Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen Teuer erkaufter Macho-Sieg

Christa Mayer (Brangäne) und Stephen Gould (Tristan) im dritten Aufzug von Tristan und Isolde

(Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Bei den Bayreuther Festspielen inszeniert Katharina Wagner die Liebestragödienoper "Tristan und Isolde" ihres Urgroßvaters Richard ganz aus weiblicher, fast schon aus feministischer Sicht. Dennoch siegen die Männer.

Von Reinhard J. Brembeck

Eine Frau wird zwangsverheiratet. Nicht irgendwo in dem fernen Gebiet, das der IS inzwischen regiert, sondern in Bayreuth, im dortigen Festspielhaus. Isolde aber ist, was in solchen Fällen häufig vorkommen mag, so ganz und gar nicht einverstanden mit ihrem Zukünftigen, der aussieht und emotional so kalt ist wie ein Räuberhauptmann, der das Wirtshaus im Spessart belagert.

Viel lieber ist dieser Isolde der Brautwerber Tristan, ein mächtiges Prachtexemplar von Mann, der durchaus schon lange scharf auf Isolde ist, aber sich - wie alle Männer - nicht traut, seine heimliche Liebe auszuleben. Die Karriere, die Männerfreundschaften sind ihm wichtiger. Also muss sie den ersten Schritt machen, und diese Amour fou endet da, wo sie im Patriarchat immer enden muss. In Gefängnis, mit Folter, Mord und Totschlag. Zuletzt schleppt der Räuberhauptmann die gedemütigte und psychisch gebrochene Isolde ab ins Zwangsehebett.

So erzählt die Bayreuther Festivalchefin und Regisseurin Katharina Wagner die Liebestragödienoper "Tristan und Isolde" ihres Urgroßvaters Richard - ganz aus weiblicher, fast schon aus feministischer Sicht. Dabei geht sie so behutsam vor, dass das in Sachen Regie oft heikle bis intolerante Festspielpublikum zuletzt kein einziges Buh für das Bühnenteam übrig hat, als sich Katharina und die ihren kurz und verschämt auf der Bühne zeigen. Der heftige, aber bald abflauende Jubel dieser Eröffnungspremiere der diesjährigen Festspiele konzentriert sich ganz auf die von Evelyn Herlitzius (Isolde) und Stephen Gould (Tristan) angeführten Sänger und den Dirigenten Christian Thielemann.

Wagner-Festspiele in Bayreuth

Glänzende Kanzlerin auf grünem Hügel

Von Wagners Macho-Welt plattgemacht

Thielemann entfacht die von ihm so geliebten pastosen Klangfarbenmischungen in Vollendung, dezent und raffiniert strukturiert er die Klänge, treibt lange Zeit die Geschichte voran und verkneift es sich fast immer, was bei diesen Meisterdirigenten durchaus nicht selbstverständlich ist, die Musik zu zelebrieren und zu zerdehnen. Selten nur bringt er die Sänger in Bedrängnis. Erst aufs Ende zu wird er in Tempowahl und Klang breiter - Isoldes Schlussgesang wirkt dann als der traditionellste Teil des Abends.

Könnte der Umstand, dass eine Frau inszeniert, damit im Zusammenhang stehen, dass deshalb auch die zwei einzigen Frauen auf der Bühne die schönsten und stimmigsten Rollenportraits präsentieren? Evelyn Herlitzius macht sich die Geschichte von der Zwangsehe mit Haut und Haar zu eigen. So agil, gelassen und verliebt wie sie spielt, singt sie auch. Viele Zwischentöne, geheimnisvolle und erotische Passagen werden hörbar.

Es mag Vokalfetischisten nicht immer überzeugen, was Herlitzius macht, aber was zählt das schon? Diese Isolde ist durch und durch glaubwürdig, eine leidende Frau, die von Wagners Macho-Welt plattgemacht wird. Vokal reicher präsentiert sich Christa Mayer als eine Brangäne, die die Angst vor den Männern längst verinnerlicht hat, aber heimlich Isoldes Aufbegehren bewundert.

Evelyn Herlitzius (Isolde) und Stephen Gould (Tristan) in der Liebestrank-Szene

(Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Die Männer siegen in Bayreuth

Die Männerwelt wird von dem so kalt agierenden wie singenden, so systemkorrekten wie zutiefst unsympathischen Georg Zeppenfeld als Marke angeführt. Stephen Gould gibt Tristan, dessen Mädchen für alle Schandtaten. Mit Gefühlen und gar der Liebe kommt dieser Typ genauso wenig zurecht wie sein Brotherr. Aber er gibt sich reichlich Mühe, seiner entweder lyrisch lockenden oder mächtig durchschlagenden Stimme (viel anderes gibt es kaum zu hören), so etwas wie Erotik, Sehnsucht oder gar Metaphysik abzugewinnen.

Seine große Sterbeszene, in der immer wieder Vexierbilder Isoldes auftauchen, zeigt ihn als einen durchaus nicht auf den Tod verwundeten und innerlich vor Liebesleid verdämmernden Moribunden, sondern als einen im Vollbesitz seiner Kräfte die Delirien durchlebenden Hünen. Die Männer siegen in Bayreuth. Doch zu einem Preis, der schon immer zu hoch war.