"Troll" von Michael Hvorecky Tödliche Trollwut

Als Autor Michal Hvorecky seinen Roman im Jahr 2015 begann, war er noch eine Science-Fiction-Parabel.

(Foto: Nora a Jakub)
  • "Troll" von Michak Hvorecky ist eine rabenschwarze Groteske in Form einer Science-Fiction-Parabel: Europa hat sich aufgeteilt in eine westliche Festung und ein östliches "Reich" nebst Satellitenstaaten.
  • Der Kern dieses Buches, die böse Farce um die Zersetzung einer Gesellschaft und des Wahrheitsbegriffs durch Internettrolle, die kommt einem schaurig bekannt vor.
Von Alex Rühle

Stimmt schon, die Zeit vergeht immer schneller. Mittlerweile scheint alles derart rasant in Richtung Abgrund zu schlittern, dass man als dystopischer Science-Fiction-Autor während des Schreibens von der Wirklichkeit überholt werden kann, selbst wenn man sich ein völlig übertrieben anmutendes Szenario ausdenkt. So geschah es dem slowakischen Autor und Übersetzer Michal Hvorecky, der in seiner Heimat schon mehrfach Zielscheibe verleumderischer Digitalattacken wurde. Als er seinen kleinen, fiesen Roman "Troll" im Jahr 2015 begann, plante er ihn als rabenschwarze Groteske in Form einer Science-Fiction-Parabel.

Heute bildet das Buch recht gut und solide die Realität ab. Natürlich nicht eins zu eins, Europa hat sich (noch) nicht neu geteilt in eine westliche Festung und ein östliches "Reich" nebst Satellitenstaaten. Aber der Kern dieses Buches, die böse Farce um die Zersetzung einer Gesellschaft und des Wahrheitsbegriffs durch Internettrolle, die kommt einem doch schaurig bekannt vor.

Im Grunde ist, was wir erleben, alter Wein in neuen Glasfaserschläuchen

Kúkavislava, kurz: Kúkav, die Hauptstadt, in welcher der namenlose Erzähler aufwächst, erinnert schon dem Namen nach an die kleinen Länder, die auf dem Gebiet der ehemaligen k. u. k. Monarchie liegen, Tschechien, Slowakei, Ungarn ... Das Land wird regiert von einem oligarchischen "Anführer-Vater", der viel Ähnlichkeit mit aktuellen Provinzdespoten wie Miloš Zeman oder Robert Fico hat, durch seine mythomanische Art aber zugleich ein Seelenverwandter alter Diktatorenhaudegen wie Ceaușescu zu sein scheint: Er lässt alle historischen Gebäude abreißen, um sie durch brutalistische Hässlichkeit zu ersetzen, und überzieht die Stadt mit einem Straßennetz im Schachbrettmuster, damit Demonstranten keine Möglichkeit haben, sich zu verstecken.

Im Grunde wird das ganze Land aber von außen gelenkt, durch das "Reich" im Osten, das unschwer als Putin'sches Russland zu identifizieren ist. Die Agenten dieses Reichs sind im Alltag unsichtbar, ein Troll-Heer, das, hervorragend orchestriert, die öffentliche Meinung durch immer neue digitale Attacken und Propagandawellen kontrolliert. Man kann am Morgen als rechtschaffener Bürger aufwachen und am Abend vor den Trümmern seines sozialen und beruflichen Lebens stehen.

Wie in vielen Science-Fiction-Settings gehen digitale Zukunft und dystopische Mittelalter-Ingredienzen Hand in Hand. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, Ärzte wurden durch Scharlatane ersetzt, der Ich-Erzähler wurde nie geimpft, sondern musste als Kind irgendwelchen Bioresonanz-Unsinn über sich ergehen lassen, was zur Folge hat, dass er seit seinem 15. Lebensjahr, seit dem Ausbruch einer verheerenden Masernepidemie, im Krankenhaus lebt, einem düsteren Irrgarten, der in seiner hoffnungslosen Absurdität an die Installationen von Ilja Kabakow erinnert, und in dem er durch all die Medikamente immer dicker und damit auch einsamer wird.

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Er lernt dort Johanna kennen, Ex-Junkie, die sich, genau wie er, aus ihrem Lebenselend in die Welt der Bücher geflüchtet hat. Dadurch geht praktischerweise ein sehr weiter Resonanzraum auf, denn Johanna liest sowjetische Science-Fiction-Literatur, der Erzähler kennt alle wichtigen Dissidentenautoren, und so kann Hvorecky unsere irre Gegenwart alle paar Seiten mit dem Wahnsinn der Sowjetdiktatur kurzschließen und seine Grundthese literarisch untermauern: Im Grunde ist das, was wir erleben, alter Wein in neuen Glasfaserschläuchen, die alte paranoide Lügenpropaganda, nur jetzt viel feiner dosiert und raffinierter verabreicht. Die Lügen kommen bei jedem genau so an, wie er sie am schmackhaftesten findet.

Sollte das klischiert klingen, ja, das ist es anfangs, die ersten Kapitel wirken fast hastig, kurzer biografischer Abriss, Vater geflohen, Mutter seither psychisch recht derangiert, schwierige Jugend. Alles wird nur anskizziert, so als könne Hvorecky es nicht erwarten, zum eigentlichen Kern der Handlung zu kommen, ins Zentrum der dezentralen Macht. Ist man dort aber erst einmal angekommen, entwickelt der Text doch eine dunkle Strahlkraft.

Der Erzähler und Johanna überlegen, wie sie sich wehren können gegen die tödliche Trollwut, und planen schließlich die Mimesis ans Böse: Selbst zum Troll werden, die Waffen des Feindes studieren, anheuern bei einer der großen Lügenfabriken, die mit täglich neuen Denunziationen, Gerüchten, Halbwahrheiten das diskursive Grundwasser vergiften. Wobei den beiden von Anfang an klar ist: Wer die Waffen des Feindes unter Aufsicht des Feindes studiert, der muss mit diesen Waffen auch töten, um glaubhaft zu bleiben.

Die beiden heuern bei Valys an, einem alerten Widerling, der von einer Fabrikruine aus seine Truppe täglich neue Attacken durchs Netz reiten lässt. Das Sammelsurium aus Netzjunkies, vermeintlichen Nonkonformisten, Lebensverlierern, Ökospintisierern, Rappern und überzeugten Antisemiten unterläuft alle herkömmlichen Rechts-links-Raster. Gemeinsam ist ihnen allen nur, dass sie täglich noch mehr Lügenleistung erbringen müssen, um mit rund hundert verschiedenen Netzprofilen die jeweils neue Lüge möglichst tief und breit zu streuen: Der Donbass als Stalingrad von heute, Israel betreibt einen Genozid, die Ukraine hat es nie gegeben. Und heute bitte Herrn Stern zerstören, den ehemaligen Nachbarn des Erzählers, den Einzigen, der je wirklich nett war zu dem einsamen Jungen. Der ist jetzt aber sofort bereit, ihn digital zu meucheln.

Der Investigativreporter Ján Kuciak, ein Freund Hvoreckys, wurde im Februar erschossen

All das wurde geschrieben in einem Land, in dem unlängst mehrere Parteien zugeben mussten, dass sie Trolle bezahlen, die Tag für Tag die politischen Gegner diffamieren und mit dem handelsüblichen denunziatorischen Unrat bewerfen; einem Land, das sich in seinen Nachrichten von allen Fakten abgekoppelt und ganz der Paranoia verschrieben hat. In den 25 Jahren seit ihrer Gründung hat die Slowakei insgesamt 820 Personen Asyl gewährt, 2018 wurde bislang ein einziger Antrag anerkannt. Die digitalen News-Seiten der Slowakei sind aber voll von Überfremdungshorror, Umvolkungsgeraune und antisemitischen Weltverschwörungslügen.

Gleichzeitig ist die Slowakei ein Land, in dem der Premierminister Robert Fico die Journalisten so lange als "dreckige, antislowakische Prostituierte", Idioten, Hyänen und "schleimige Schlangen" bezeichnete, bis einer von ihnen tot war: Ján Kuciak, Investigativreporter und ein Freund Michal Hvoreckys, wurde im Februar mit einer Kugel im Kopf in seinem Haus gefunden, neben seiner ebenfalls erschossenen Freundin. Bis heute wurde niemand festgenommen. Hvorecky, der für das Goethe-Institut in Bratislava arbeitet, bislang drei Romane veröffentlicht hat und immer wieder flammende journalistische Texte für eine Stärkung der demokratischen Öffentlichkeit schreibt, wurde auf dem vorletzten Parteitag von Fico als "Unruhestifter und Krawallmacher" verleumdet.

In seiner Dystopie wagen der Erzähler und Johanna irgendwann den offenen Gegenangriff und decken die Machenschaften von Valys' digitaler Armee auf. Aber wer glaubt noch einem Menschen, der die Wahrheit sagt, wenn ringsum nur Lügen stehen? Man kann froh sein, wenn man mit dem nackten Leben davonkommt.

Am Ende versucht der Erzähler, alle Spuren seiner Existenz zu vernichten, bis hin zu seinen Fingerabdrücken und der Physiognomie. In mehreren Operationen lässt er die Landkarte seiner Gesichtszüge so umformen, dass sie der Silhouette ähnelt, die Facebook männlichen Usern zuweist, die kein Profilfoto hinterlegen. Er sieht grauenhaft aus, wie ein Zombie - aber immerhin ist er jetzt unerkennbar für die Überwachungskameras, die jeden kennen.

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