Krieg, Corona und Kultur:Zehn mal Trost

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(Foto: Jens Büttner/ dpa)

Erst Pandemie, dann auch noch Krieg in Europa. Werke, die jetzt Hoffnung schenken.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Es kommt einem unanständig vor, wenn einem abends, leise, wenn es niemand hört, solche Sätze entkommen wie "ich kann nicht mehr" oder "ich will nicht mehr". Vergleichsweise geht es uns gut, das stimmt ja, nur ist vergleichsweise nach zwei Jahren Pandemie am Rande eines Krieges im Schatten einer atomaren Bedrohung eher so mittelgut.

Man hätte jetzt gerne Urlaub von Corona und Krieg, von der ganzen verdammten Welt. Man wäre jetzt gerne auf einer Insel, es muss keine einsame sein, nur eben ohne Putin und ohne Pandemie. Und ja, man sollte sich nicht beschweren, und wenn dann nur ganz leise.

Natürlich kann man noch, das hat man in den letzten Jahren gelernt, man kann viel länger, als man denkt. Nur ab und zu braucht man eine Pause. Wenn die Insel nicht in der Südsee ist, dann wenigstens im Kopf. Neben allem was Filme, Bücher, Kunst und Musik sonst noch so können - manchmal haben sie eine einzige Aufgabe: trösten. Diese Werke lenken uns ab, erbauen uns, geben uns die Kraft, mit der man dann eben doch noch kann und hoffentlich sogar wieder will. Nele Pollatschek

Krieg, Corona und Kultur: "Stand by Me" erzählt von Lagerfeuernächten und Freundschaft.

"Stand by Me" erzählt von Lagerfeuernächten und Freundschaft.

(Foto: Imago Stock&People)

Rob Reiners Film "Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers"

Sonnendurchglühte Tage, Lagerfeuernächte. In einer Kleinstadt in Oregon machen sich im Spätsommer des Jahres 1958 vier Jungs auf den Weg, um eine Leiche zu finden. Im Gepäck: Wasser, Süßigkeiten und all die Nöte und Traumata, die Teenager so mit sich tragen. Der tote Junge, er ist genauso alt wie sie, soll in einem Waldstück in der Nähe der Bahngleise liegen. Und denen folgen sie nun, zwei Tage lang. Rennen vor Hunden davon, machen mit Blutegeln Bekanntschaft, werden beim Überqueren einer Brücke fast vom Zug überfahren. Vor allem aber erzählen sie sich Geschichten, auch ihre eigenen, und diese Gespräche können keinen gleichgültig lassen, der einmal jung war. Als die vier dem Schrecklichen schließlich gegenüberstehen, ist es erstaunlich banal; der Weg dorthin aber war es nicht. Der Film aus dem Jahr 1986 von Rob Reiner, basierend auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, hat nach 36 Jahren nichts von seinem bittersüßen Zauber eingebüßt. Er enthält alles, was einen in diesen Tagen an das Gute glauben lässt: Witz, Fantasie, Mut im Angesicht der Angst - und die alles überwindende Kraft der Freundschaft. Tanja Rest

Krieg, Corona und Kultur: Van Morrison, 2015.

Van Morrison, 2015.

(Foto: Georg Hochmuth/dpa)

Van Morrisons Album "Astral Weeks"

Mit den acht Songs auf "Astral Weeks" hat Van Morrison 47 Minuten Musik geschaffen, die man gar nicht erst in dieser Welt zu verorten versuchen sollte, so überirdisch schön ist sie: Flirren, Flöten, Streicher, treibende Gitarren, psalmartige Texte und die immer wieder schmerzvoll jauchzende Stimme des damals 24-Jährigen Morrison. "Astral Weeks" (1968) erinnert daran, dass es einen Ort jenseits des möglich Geglaubten geben könnte. Eine Wiese im Morgengrauen vielleicht, das Gras noch nass vom Tau, der Sommer steht bevor, die Blumen zittern schon aufgeregt. Es ist ein spätes Coming-of-Age-Album, das vor Lust auf Leben bebt, in Erwartung von Großem. Man folgt Morrison also auf diese Wiese wie im Traum, "Hey, it's me, I'm dynamite and I don't know why", singt er in "Sweet Thing", und dann weiß man schon nicht mehr wohin mit sich vor lauter Glück. Christiane Lutz

Krieg, Corona und Kultur: Streets of Rage II

Streets of Rage II

(Foto: All mauritius images/ArcadeImages)

Das Spiel "Streets of Rage II"

War vor rund 30 Jahren mal eine Glaubensfrage: Sega Mega Drive oder Super Nintendo? Man entschied sich für eine der beiden Spielekonsolen, wie man sich auch für Rap oder Metal entschied, also sehr absolut und verbissen. Und handelte sich die Folgen ein. Nintendo hatte fast durchweg die besseren, kreativeren, bleibenderen Spiele. Fast! Denn Sega hatte "Streets of Rage II", das seinerzeit ultimative "Side-Scrolling Beat-'em-up". Man läuft, man springt, man prügelt auf eine Vielzahl immer mächtigerer Gegner ein. Mit der hier das Hirn besonders entlastenden Komponente, dass beides möglich ist: besinnungsloses, alle Wut auf die Welt ableitendes Dauerfeuergedresche ebenso wie feinziselierte, in erhabenen Schlagkombinationen ausgeführte Schellen. Für den Soundtrack, der in seiner Kombination aus Electro-Funk, House, Miami Bass und EDM nicht nur in der Videospielwelt revolutionär war, hat Komponist Yuzo Koshiro eine eigene Programmiersprache entwickelt. Heute braucht man keine Konsole mehr, es gibt das Spiel längst als App, und die dringende Empfehlung lautet, es mit der Figur "Skate" zu spielen. Er hat die geringste Schlagkraft, aber die besten Kampf-Moves - auf Rollerblades. Jakob Biazza

Krieg, Corona und Kultur: Channing Tatum als Jimmy Logan, Riley Keough als Mellie Logan und Adam Driver als Clyde Logan in "Logan Lucky".

Channing Tatum als Jimmy Logan, Riley Keough als Mellie Logan und Adam Driver als Clyde Logan in "Logan Lucky".

(Foto: imago images)

Der Film "Logan Lucky"

Heist-Movies sind immer ein Spaß, von "Thomas Crown ist nicht zu fassen" bis "Ocean's Eleven", sie sind die perfekte Ablenkung - im Idealfall ist der eigentliche Raubzug so kompliziert, dass das Hirn damit beschäftigt ist, antizipieren zu wollen, wie das eigentliche Ding denn nun gedreht wird - und dann trotzdem dauernd überrascht wird. Im Fall von Steven Soderberghs "Logan Lucky" (2017) kommt noch eine Underdog-Komponente dazu - es sind nicht die üblichen gelangweilten Gangster am Werk. Die Logan-Brüder, Jimmy (Channing Tatum) und Clyde (Adam Driver), einer arbeitslos und der andere depressiv, sind Unglücksraben. Eigentlich ist es also der reine Wahnsinn, dass ausgerechnet die beiden sich eine Nummer ausdenken, die die Elimination des bargeldlosen Zahlungsverkehrs auf einer Nascar-Rennstrecke erfordert, die heimliche Befreiung eines einsitzenden Safeknackers (Daniel Craig) und seine Rückführung zwecks Verbüßung der Reststrafe. Andererseits wird dabei ein Armleuchter geschädigt, was immer schön anzusehen ist. Die Idee, die Gummibärchen in die Luft gehen zu lassen, ist ausgesprochen komisch, und nur Chemie-Streber würden der Frage nachgehen, ob das wirklich funktioniert. Susan Vahabzadeh

Krieg, Corona und Kultur: Miranda July.

Miranda July.

(Foto: Fabrizio Maltese/Contour by Getty Images)

"Roy Spivey" von Miranda July, gelesen im New Yorker Fiction Podcast von David Sedaris

Gute Kurzgeschichten sind die beste Literatur. Weil sie die Welt nie in seiner Erdkerntiefe ergründen müssen, weil das Große, Ganze brav im Hintergrund bleibt, sich höchstens höflich meldet, wenn der Hauptcharakter eine Pause macht, und, das Beste, weil sie kurz sind. Im Fiction-Podcast des New Yorker lädt Deborah Treisman Autoren ein, ihre Lieblingsgeschichte vorzulesen und knapp darüber zu sprechen, ganz ohne Hochkultur-Attitüden. In einer der besten Folgen dieses Podcasts liest der humoristische Schriftsteller David Sedaris die Kurzgeschichte "Roy Spivey" von Miranda July. "Zweimal saß ich neben einem berühmten Menschen im Flugzeug", beginnt die Geschichte. Sie führt zu einer Begegnung, in der jemand vom Promi-Kaliber Brad Pitt oder Tom Hanks neben einer durchschnittlichen, wenig berühmten Frau sitzt. Die beiden lernen sich kennen und mögen. Mehr Inhalt kann ich nicht verraten. Die Schriftstellerin, Regisseurin und Universalkünstlerin Miranda July schafft es in dem Text, den Lebensnebel zu beschreiben, in dem die Frau gefangen ist, und den man, so verträumt und absurd er sich in dieser Geschichte zeigt, schon mal irgendwo in der Welt wabern gesehen hat. David Sedaris liest das alles behutsam, zieht mit in diese verträumte Szene, die ihn, so sagt er selbst, völlig verändert hat. Alles in 30 Minuten. Marlene Knobloch

Krieg, Corona und Kultur: Zielpublikum für die Erdmusik auf "Mother Earth's Plantasia".

Zielpublikum für die Erdmusik auf "Mother Earth's Plantasia".

(Foto: Ulrich Stamm /imago images)

Das Album "Mother Earth's Plantasia" von Mort Garson

"Plantasia" wurde eigentlich für Pflanzen geschrieben, genauer, es ist "warme Erdmusik für Pflanzen ... und die Menschen, die sie lieben". Mort Garson veröffentlichte das Album 1976, hört man es jetzt, besitzt es jene Unschuld und Tröstlichkeit, die alte Science- Fiction oft hat, wenn man sie aus der Jetztzeit betrachtet. Plantasia stammt aus der Zeit, als Syntheziser noch jung waren, und man hört die Aufregung und Freude über die neu entdeckten Möglichkeiten in jeder Note. Nichts ist hier böse, trotzdem ist nichts langweilig, alles ist leicht und strebt zum Licht. Es ist unmöglich, sich schlecht zu fühlen, wenn man Plantasia hört, wobei das natürlich nur aus menschlicher Sicht gesprochen gilt. Von den Pflanzen, die es zu hören bekommen haben, hat sich noch keine geäußert. Juliane Liebert

Krieg, Corona und Kultur: 07. März 2022, Berlin: "Genesis" live.

07. März 2022, Berlin: "Genesis" live.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Das Video "Land of Confusion" von "Genesis"

Nicht nur weil diese fantastische Band gerade auf Abschiedstour ist: das Genesis-Video "Land of Confusion" ansehen. Die "Spitting Image"-Selbstironie des Meisters Phil Collins. Das Flirten mit dem Desaster. Ronnie Reagan. Maggie Thatcher (von wegen Frauen interessieren sich nicht für Kriege.) Präapokalyptisches MTV-Gummipuppentheater. Tröstlich. Denn wenn es dieses herrliche Genesis-England mal mit solcher Macht gab, dann kommt es sicher eines Tages auch wieder. Und wenn die Welt 1986 nicht unterging, dann ja vielleicht jetzt auch nicht. Meine sechsjährige Tochter fragt ganz nüchtern von der Couch herüber: "Papi, in der Schule sagt eine, dass hier auch bald Krieg ist." Ich wiegle ab: "Nein, nein, mein Kind." Ich versuche dann, ihr in einem militärischen Aufklärungsgespräch zu erläutern, was Krieg ist und nehme ein Beispiel aus ihrer Vorschulklasse. "Dieses Mädchen, Melina, die bei euch alle ärgert und vermöbelt - da ist es wie mit Putin, verstehst du?" Das Kind legt die Ellenbogen auf die Lehne. "Na ja. So schlimm ist Melina auch wieder nicht." Es ist vor allem dieses Kind, das mich tröstet. Micky Beisenherz

Krieg, Corona und Kultur: Wenn man sich konzentriert, hat man keine Angst. Selbst wenn man eine Bombe entschärft. Bild aus: THE HURT LOCKER, Jeremy Renner, 2008.

Wenn man sich konzentriert, hat man keine Angst. Selbst wenn man eine Bombe entschärft. Bild aus: THE HURT LOCKER, Jeremy Renner, 2008.

(Foto: Summit Entertainment/imago images/Everett Collection)

"Duden Allgemeinbildung - Testen Sie Ihr Wissen!"

Der sehr tröstliche Schriftsteller Saša Stanišić stellt in zwei seiner Bücher fest, dass alle konzentrierten Menschen schön sind. Was konzentrierte Menschen aber auch sind: weder richtig unglücklich noch todesängstlich. Wenn gar nichts geht, dann hilft immer noch, sich auf etwas Kniffliges und emotional Unbedenkliches zu konzentrieren. Gegen Atombomben kann man nichts machen, gegen die Angst vor Atombomben hilft es, alle Staaten der USA aus dem Gedächtnis aufzuschreiben (Pro-Tipp: Wyoming und Minnesota!). Und sollte die Sache länger dauern, Duden Allgemeinbildung - Testen Sie Ihr Wissen! hat mich durch Lockdown 1 bis 3 beruhigt. Keine Kunst, sondern einfach nur 1000 Fragen aus Geistes- und Naturwissenschaften, nach Wissensgebieten sortiert, beantwortet und erklärt. Am besten quizzt man sich gegenseitig, mit jemandem, den man schlagen oder wenigstens trösten möchte. Man kann nämlich gar nicht gleichzeitig am eigenen Gedächtnis und an der Welt verzweifeln. Nele Pollatschek

Krieg, Corona und Kultur: Johann Sebastian Bach (1685 - 1750), porträtiert von Elias Gottlob Haussmann aus dem Jahr 1748.

Johann Sebastian Bach (1685 - 1750), porträtiert von Elias Gottlob Haussmann aus dem Jahr 1748.

(Foto: imago/epd)

Die Motetten der Bach-Familie

Heinrich Schütz, einer der größten europäischen Komponisten, reagierte auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges mit seiner "Geistlichen Chormusik", in der durch allen Jubel immer auch die psychischen Verwerfungen durchscheinen. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Freude, Melancholie und Trost. Wie sehr er mit seiner sehr sprachbezogenen Musik auch auf Johann Sebastian Bach eingewirkt hat und dessen umfangreiche Musikerverwandtschaft, zeigt eine Sammlung von Motetten der Bach-Familie (Capriccio 2010), die diesen Stil aus kraftvollem Text und klar gestaltetem Klangverlauf weitertragen. Besonders Johann Christoph Bach, der bei Abschluss des Westfälischen Friedens sechs Jahre alt war, scheint die Musik von Schütz ganz aufgesogen zu haben. Er liebt den plastischen, teils drastischen Ausdruck. In seiner Motette "Der Gerechte" erlebt man die hohe Kunst, wie er in einer nach allen strengen Kompositionsregeln verfertigten Musik einen ganz persönlichen Ausdruck entwickelt. Dieser schiere Expressionismus nimmt einen mit und führt hinaus aus der Trübsal: "Der Gerechte, ob er gleich zu zeitig stirbt, ist er doch in der Ruhe." Er werde "weggenommen aus dem Leben unter den Sündern und wird hingerücket, dass die Bosheit seinen Verstand nicht verkehre." Die Bosheit klingt dabei bedrohlich schräg. Aber sie ist ja am Ende entmachtet. Helmut Mauró

Krieg, Corona und Kultur: Bei Wolfram Eicke erklären die Menschen den kleinen Tag am Ende zu einem internationalen Feiertag.

Bei Wolfram Eicke erklären die Menschen den kleinen Tag am Ende zu einem internationalen Feiertag.

(Foto: Robert Haas)

Die Geschichte "Der kleine Tag" von Wolfram Eicke

In seinem Märchen "Der kleine Tag" erzählt Wolfram Eicke von 24 Stunden, die ganz anders sind als die Tage derzeit. Es gibt in diesem Märchen einen Ort, an dem alle Tage leben - die, die schon waren, und solche, die noch sein werden. Der Vater des kleinen Tages war schon und er ist noch immer gefürchtet. An ihm hatte sich "ein grauenhaftes Erdbeben ereignet", keiner kann das vergessen. Dieser furchtbare Tag sagt seinem Sohn kurz vor dessen Einsatz, es sei wichtig, dass Ungewöhnliches in seiner Zeit passiere - "sonst ist dein ganzes Leben sinnlos". Am kleinen Tag aber passiert: nichts. Ein Kind bekommt ein Fahrrad geschenkt, Menschen küssen sich. Das Wetter? Mittel. Was haben da im Vergleich die echten Tage dieses Jahres zu erzählen. Corona, Krieg, Verderben. Jeden neuen Tag bricht eine neue Hölle los. Bei Wolfram Eicke erklären die Menschen den kleinen Tag am Ende übrigens zu einem internationalen Feiertag, zu einem Tag des Friedens und der Versöhnung. Gerade weil an ihm mal nichts Großes und Schlimmes geschehen ist. Dieser kleine, größte Tag, bei Wolfram Eicke fällt er - man kann es jetzt fast nicht mehr glauben: - auf einen 23. Februar. Cornelius Pollmer

Gute Leute, Wodka

Wenn das Buch zugeklappt, die Musik verhallt, der Film vorbei ist, und das Herz noch immer schwer, hilft vielleicht Nähe. Ein anderer Mensch. Oder zwei, oder zwanzig (3G). Einen Nemiroff-Wodka aus Nemyriw teilen, Erinnerungen, Ängste, Betten. Die Hand nebenan am Esstisch drücken. Das Kind in die Luft werfen. Die Eltern etwas länger umarmen. Im besten Fall hat man so nicht nur sich selbst getröstet. Laura Hertreiter

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