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Trumps Corona-Infektion  :"Das ist die Inszenierung einer heroischen Männlichkeit"  

President Donald J. Trump gives the thumbs up from the Truman Balcony at the White House following several days at Walt

Donald Trump bei seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus ins Weiße Haus.

(Foto: Ken Cedeno/UPI Photo/imago-images)

Vorbild Reagan, Anlehnung an Filme wie "Independence Day": Michael Butter, Experte für Kulturgeschichte und Verschwörungstheorien, erklärt, wie Donald Trump seine Corona-Infektion inszeniert - und wie seine Präsidentschaft.

Interview von Thomas Hummel

Die Corona-Infektion von US-Präsident Donald Trump ist auch ein Kampf der Bilder. Die Videos und Auftritte rund um seine Rückkehr ins Weiße Haus sind schon jetzt Politik- und wohl auch Filmgeschichte. Michael Butter, 43, ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Uni Tübingen und beschäftigt sich unter anderem mit Verschwörungsmythen sowie Film und Fernsehen in den USA.

SZ: Herr Butter, wie bewerten Sie Donald Trumps Auftritte seit seiner Corona-Infizierung?

Michael Butter: Das ist die Inszenierung einer heroischen Männlichkeit, wie sie Donald Trump seit vielen Jahren auszeichnet. Die Nachricht lautet: "Ich habe das Virus besiegt und ihr könnt das auch, wenn ihr nur stark genug seid." Das kommt bei seiner Basis sehr gut an. Diese Darstellung war jetzt besonders wichtig, weil er einen Moment der Schwäche zeigte durch die Corona-Infektion. Den versucht er nun in einen Moment der Stärke umzuwandeln.

Das Video von der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus hätte fast aus dem Film "Independence Day" von Regisseur Roland Emmerich stammen können.

Es ist garantiert eine Anlehnung an Filme dieser Art. Diese filmischen Inszenierungen durchziehen seine gesamte Präsidentschaft und verstärken sich jetzt, im Zuge der Corona-Infektion, noch mal deutlich. Es geht dabei auch um die sogenannte "Presidentiality". Darunter versteht man Eigenschaften, die die durchschnittlichen Wähler von einem Präsidenten erwarten. Das speist sich unter anderem aus Filmen wie dem genannten. Trump orientiert sich stark daran, wenn er seine Auftritte plant. Er hat auch die Mitglieder seiner Regierung danach ausgesucht. Es wird zum Beispiel kolportiert, dass er anfangs John Bolton als Sicherheitsberater ablehnte, weil dieser wegen des markanten Schnauzers nicht das entsprechende Aussehen habe, um die Rolle wie gewünscht zu spielen. In Hollywoodfilmen sehen Sicherheitsberater anders aus als Bolton.

Entspricht Trump den Anforderungen der "Presidentiality"?

Trump reagiert auf die Rollenerwartung ambivalent. Einerseits enttäuscht er sie, weil er etwa auf Twitter oder in der TV-Debatte mit Herausforderer Joe Biden genau das Gegenteil darstellt von dem, was man von einem Präsidenten gewohnt ist. Bisher traten diese eher versöhnlich auf und moderat im Ton. Trump hingegen beschimpft seine Gegner oder fällt dem Kontrahenten ständig ins Wort. Damit signalisiert er, dass er nicht Teil des Establishments ist. Er ist einer, der von außen kommt, um den Laden im Namen des Volkes aufzumischen. Wenn es aber um die Stellung des Präsidenten als mächtigster Mann der Welt geht, dann bedient er die traditionellen Bilder sogar stärker als seine Vorgänger, indem er sie aus Hollywood-Filmen quasi eins zu eins nachstellt.

Seit wann gibt es diese medialen, filmischen Codes für das Präsidentenamt?

Das begann in den 1960er-Jahren, damals wurde das Fernsehen auch im Wahlkampf immer wichtiger. John F. Kennedy und Richard Nixon waren die Ersten, die im Fernsehen debattierten. Ronald Reagan trieb als gelernter Schauspieler in den 1980er-Jahren die Verknüpfung von Showbusiness und Politik auf die Spitze. Da er in Filmen häufig die Rolle des patriotischen Helden verkörpert hatte, konnte er später bisweilen kaum mehr unterscheiden zwischen dem, was er als Schauspieler oder als Politiker gesagt hatte. Es ist gut dokumentiert, dass er als Präsident Bezug nahm auf Aussagen, die er in Filmen getätigt hatte. Reagan war nicht nur Präsident, sondern er hat die Rolle auch gespielt. Wie in einem Film. Donald Trump steht in dessen Tradition.

Trump hat das Coronavirus verharmlost und die Sicherheitsmaßnahmen, wie Masken, lächerlich gemacht. Wie stark hat seine Infektion sein Ansehen bei seinen Anhängern erschüttert?

Das Trump-Lager fühlt sich größtenteils weiterhin bestätigt: Dass er so schnell wieder aus dem Krankenhaus kam, beweist für seine Anhänger nur, dass das Virus harmlos ist. Oder es heißt: Es muss ihn jemand vorsätzlich angesteckt, quasi vergiftet haben. Chinesische Agenten zum Beispiel. In der QAnon-Gemeinde (eine in Teilen rechtsextreme Gruppe, die einem Verschwörungsmythos anhängt; Anm. d. Red.) verbreitete sich, dass die Infektion eine Finte Trumps sei, um die angeblich linken Eliten zu bekämpfen. Als Donald Trump seine Infektion auf Twitter bekanntgab, schrieb er im letzten Satz: "We will get through this together" (Wir stehen das gemeinsam durch; Anm. d. Red.). Das wurde gedeutet als "to get her" - "wir kriegen sie" - und sollte ausdrücken, Hillary Clinton endlich ins Gefängnis zu bringen.

Das klingt absurd.

Das ist es auch. Aber solche Verschwörungstheorien sind geschlossene Weltbilder. Die Leute lassen sich durch eine Corona-Erkrankung des Präsidenten nicht davon abbringen. Trump sieht man seine Krankheit äußerlich nicht an, er hat keine Wunde, wirkt nicht erheblich geschwächt. Er könnte demnach auch eine leichte Grippe haben.

Michael Butter ist seit 2014 Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. 2018 erschien sein Buch "Nichts ist, wie es scheint" über Verschwörungstheorien.

(Foto: privat)

Hat sich die Dynamik in diesem Wahlkampf also gar nicht verändert?

Ich glaube nicht. Es könnte sich etwas bewegen, sollte Trump noch ernsthaft erkranken. Dabei muss man bedenken, dass schon vor seiner Infektion die meisten Wählerinnen und Wähler entschieden hatten, für wen sie stimmen.

Als die Infektion bekannt wurde, glaubten viele von Trumps Kritikern an einen Kniff im Wahlkampf.

Selbst hier in Deutschland bin ich einige Male gefragt worden, ob das wirklich stimmen könne. Daran sieht man, wie stark die politische Kultur gelitten hat. Die Leute glauben den Nachrichten nicht mehr, weil unter Trump so viele Lügen und Fehlinformationen aus dem Weißen Haus gekommen sind, dass man sich fast daran gewöhnt hat.

Ist der Hang zum Verschwörungsglauben damit im progressiven Lager angekommen?

Verschwörungstheorien sind im linken politischen Spektrum fast genauso verbreitet wie im rechten. Diese fallen nur weniger auf, weil die Erzählungen von rechts fast immer rassistisch, antisemitisch oder sexistisch sind und große Empörung hervorrufen. Von links kommen sie eher als verquaste Kapitalismuskritik daher. Die Anhänger von Bernie Sanders neigten 2016 stark zu Verschwörungsmythen, deshalb liefen einige seiner Unterstützer auch zu Trump über, statt für Hillary Clinton zu stimmen. Das Verhalten der Demokratischen Partei im Zuge der Russland-Affäre Trumps ist dafür ein anderes Beispiel. Sie hat lange darauf gesetzt, dass Trump als russischer Agent entlarvt wird. Weil Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen alle Menschen außer der Übersetzerin aus dem Raum schickten, stellte man sich vor, Trump habe dabei Putins Befehle empfangen. Es erinnerte an den Film "Botschafter der Angst" von Regisseur John Frankenheimer, worin ein Held aus dem Koreakrieg durch Gehirnwäsche von Kommunisten gesteuert wird und einem Senator ins Weiße Haus verhelfen soll.

Die Russland-Affäre rund um Trump geht in Richtung Verschwörungsmythos?

Die Einmischung Russlands in den Wahlkampf 2016 ist gut nachgewiesen. Nicht nachgewiesen ist aber der Verdacht, Trump sei von Russland aus gesteuert. Nicht einmal, dass es eine enge Abstimmung mit dem Kreml gegeben habe.

© SZ/kit
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