Sachbuch„Vieles spielt sich im Verborgenen ab“

Lesezeit: 7 Min.

Die Kriminalstatistiken zeigen: Die meisten sexuellen Übergriffe etwa passieren im privaten Umfeld – und nicht an schummrigen öffentlichen Orten.
Die Kriminalstatistiken zeigen: Die meisten sexuellen Übergriffe etwa passieren im privaten Umfeld – und nicht an schummrigen öffentlichen Orten. IMAGO/Rolf Poss

Warum lieben Menschen Geschichten von wahren Verbrechen so sehr? Ein Gespräch mit den Kriminologinnen Gina Rosa Wollinger und Nicole Bögelein über das Spiel mit der Angst – und die politische Schattenseite des True-Crime-Hypes.

Interview von Sara Peschke

Wie kriminell ist unsere Gesellschaft? Ist Kriminalität männlich? Wie prägen Armut und Reichtum Kriminalität? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich die Soziologinnen und Kriminalismus-Expertinnen Nicole Bögelein von der Uni Köln und Gina Rosa Wollinger  von der nordrhein-westfälischen Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung nicht nur in ihrem Berufsalltag – sie suchen seit einiger Zeit auch Antworten darauf in einem erfolgreichen Podcast. Aus diesem ist nun ein Sachbuch geworden: „True Criminology“.

SZ: Frau Bögelein, Frau Wollinger, gibt es denn einen Unterschied zwischen „True Crime“ und wahren Verbrechen?

Gina Rosa Wollinger: Einen großen! Das popkulturelle Genre bildet ganz andere Gefahren ab als die, denen wir wirklich ausgesetzt sind.

Soll das heißen, True Crime ist gar nicht wahr?

Wollinger: Na ja, der Hype hat auf jeden Fall einige fatale Annahmen hervorgebracht.

Welche denn?

Nicole Bögelein: True Crime rückt krasse Einzelfälle in den Mittelpunkt. Viele Menschen fühlen sich dadurch insgeheim wie halb professionelle Rechtsmedizinerinnen oder Profiler. Mit echtem Wissen über Kriminalität hat das aber wenig bis nichts zu tun.

Bei den True-Crime-Machern oder beim Publikum?

Bögelein: In den meisten Fällen bei beiden, auch wenn es natürlich sehr gut recherchierte Verbrechenserzählungen gibt. 
Wollinger: Genau da liegt allerdings meistens das Problem: beim Erzählen. Ich muss Ihnen als Journalistin nicht erklären, dass man Sachverhalte immer besser vermittelt bekommt, wenn man sie mithilfe einer Geschichte erzählen kann. Aber im Fall von True Crime passiert das häufig anhand von Fällen, die eben nicht typisch sind für die Kriminalität an sich. Bei True Crime sind die Opfer zum Beispiel weit überproportional weiblich und schön, und sehr oft geht es dann bei diesen Opfern um sexualisierte Gewalt. Die Kriminalität, die für unseren Alltag aber tatsächlich typisch ist, findet dagegen kaum statt.

Die Epstein Files sind in diesem Sinn so etwas wie der True-Crime-Glücksfall schlechthin, oder?

Bögelein: Die wenigsten True-Crime-Formate wollen jedenfalls auch da echte Klarheit und Aufklärung schaffen. Am Ende scheint ihnen der pure Voyeurismus zu reichen.

Nicole Bögelein ist Privatdozentin am Institut für Kriminologie an der Universität Köln.
Nicole Bögelein ist Privatdozentin am Institut für Kriminologie an der Universität Köln. Achilles Tsatsas

Der ist aber ja nicht verboten?

Wollinger: Nein, aber er hat einen hohen Preis, für die Betroffenen und für die Gesellschaft: Die Perspektive der Opfer kommt viel zu kurz. Häufig setzen sich die Macher von True-Crime-Formaten etwa nicht oder viel zu wenig damit auseinander, was das für die Opfer und ihre Angehörigen eigentlich bedeutet, wenn man auf einmal ältere Fälle wieder an die Oberfläche holt.

Weil so Retraumatisierungen passieren können?

Wollinger: Ja, insbesondere, wenn Angehörige nach dem Tod einer Person Dinge erfahren, von denen sie bislang nichts wussten.

Kommt das denn so häufig vor?

Wollinger: Klar. Ein anderes Beispiel: Der Weiße Ring, ein Verein, der sich für die Unterstützung von Kriminalitätsopfern und deren Angehörigen einsetzt, berichtet in einer Untersuchung von einem Live-Podcast-Abend, bei dem das Publikum am Ende abstimmen konnte, wer der Schuldige ist und welche Strafe er verdient hat. Stellen Sie sich einmal vor, das würde mit einem Verbrechen geschehen, dem Sie selbst oder jemand, mit dem Sie verwandt sind, zum Opfer wurden! Manchmal scheinen die Macher von True-Crime-Formaten zu vergessen, dass sie keinen „Tatort“ nachspielen, sondern die Schicksale echter Menschen verhandeln.

Gina Rosa Wollinger ist Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW.
Gina Rosa Wollinger ist Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW. Denise Mundt

Das klingt, als sähen Sie das Genre per se kritisch.

Bögelein: Bitte nicht falsch verstehen, ich finde es überhaupt nicht verwerflich, sich für True Crime zu interessieren. Es geht hier ja oft um Normen, um die Grundfesten unserer Gesellschaft, die verletzt werden; deshalb hat das durchaus eine Relevanz, die über die reine Unterhaltung hinausgeht. Aber viele Menschen machen sich nur wenige Gedanken darüber, welche ethischen, auch medienethischen Herausforderungen und Probleme diese Art von Kriminalerzählungen mit sich bringen. Und wenn sie einmal in der Welt ist, ist es für Betroffene schwer, gegen eine Geschichte vorzugehen.

Es geht Ihnen mit Ihrem Podcast und dem Buch also um eine Art aufklärerisches Gegengewicht zu True Crime?

Wollinger: Es fängt ja schon bei unserem Beruf an. Wenn man jemandem sagt, dass man Kriminologin ist, denken viele, man stapfe den ganzen Tag im weißen Overall an einem Tatort herum und suche nach Spuren. In Wahrheit werfen wir einen soziologischen Blick auf Kriminalität und suchen nach Antworten auf Fragen wie: Wie entwickelt sie sich über die Zeit? Wird wirklich alles immer schlimmer? Was sind die Ursachen für Jugendkriminalität? Was steckt hinter den Kriminalstatistiken? Und was fehlt darin?

Wohin bewegt sich denn die Kriminalität in Deutschland? Wird es schlimmer?

Wollinger: Die polizeiliche Kriminalstatistik in Deutschland wird seit 1987 digital erfasst. Schaut man sich die sogenannte Häufigkeitszahl in Bezug auf die Gesamtkriminalität in Deutschland von 1987 bis 2024 an, stellt man fest: Sie sinkt. Nach einem Hoch in den Neunzigern, zu dem auch viele schwerwiegende Gewaltdelikte gehörten, gibt es eindeutig einen Rückgang. Gerade haben wir einen etwas höheren Stand als vor der Pandemie, aber das ist aus kriminologischer Sicht noch nicht alarmierend.

Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger: True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe. J.H.W. Dietz, Bonn 2026. 304 Seiten, 20 Euro.
Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger: True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe. J.H.W. Dietz, Bonn 2026. 304 Seiten, 20 Euro. Dietz

Sie schreiben aber selbst, dass Statistiken nie die ganze Wahrheit abbilden.

Bögelein: Stimmt. Weil sie das sogenannte Hellfeld wiedergeben, also jene Kriminalität, die offiziell bekannt geworden ist. Vieles spielt sich im Verborgenen ab.

Können Sie den Trend zu weniger Kriminalität aber dann noch so eindeutig feststellen, wie Sie es eben getan haben?

Bögelein: Die Daten sind gut genug, um eine Aussage zur Gesamtlage zuzulassen.
Wollinger: Vor allem dreht sich die Statistik per definitionem nicht um Einzelfälle, sondern um das große Ganze, um die Basis des Miteinanders. Das ist natürlich zu abstrakt, um es in einem True-Crime-Podcast zu erzählen. Deshalb machen wir das.

Woher kommt Ihrer Ansicht nach eigentlich diese große Faszination für Kriminalität?

Bögelein: Die ist tief in uns angelegt. Nehmen Sie die Kernfrage, die sich viele stellen, die sich mit True Crime auseinandersetzen: Ist der Mensch von Natur aus böse? Das will man doch wissen. Und da gibt es natürlich noch unser Grundbedürfnis nach Sicherheit, weshalb Sicherheit an sich und das Sicherheitsgefühl ja immer auch Wahlkampfthemen sind.

Würden Sie sagen, dass True Crime dazu führt, dass wir uns sicherer oder dass wir uns unsicherer fühlen?

Wollinger: Auf jeden Fall kann es dazu führen, dass Menschen davon ausgehen, dass ihnen außerhalb ihrer vier Wände überall und ständig sexualisierte Gewalt droht. Aus der kriminologischen Forschung wissen wir allerdings, dass sich sexualisierte Gewalt meist im sogenannten Nahraum ereignet, in dem sich Opfer und Täter kennen. Aber häusliche Gewalt eignet sich eben nicht so gut für True Crime wie der geheimnisvolle fremde Täter im Park.

Welche Taten dominieren eigentlich die Kriminalstatistik?

Wollinger: Mehr als die Hälfte der Fälle sind Eigentums- und Vermögensdelikte, also etwa Ladendiebstähle oder Onlinebetrug. Aber das wird von der breiten Öffentlichkeit kaum beachtet. Hinter dieser Art von Kriminalität stecken oft strukturelle Ursachen, auch im Hinblick auf die Frage, was überhaupt zur Anzeige kommt und verfolgt wird. Wirtschaftskriminalität nämlich nicht, Ladendiebstähle hingegen schon. Und die verstopfen dann das Rechtssystem.

Sie nennen das „ungleiche Kriminalisierung“.

Bögelein: Ja, auch darum geht es viel zu wenig. Außer, es kommt ein Fall ans Tageslicht, bei dem die Strafverfolgung eklatant versagt hat.

Stichwort Epstein.

Bögelein: Zum Beispiel. Dann bemerken wir verblüfft, dass es Machtstrukturen gibt, die Strafverfolgung unmöglich machen und bei denen möglicherweise systematisch weggeschaut wird.

Stichwort Wirtschaftskriminalität.

Wollinger: Die ist das Paradebeispiel. Nicht zuletzt natürlich auch deshalb, weil sie oft so kompliziert ist. Ich vermute mal, dass es sehr, sehr wenige Menschen in Deutschland gibt, die den Cum-Ex-Skandal genau erklären können. Dabei ist da unfassbar viel Steuergeld verloren gegangen ist. Geld, das uns allen gehört. Das sollte uns doch empören! Tut es aber nicht wirklich. Auch die Politiker nicht.

Im Buch schreiben Sie, dass wir Jugendkriminalität falsch einordnen. Aus Ihrer Sicht handelt es sich dabei eher um ein normales und vorübergehendes Phänomen. Viele Politiker profilieren sich dagegen gern und erfolgreich damit, harte Strafen für delinquente Jugendliche zu fordern. Betrübt Sie das nicht sehr?

Bögelein: Ich verfolge das jetzt schon ziemlich lange aus wissenschaftlicher Perspektive und muss sagen: Wenn ich Politikerin wäre, würde ich viel mehr mit kriminologischen Erkenntnissen arbeiten. Aber ich habe auch keine Parteiinteressen, mit denen sich diese Erkenntnisse beißen könnten. Viele Politiker nutzen unsere Befunde nur dann, wenn es passt und die eigene Haltung stützt. Und wenn nicht, dann ist die Wissenschaft egal. Nehmen wir den sogenannten „Warnschussarrest“ für Jugendliche: Es gab etliche empirische Befunde, die dem klar widersprechen – er wurde aber trotzdem eingeführt.

Das klingt diplomatischer, als Sie wirken, wenn Sie es sagen.

Wollinger: Ich denke mir schon manchmal „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Etwa bei der Diskussion um die Strafmündigkeit. Aus wissenschaftlicher Sicht ergibt es überhaupt keinen Sinn, die Grenze unter das vollendete 14. Lebensjahr zu setzen. 2024 hatten wir fünf vollendete Tötungsdelikte durch ein Kind in Deutschland, alles furchtbar, keine Frage. Aber Einzelfälle. Dafür muss man nicht so heftig in eine Gesetzgebung eingreifen, die ja die gesamte Gesellschaft betrifft. Wenn jemand dieses Thema aufwirft, geht es ihm nur darum, zu polarisieren.

Was schlägt denn die Wissenschaft vor als richtigen Zeitpunkt der Strafmündigkeit?

Wollinger: Mit einer Zahl ist es da eben genau nicht getan. Es braucht differenziertere Ansätze, weil erwiesen ist, dass frühere, schnellere und härtere Strafen nicht funktionieren. Die haben de facto einfach nicht den Abschreckungseffekt, den man sich von ihnen erhofft. Vielmehr braucht es umfassende Erziehungshilfen und eine präzise und gut ausgestattete Arbeit in den Jugendämtern. Das sind die Felder, in denen der Staat umfassend eingreifen sollte, nicht beim Strafmaß und der Strafmündigkeit. Aber offenbar ist das Strafbedürfnis von Teilen der Gesellschaft und der Politik erst dann befriedigt, wenn ein Gericht gesagt hat: Zehn Jahre Haft, vorher kommst du so oder so nicht raus.

Würden Sie so weit gehen, sich generell gegen Haftstrafen für Jugendliche auszusprechen?

Bögelein: Wenn man sich Rückfallstudien anschaut, ist klar: Für junge Menschen ist Haft eigentlich immer die schlechteste Wahl. Menschen, die eine Haftstrafe abgesessen haben, werden häufiger rückfällig, und zwar oft mit schwereren Straftaten als zuvor.

Das Gefängnis ist kein guter Ort dafür, Menschen zu einer besseren Lebensführung zu bringen?

Wollinger: Ganz und gar nicht. Obwohl sich viele vorstellen, dass da ganz viel mit den jungen Menschen gearbeitet wird, muss man ehrlicherweise sagen: Dazu fehlen dort schlicht die Ressourcen. Wir sollten deshalb versuchen, gerade junge Menschen aus den Gefängnissen rauszuhalten, und ihnen, wenn sie Straftaten begehen, mit anderen Mitteln begegnen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Mediale Berichterstattung
:Die Epstein Files sind kein Serienplot

Seit alle Welt in den Epstein Files herumklicken kann, entstehen reißerische True-Crime-Erzählungen auf Social Media. Die Grusel-Faszination erschwert aber den Blick, auf das, was wirklich war – und auf das strukturelle Versagen.

SZ PlusVon Leni Karrer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: