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Triennale der Photographie:Als das Make-up noch saß

Die 5. Triennale der Photographie in Hamburg zeigt in einer Ausstellung das wilde der Leben Getty-Zwillinge aus Kassel. Ach, was war der Glamour mal für ein verruchtes Ding.

Till Briegleb

Was war Glamour mal für ein verruchtes Ding. Als Blumenmädchen aus Deutschland amerikanische Milliardäre auf Partys trafen und dann heirateten, als Mick Jagger noch schlechte Laune hatte und eine Frisur wie ein Ameisenhaufen auf dem Kopf trug, als Nacktheit ein Tabubruch war, Drogen als ein Traum ohne Elend erschienen, und auf jedem Foto des glücklichen Lebens eine brennende Zigarette prangte, da war Glamour noch eine Brücke zwischen Welten und keine langweilige Industrie.

Natürlich ist diese Beschreibung nicht wirklich objektiv, denn Absturz, Leere, Depression war dem bunten Treiben der Siebziger ebenso wenig fremd wie die kalkuliert stilisierte Pose. Aber rückblickend wirkt das Jetset-Leben von Gisela Getty und Jutta Winkelmann, wie sie es in der Ausstellung "Twins" in den Hamburger Deichtorhallen präsentieren, dennoch in einem Maß authentisch und wild, dass der ganze High-End-Marken-und-Skandal-Popanz der Gegenwart dagegen erscheint wie eine goldene, mechanische Mumie.

Das interessante Leben der Zwillinge aus Kassel, die in der Experimentierphase des Celebrity-Kults die Aufregung sowohl mit Bob Dylan wie mit Bommi Baumann suchten, kam auch in Berührung mit einer anderen Vorbild-Prominenz dieser ambivalenten Epoche: Joe Dallesandro, dem die Parallel-Ausstellung zur Eröffnung der 5. Triennale der Photographie in den Deichtorhallen gewidmet ist. Der war nicht nur der schönste Mann seiner Zeit, sondern eine Brückengestalt der erlebnisreichen Bigotterie, die damals das Klima bestimmte. Als Sexsymbol für Männer wie Frauen und Hauptdarsteller von Andy Warhols Spielfilmen verknüpfte er das Verstörende und Bizarre der New Yorker Subkultur mit einem spießigen Familienleben und der Aura des Superstars.

Dass die mittlerweile traditionsreiche Triennale mit diesem Glamour-Spot ihren einwöchigen Eröffnungsmarathon startet, hat mit dem Thema des Festivals zu tun, aber vermutlich auch mit seinen Problemen. Denn das 1999 gegründete Fotofestival beschäftigt sich diesmal mit der Beziehung von Film und Fotografie, und das mag angesichts der existentiellen Finanzierungssorgen dieser Veranstaltung nicht ohne Kalkül sein. Erlaubt doch die Hollywood-Assoziation einem Branchen-Festival, Zuschauer mit allgemeineren Interessen zu locken.

Dazu erweiterte die Triennale-Chefin Henriette Väth-Hinz das Programm um Kinoabende. Allerdings handelt es sich dabei weniger um Brangelina-Filme als um Dokumentationen von Fotografen. Dilip Mehtas berühmter Film über die verstoßenen indischen Witwen oder Alberto Venzagos intime Beobachtungen des Voodoo-Kults in Benin stehen hier auf dem Programm, dazu Spielfilme, in denen ein Fotograf die Hauptrolle spielt, etwa Antonionis "Blow Up" oder Wayne Wangs Brooklyn-Geschichte mit Harvey Keitel, "Smoke", in der ein Tabakhändler jeden Tag seine Kreuzung fotografiert.

Unter Beteiligung zahlreicher Museen und Galerien entsteht auch in dieser Version der Phototriennale die für Themen-Festivals typische Aspekt-Collage. Ein Langzeitfotoprojekt über die Veränderung von Sotschi durch die Olympia-Vorbereitungen, "Putins Spiele", steht neben einem Projekt über den Kuss, Red-Carpet-Fotografien von Michael Nagle neben einer Talentshow zum Thema "German Angst", und Thorsten Brinkmanns absurde Hausmüll-Installationen neben dem Versuch Jo van den Bergs, Duft zu fotografieren. Die beiden beteiligten Staatsmuseen destillieren aus der Filmvorgabe das Prinzip der Serie und zeigen einmal serielle Porträt-Fotografie des 20. Jahrhunderts (Museum für Kunst und Gewerbe) sowie die Arbeit von Roni Horn (Kunsthalle), die einen besonders spielerischen Umgang mit dem Bildrhythmus pflegt.

Wilde Sammlung könnte man sagen. Aber allemal inspirierender als Glamour heute.

Bis 6. April, die Ausstellungen laufen anschließend weiter, Programm unter www.phototriennale.de

© SZ vom 01.04.2011/kar

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