil der US-Präsident Politik auch als Unterhaltung versteht (was ihn nicht daran hindert, gleichzeitig Fakten zu schaffen, die einem das Lachen vergehen lassen). Das Weiße Haus als Kulisse für MMA-Kämpfe? Absurde Siegesmeldungen aus dem Krieg gegen Iran, die an Comical Ali in Bagdad erinnern? Videos einer Trump-Riviera auf den Trümmer- und Knochenbergen von Gaza?
Eben: Seit der Posten des Commander-in-Chief von einem Bullshitter-in-Chief besetzt ist, ist der Beruf des Satirikers eigentlich ohnehin überflüssig. Weil Trump aber leider nebenbei immer noch ziemlich mächtig ist, entfaltet der Bullshit zunehmend die normative Kraft des Faktischen: Da der US-Präsident es gern hat, wenn Dinge nach ihm heißen (das Trump Kennedy Center etwa), und dazu neigt, seine Amtsgeschäfte zu führen wie das Oberhaupt eines Mafia-Clans, kann es eine ganz gute Strategie sein, diese beiden Erkenntnisse zu verbinden. Wenn ein Ort mal seinen Namen trägt und so Teil seiner Familie wird, wird er ihn im Zweifel verteidigen: Diesen Gedanken hatten die Namensgeber der Siedlung „Trump Heights“ auf den von Israel besetzten Golanhöhen. Dieselbe Idee hatten Armenien und Aserbaidschan, die bei einem Friedensschluss einen Korridor in „Trump-Straße für Internationalen Frieden und Wohlstand“ benannten. Diese Idee hatte auch die polnische Regierung, als sie „Fort Trump“ als Namen für eine Militärbasis vorschlugen, um US-Überlegungen zu einem Truppenabzug aus Europa etwas entgegenzusetzen.
Fragt sich nur: Reicht das alles aus, um Sicherheiten zu schaffen, die länger währen als die berüchtigt kurze Aufmerksamkeitsspanne des US-Präsidenten? Die Mitarbeiter des ukrainischen Verhandlerteams jedenfalls wollten es bei einem bloßen Namen nicht belassen, sondern arbeiteten gleich an einem Konzept eines Freihandelsgebiets mit eigener Flagge (grün und, natürlich: gold) sowie eigener Hymne. Beides wurde laut Times mit Chat-GPT erstellt, das Mittel der Wahl, mit dem auch Trump seine absurden Visionen in Bilder und Töne übersetzt.
Ihren US-Kollegen hätten die Ukrainer Flagge und Hymne noch nicht vorgeführt, die SZ aber hat zumindest zur Hymne Näheres erfahren können. Natürlich hat die KI wieder aus bereits bestehendem Kulturgut geklaut, ohne sich um Pietät und Urheberrechte zu kümmern. Der „Donnyland-Song“ ist einem alten deutschen Kinderlied nachempfunden, das seine Wurzeln in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges haben soll, andere Quellen verweisen auf den Siebenjährigen Krieg, aber was sind schon Zahlen. Die Melodie ist leicht und eingängig, der Text greift geschickt die derzeitige Situation des Donbass auf, an einer zweiten, eher optimistisch in die Zukunft weisenden Strophe wird noch gearbeitet. Die erste geht so: „Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Donnyland. Und Donnyland ist abgebrannt.“
Wirklich? Äh, nein. Das mit dem Text der Hymne war nun tatsächlich ausgedacht. Donnyland hingegen bleibt Gegenstand von Verhandlungen.



