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Trickfilm:Halb Mensch, halb Robbe

Der zauberhafte irische Trickfilm "Die Melodie des Meeres" setzt auf klassische Zeichenkunst statt auf digitales Pixelgewitter.

"Wo ist Mama?", fragt der kleine Ben furchtsam seinen schwermütigen Vater. Eigentlich hatte er sich auf seine kleine Schwester gefreut. Doch nun ist deren Geburt das schmerzliche Symbol für das Verschwinden der geliebten Mutter und die tiefe Trauer, die seinen Vater nach deren Tod umhüllt. Ben, seine kleine Schwester Saoirse und ihr Vater Conor brauchen in dieser Geschichte also dringend ein Wunder - und weil sie in Irland leben, wird die Magie hier einen düsteren Grundton haben.

Wie bereits in "The Secret of Kells" spiegelt Regisseur Tomm Moore auch in "Die Melodie des Meeres" die ganz realen Nöte der Menschen in den keltischen Mythen seines Landes. Mit sechs Jahren spricht Saoirse noch immer kein Wort und ist auch sonst ein bisschen seltsam - was auch kein Wunder ist, bei einem kleinen Mädchen, das mutterlos mit einem feindseligen älteren Bruder und einem verschlossenen Vater in einem Leuchtturm an der rauen Küste Irlands aufwächst. Das Meer übt einen seltsamen Sog auf es aus, die Robben fordern es zum Spielen auf und der Muschel, die es von seiner Mutter hat, entlockt es sehnsuchtsvolle Sirenengesänge.

Kinostart - Die Melodie des Meeres

Das irische Trickstudio Cartoon Saloon setzt auf traditionelle Zeichenkunst.

(Foto: dpa)

Überhaupt scheinen die Lieder der Mutter die Wirklichkeit immer mehr zu durchsetzen. Sie spiegeln sich in ihr wie ein Orakel, das den Kindern in einer verwirrenden Situation den Weg weist. Parallel zum Alltag wuchert die Welt der Märchen und Fabeln, die Tomm Moore zusammen mit seinem Art Director Adrien Merigeau und Komponist Bruno Coulais in delirierend schöne Bilder und Töne überführt.

Als Gründungsmitglied des irischen Animationsstudios Cartoon Saloon verteidigt Moore die klassische Zeichenkunst gegen die digitalen Pixelgewitter aus Hollywood. Dafür wurde er in diesem Jahr schon zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert.

Jede Szene ist ein vielschichtiges Traumbild, in dem sich grafische Ornamente der keltischen Folklore mit Einflüssen der modernen Kunst verbinden, von Malern wie Klee, Rousseau oder Munch.

Wie im Traum verschieben sich die Perspektiven und klappen in alle Richtungen auf. Immer wieder erscheinen Pflanzen und Bäume wie im Querschnitt, mit wuchernden Wurzel- und Astlocken, welche die Kinder schützend umhüllen. Eines der schönsten Bilder ist eine unterirdische Höhle, in der ein alter Magier den Geschichtenschatz der Menschheit hütet. Jedes seiner langen, grauen Haare steht für eine Geschichte, die sich als Erzählfaden durch die Grottenlandschaft schlängelt.

Aber nicht nur die Fabelwesen, Riesen, Feen und Hexen der keltischen Folklore geistern durch diesen Film, sondern auch der künstlerische Geist des legendären japanischen Zeichentrickregisseurs Hayao Miyazaki, der sich unlängst in den Ruhestand verabschiedet hat und in dessen Zauberwelten die Natur eine ähnlich starke Kraft hat. Wenn es Ben mit der Eulenhexe Macha zu tun bekommt, dann erinnert die Szene ganz konkret an Miyazakis Meisterstück "Chihiros Reise ins Zauberland" aus dem Jahr 2001.

Ben und seine Schwester werden schließlich von ihrer Großmutter nach Dublin geholt. Doch fern des Meeres leidet Saoirse schwer. Wie ihre Mutter entpuppt auch sie sich als Fabelwesen: an Land ein Mensch, im Wasser eine Robbe. Selkie nennen sich diese Wesen, und sie sind in der irischen Fischerkultur eine Allegorie der Trauer um jene Menschen, die das Meer behalten hat.

Song of the Sea , Irland 2014. Regie: Tomm Moore. Buch: Will Collins. Art Direction: Adrien Merigeau. Musik: Bruno Coulais, in Zusammenarbeit mit Kila. Im Original unter anderem mit den Stimmen von Brendan Gleeson und Fionnula Flanagan. Verleih KSM GmbH 93 Minuten.