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Trilogie-Finale:Der streunende Held

Bleecker Street

Wo die Stipendiaten wohnen: Hier in der Bleecker Street bringt der Deutsche Literaturfonds seine New-York-Stipendiaten unter, wodurch die Straße zu einem beliebten Motiv in deutschen Romanen geworden ist.

(Foto: Stephan Valentin/Unsplash)

Ein Achtundsechziger will doch noch seinen Sohn kennenlernen: Mit "Der amerikanische Sohn" vollendet Bernd Cailloux seine fiktiv-autobiografische Romantrilogie.

Von Helmut Böttiger

Bernd Cailloux ist ein Stroboskop-68er, kein politischer. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Generationsgenossen. Er hatte das schon in seinem fulminanten Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" aus dem Jahr 2005 rhythmisch flackernd eingefangen: Der Ich-Erzähler stand damals als Anfang 20-Jähriger am Beginn einer glänzenden kapitalistisch-popkulturellen Karriere, in seiner Firma wurde die Diskokugel mit dem Stroboskoplicht erfunden und man richtete zukunftstrunkene Events aus - mit Frank Zappa in der Essener Grugahalle zum Beispiel war man damals so auf der Höhe der Zeit, wie man es heute immer noch wäre. Es war der erste Roman einer "autobiografischen Trilogie", wie es der Klappentext etwas verschmitzt nennt, und nach "Gutgeschriebene Verluste" (2012) bildet "Der amerikanische Sohn" nun ihren dritten Teil.

Dass das Autobiografische natürlich immer eine Fiktion ist, bildet die selbstverständliche Basis für diese drei Romane. "Der amerikanische Sohn" spielt unbedingt in der Jetztzeit, der sarkastische und selbstironische Ich-Erzähler erkennt das spätestens daran, wenn er auf sein Gesicht im Spiegel schaut. Aber die Düsseldorfer Kunst- und Subkulturszene Ende der Sechzigerjahre ist immer noch gegenwärtig, als sie mit Lötkolben und diversen Bauteilen an einem neuen Discoflair laborierten und Joseph Beuys gleichzeitig anfing, mit Filz und Fett die Politik zu unterlaufen. Wild zusammengewürfelte junge "Artish People" versuchten da, in immer wieder neu designten Szenelokalen Theorie und Kunst zu einer neuen avantgardistischen Lebensform zusammenzumixen.

Den Sohn hat er zuletzt als Dreijährigen gesehen, heute muss er 30 sein

Seinen damaligen Kompagnon Andreas Büdinger trifft der Ich-Erzähler am Anfang des neuen Buches nach Jahrzehnten in Berlin wieder. Sie hatten sich nach dem zunächst steilen Aufstieg ihres in einer Gartenlaube gegründeten Start-up-Hippiekollektivs zerstritten. Es machte damals binnen kurzer Zeit viel zu hohe Umsätze, um den Gemeinschaftsgedanken durchhalten zu können, und Geschäftsführer Büdinger erwies sich als der Kriegsgewinnler. Der Ich-Erzähler hält sich seit Jahrzehnten in der Berliner Subventionskultur und Kreativwirtschaft zwar durchaus gekonnt, aber doch eher unterprivilegiert über Wasser - wie genau, wird nur angedeutet. Und auch, wodurch er das dreimonatige Stipendium einer ominösen "Unterwaldt-Stiftung" in New York ergattert hat, von dem er Büdinger erzählt, bleibt im kunst- und poptheoretischen Ungefähr. Die Begegnung mit dem alten Mitstreiter und Karrieristen hat vor allem die Funktion, die gesamte Lebensspanne des hier fabulierenden Protagonisten auszumessen und beiläufig das Motiv einzuführen, das den Roman durchzieht. Auf die lauernde Frage von Büdingers Frau, wie es mit Frau und Kindern bei ihm aussieht, kommt etwas lange Verdrängtes zur Sprache: der Erzähler hat einen Sohn, der jetzt ungefähr 30 Jahre alt sein muss und den er zum letzten Mal zufällig als Dreijährigen gesehen hat - und er lebt anscheinend in den USA.

Der streunende Held, der die 70 längst überschritten hat und als lonesome rider durch die Berliner Kneipen und Restkunstmilieus streift, sieht sich plötzlich mit einer Sehnsucht konfrontiert, die ihm nie so richtig bewusst war: Ein Sohn bedeutet so etwas wie Bindung und Verantwortung, letztlich sogar für sich selbst. Und bei dem Gedanken, sich in New York auf die Suche nach seinem unbekannten Sohn zu machen, stellt sich eine Nervosität ein, die ihm in ihrem Flackern merkwürdig bekannt vorkommt. Der Roman findet immer wieder traurig-komische, groteske und skurril-witzige Sehnsuchtsbilder für diese Spannung: der Mann, der sein Leben immer à point durchgezogen hat und recht unverbrüchlich zu seinen Maximen stand, wird eingeholt von einer Vergangenheit, die andere Konnotationen haben könnte als die, an die er sich gewöhnt hat.

Der Ton, den der Autor Cailloux seinen Ich-Erzähler anschlagen lässt, ist ein verblüffend lockerer, für seine Generation untypischer. Die politischen Prägungen eines 68ers scheinen zwar durch, er zeigt Ansätze zu einer linken Kunstmarkt- und Kapitalismuskritik, aber er wirkt nicht verbittert, sondern versucht, seine frühen Eskapaden nachzuvollziehen und nachzuleben. Er spielt mit sich als einer Theaterfigur, manchmal bis hin zu einer Karikatur, aber wenn er das San Francisco der frühen Siebzigerjahre beschwört oder das New York der Achtziger, wird klar, dass ihm die amerikanische Subkultur den entscheidenden Kick gegeben hat und auch hier den Drive des Erzählens ausmacht. Der Besuch in New York bei der Direktorin der "Unterwaldt-Stiftung" ist in seinem satirisch gefärbten Duktus ein kleines Kabinettstückchen, wie überhaupt der direkte Blick auf die Kommunikations- und Verhaltensriten der einschlägigen Kunst-Klientel erfrischend und erhellend wirkt.

Cailloux macht aus dem Stoff keine Ellegie, sondern einen Lebensroman

Das riesige Flachdach, das er von seinem Schreibtisch in der Stipendiatenwohnung in der Bleecker Street beschreibt, "zwei blau grundierte Fußballplätze groß und auf der langgezogenen Außenbahn bereits belebt von ersten Joggern", erinnert im Übrigen stark an jenes, das die New York-Stipendiaten des Deutschen Literaturfonds von ihrem Fenster aus sehen - man kann hier also sehr schön die Transformation einer realen Ausgangssituation in einen literarischen Kosmos aufspüren. Der Erzähler erinnert sich bei seinen einsamen Ausflügen in die Stadt an frühere Aufenthalte in Manhattan, da schieben sich die Zeiten und die Altersstufen ineinander, und eingestreut sind einige knappe, die betreffende Zeit aber äußerst plastisch inszenierende Passagen, in denen seine fünfmonatige Liaison mit Nina in Hamburg beschrieben wird - dabei ist sein Sohn gezeugt worden, und wie planvoll das Nina angestellt hatte und wie zielstrebig sie dann ihre Auswanderung nach Jamaika ins Werk gesetzt hat, ist eine stimmige, raffiniert ausgeleuchtete Milieu- und Psychostudie.

Das Ganze ist zwar sehr süffig geschrieben, mitunter wie am Tresen einer intellektuell versierten Kneipe formuliert, immer mit einem mitlaufenden Subtext, aber der Roman ist dabei kunstvoll gebaut und lebt von seinen Anspielungen und Querverweisen. Gleich am Anfang seiner rückblickenden New-York-Exkursion fällt dem Erzähler ein Restaurant auf, das "Negril" heißt, wie ein Strand auf Jamaika, und dass dieser karibische Küstenort im weiteren Verlauf noch eine große Rolle spielen wird, wird verblüffend salopp, aber dezidiert vorweggenommen. Nina hat dort eine Zeit lang ein Café betrieben, ist aber mit dem kleinen Eno irgendwann nach Atlanta in die USA gezogen, ein Mr. Harris spielte dabei eine gewisse Rolle. Wie der Erzähler das alles langsam im Internet herausfindet und durch den Sohn einer schrägen alten Berliner Bekannten unterstützt wird, die sich im mittlerweile gentrifizierten Harlem niedergelassen hat - das ist voller Situationskomik, hat aber auch eine kunstvoll in der Schwebe gehaltene existenzielle Dimension.

Es gibt eine Art Showdown in Menlo Park in Silicon Valley. Der Erzähler weiß mittlerweile, dass sein Sohn Sportreporter geworden ist - und dass das der frühere Traumberuf des hier Schreibenden war, geht eine unauflösliche Verbindung mit einschlägiger US-Literatur ein, von Richard Fords Reporterroman bis zu Philip Roths "Great American Novel". Bernd Cailloux nimmt all diese Vorlagen souverän auf und macht aus einem Stoff, der eigentlich nur eine melancholisch durchtränkte und wehmütige Elegie sein kann, darüber hinaus einen spritzigen, unberechenbaren und zwischen allen Gefühlslagen changierenden Lebensroman.

Bernd Cailloux: Der amerikanische Sohn. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 223 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 09.06.2020

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