"True Story" im Kino Die Wahrheit kann sehr böse sein

Permanent bedrohlich: Jonah Hill (l.) trifft als Reporter auf den Mann, der sich als er selbst ausgibt.

(Foto: dpa)

In "True Story" trifft ein Journalist auf einen Mordverdächtigen, der seine Identität angenommen hat. Jonah Hill und James Franco spielen brillant.

Von Susan Vahabzadeh

Es gibt Geschichten, die sind so bizarr, dass man sie nicht erfinden sollte, weil sie immer konstruiert wirken werden, da kann man machen, was man will. Was aber, wenn das Schicksal sie erfunden hat? Dann wird sie schon irgendjemand erzählen - und sie werden doch immer so klingen, als wären sie erfunden.

So ist das auch bei "True Story". Da sieht man ein kleines Mädchen in einem Koffer, noch bevor es eigentlich losgeht. Dann erzählt ein Mann in Mexiko, er sei Michael Finkel von der New York Times. Und dann geht ein ganz anderer Mann in New York ins Büro: Michael Finkel von der New York Times. Und diesem Mann wird bald jemand erzählen, dass die Polizei einen mutmaßlichen Mörder in Mexiko festgenommen hat, Christian Longo aus Oregon, der sich für die Flucht seine Identität geliehen hatte.

Longo soll seine Frau und seine drei Kinder ermordet haben. Finkel besucht diesen Mann im Gefängnis, um ein Buch zu schreiben über die Innenansichten eines Mörders. Das ist gerade so, als sei Truman Capote seinerzeit nach Kansas gefahren und habe mit den Recherchen zu seinem Tatsachen-Roman "Kaltblütig" begonnen, weil der Mörder Richard Eugene Hickock sich dort einen voluminösen Schal um den Hals geworfen, eine getönte Brille aufgesetzt und behauptet hätte, er sei Truman Capote.

Longo behauptet, er sei unschuldig

Diese Geschichte, die der britische Theaterregisseur Rupert Goold in seinem ersten Film "True Story" erzählt, ist so ungefähr aber eben tatsächlich passiert. Finkel hatte für eine Reportage über moderne Sklaverei in Afrika mehrere Gesprächspartner zu einer Figur für seinen Artikel, wie soll man sagen, verdichtet, und er flog damit auf.

Vom echten Finkel heißt es, ihm breche der Schweiß aus, wenn er von den Dingen erzählt, die er damals mit seiner Reportage angestellt hat; Jonah Hill spielt ihn als unbedarften großen Jungen, der mal schaut, womit er so durchkommt und sich in seinem schnell erworbenen Erfolg sonnt. Und dann völlig verstört heimfährt nach Montana zu seiner Frau und nicht weiter weiß. Bis der Anruf kommt, in dem er von Christian Longo (James Franco) hört.

Die beiden treffen sich nun also, und Finkel entdeckt in Longo erst faszinierende, dann eher unangenehme Seelenverwandtschaften. Longo behauptet, er sei unschuldig - er windet sich durch diverse Versionen dieser Nacht, an deren Ende seine Frau und seine Kinder, in Koffer gequetscht, im Wasser versenkt wurden. War es vielleicht doch Longos Frau, die durchgedreht ist und die Kinder umbrachte, und er selbst hat nur die Leichen versenkt? Finkel möchte das eine Weile lang glauben; und er möchte eine Geschichte hören, die seinem Buch guttut; und je tiefer er sich in Longos Gespinsten verstrickt, desto weiter entfernt er sich von der moralischen Erlösung, die er sich erhofft hat.

Der Film rettete die Karriere des Journalisten Finkel

Im Grunde genommen ist Finkel, der echte, nicht die Jonah-Hill-Version, von einem moralischen Dilemma ins nächste gestolpert, für ihn war die Ermordung von Longos Familie ein Glücksfall, der seine Karriere rettete, und schnell waren dann die Filmrechte an Brad Pitts Firma verkauft, die "True Story" produziert hat.

Inszeniert und gedreht hat Goold "True Story" solide und ruhig, er erzeugt ganz leise eine permanente Atmosphäre der Bedrohung - das ist ganz schön gemacht, wenn auch nicht so einfallsreich und perfekt wie Alan J. Pakulas "Die Unbestechlichen", der größte Journalistenfilm von allen, für den Gordon Willis die beiden Helden immer wieder aus der Vogelperspektive filmte, kleine Ameisen in einem Machtgefüge, das sie jederzeit zermalmen könnte.

Im Vergleich dazu ist der Film, sind Finkels Erkenntnisse, die Ideale, um die es geht, furchtbar klein - wie Ameisen in der Filmgeschichte. Kino wird nur noch selten mit denselben Ansprüchen gemacht wie damals; aber Michael Finkel ist auch kein Bob Woodward, kein David, der einen Goliath herausfordert, sondern einer, der sich seine Vorstellung von der Welt, von Richtig und Falsch, erst noch zusammenzimmern muss. Und diesen Prozess spielt Jonah Hill großartig.

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Zoom - die Kinokolumne im Video
"True Story" im Kino

Mein Doppelgänger, der Mörder

"Ich bin anständig und unauffällig, in 92,88 Prozent der Zeit" - sagt der Mann, der seine Familie getötet und die Identität eines Fremden angenommen hat.

Da ist ja was dran; Michael Finkel agiert in Verhältnissen, in denen er zumindest glaubt, nie zugeben zu dürfen, dass er überfordert ist. Es ist "True Story" in Amerika vorgeworfen worden, der Film spreche Finkel frei von der journalistischen Sünde, die er mit der Afrika-Reportage begangen hat. Das stimmt nicht ganz - man sieht zwar, dass er unter Druck steht. Aber es gibt auch eine Szene, die ihn bei den Recherchen in Afrika zeigt, ein Übersetzer und zwei Jungen sind dabei - und Finkel kann schon da nicht folgen, wem was passiert ist. Wie soll er es also beim Schreiben können?

Goolds Film lässt das, wie vieles, in der Schwebe. Goold weiß vielleicht tatsächlich auf viele Fragen, die sein Film stellt, keine Antwort. Aber wenigstens ist keine falsche dabei.

True Story, USA 2015 - Regie: Rupert Goold. Drehbuch: Goold und David Kajganich, basierend auf dem Buch von Michael Finkel. Kamera: Masanobu Takayanagi. Mit: Jonah Hill, James Franco, Felicity Jones, Fox, 99 Minuten.