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Treibsand in Abenteuerfilmen:Als Haferflocken noch für Spannung sorgten

Treibsand rangierte einst als unentbehrliche Zutat in Filmen verschiedener Genres. In ihm versanken sie alle, ob Held oder Schurke. Aber wo ist er bloß hingekommen, dieser einst so gefährliche Morast? Vom Niedergang des Treibsandes in der Kulturindustrie.

Burkhard Müller

Nicht jeder Verlust wird sofort bemerkt, wenn er eintritt. Aber irgendwann stutzt dann doch jemand und stellt fest: Moment, ist euch auch aufgefallen, wie lang wir von diesem oder jenem schon nichts mehr gesehen und gehört haben?

David Niven, oder vielmehr nur noch sein Kopf und ein Arm und ein Bein von ihm, als er in dem Film "Flucht aus dem Dunkel" aus dem Jahr 1962 im Treibsand versinkt.

(Foto: imago stock&people)

So ist es Daniel Engber ergangen, der es im amerikanischen Internet-Magazin Slate als vollzogene Tatsache meldet, dass wir offenbar seit geraumer Zeit in einer kulturellen Welt ohne Treibsand leben. Treibsand, das war einmal eine unentbehrliche Zutat in Abenteuerfilmen verschiedener Genres, und lange schien es, als ließe sich das doch eigentlich absehbare Szenario ungestraft immer frisch verwenden: Dem Helden oder Schurken bietet sich eine trügerisch feste Fläche dar, nichtsahnend tappt er hinein, der Schreck packt ihn, und er hat anschließend schwer zu tun, um je nachdem wieder herauszukommen oder auch nicht. Das war eine spannende Aktion, und billig dazu. Anders als etwa bei explodierenden Hubschraubern brauchte man bloß eine Menge Wasser und Haferflocken mit ein paar Bröckchen Kork obendrauf - fertig war die Todesfalle.

Seinen ersten Leinwand-Auftritt hatte der Treibsand im Jahr 1909, denn er funktionierte auch stumm. In den Dreißigern beginnt die Flut der Treibsand-Filme anzuschwellen, um in den Sechzigern ihren Höhepunkt zu erreichen: In nahezu drei Prozent aller amerikanischen Filme kamen damals Szenen vor, wo irgendwer in geleeartigen Stoffen um sein Leben ringen musste. Angesichts der von Haus aus eher geringen Variierbarkeit des Motivs muss man das als sehr viel bezeichnen. Damals freilich hatte auch Martin Luther King den Traum, die Nation möge sich endlich aus dem Treibsand des Rassenunrechts zum festen Fels der Bruderschaft retten; und es waren sich alle einig, dass Vietnam im Begriff stand, sich zu einem quicksand oder quagmire zu entwickeln. Treibsand, das stand für die Gefahren des kolonisierenden Ausgriffs, der am passiven Widerstand der Kolonisierten zu scheitern droht.

Das Schaubild, das den Artikel begleitet, gleicht einer Düne, deren Kamm nach 1970 steil abfällt. In den Achtzigern kommen Treibsand oder verwandte Substanzen noch in der Unendlichen Geschichte und in den Transformers vor, danach geht der Trend gegen null. Was nur hat ihm den Garaus gemacht?

Verzweifelt winkt eine einzelne Hand

Der Treibsand ist, möchte man sagen, in einen Morast aus vielen Problemen geraten, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Zum einen hat man ihn vielleicht doch zuletzt überstrapaziert, er begann zum ironischen Zitat herabzusinken, das schon von sich aus signalisierte: B-Movie! "Cheesy" sei er geworden, meint der Regisseur einer Fernseh-Dschungelserie, ein Wort, das sich mit "ranzig" oder "klischeehaft" nur unzulänglich übersetzen lässt. Auch schadeten ihm die vielen Schlaumeier, die diesem "nichtnewtonschen Fluid" nachwiesen, dass man darin gar nicht tiefer als bis zur Brust einsinken könne, also der beliebte Effekt der zuletzt noch verzweifelt winkenden einzelnen Hand ein Ding der physikalischen Unmöglichkeit sei.

Zwar führen die USA auch jetzt wieder in fernen Ländern Kriege, die sie nicht gewinnen können; aber diese Länder sind staubtrocken und weisen darum die alte Metapher des tückisch Halbflüssigen ab. Des Weiteren ist es heute politisch nicht mehr tragbar, schöne junge Frauen wie zum Beispiel Anita Ekberg in Schlick einzutunken, um sie dann wieder herauszuziehen. Und nicht vergessen werden sollte schließlich das Aussterben des Sandkastens auf den Spielplätzen Amerikas, der im zunehmend behüteten Leben der Kinder als Relikt des Gestaltlosen Argwohn erregt; 95 Prozent aller Sandkästen in New York sind in den vergangenen Jahren verschwunden. Wo es nicht einmal für die bescheidene Wildnis des Kindersands mehr langt - wie soll dort Treibsand gedeihen?

Was alles nichts daran ändert, dass Treibsand natürlich weiterhin existiert, besonders an den Küsten der südöstlichen und in den Fluss-Canyons der südwestlichen USA. Auch seine Liebhaber findet er noch, die sich heute zur Netzgemeinde zusammenschließen und den bekannten Stellen Noten von 1 bis 10 erteilen, wobei Faktoren wie Tiefe und Viskosität, aber auch die örtliche Parkplatzsituation eine Rolle spielen. Sie stehen im Verdacht, unter dem Vorwand des nostalgischen "Camps" eine besondere Art des Fetischismus auszuleben.

Aber da sollte man nicht generalisieren, teilt sich die Gemeinde doch in Zuschauer und Aktive, englisch lookers und sinkers, und diese wiederum in solche, die es bei Kniehöhe bewenden lassen, und solche, die es lieber bis zur Achselhöhle haben. (Die Fraktion des grim ending sei nur am Rande erwähnt.) Der Treibsand ist zur Nische geworden, aber zu einer vitalen; und aus der heraus könnte er irgendwann wieder den Anschluss zum Mainstream gewinnen.

© SZ vom 14.05.2012/cag/pak/gba

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