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Traummaschine Literatur:Kampf mit der Barbarei

FRANCE-DUMAS-PORTRAIT-BICENTENAIRE

Er erfand "Die drei Musketiere" und den märchenhaften Rachefeldzug des "Grafen von Monte Christo". Er wurde wegen Herkunft und Hautfarbe oft geschmäht: Alexandre Dumas, geboren 1802, gestorben 1870.

(Foto: AFP)

In seinem Roman "Georges" erzählt Alexandre Dumas von Rassismus, Kolonialismus, Sklavenhandel. Das Buch, das erstmals im Jahr 1843 erschien, liegt in einer Neuausgabe vor.

Von Willi Winkler

Der Leser, die Leserin sei gewarnt: "Georges" ist ein durch und durch rassistisches Buch. Es wimmelt nur so von "Negern" und "Mulatten", sie sind im Zweifel dumm und gemein und auch noch dem Branntwein zugetan, "diesem ewigen Gift der schwarzen Rasse", das sie völlig willenlos und kampfunfähig macht, weil "dem kein Neger widerstehen kann und für das er seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter und oft sich selbst verkauft".

In diesem Roman geht es auch ums Verkaufen, deshalb wird der Wert eines Menschen gnadenlos verhandelt, denn er ist hier abhängig von der Hautfarbe. Die Rangordnung in absteigender Folge: Weißer - Mulatte - Schwarzer. Die aus Frankreich stammende weiße Familie Malmédie kann sich auf nichts anderes stützen als auf ihr Weißsein, die "Aristokratie der Farbe". Ort der Handlung ist die Insel Mauritius, die Anfang des 19. Jahrhunderts noch den Franzosen gehört und Isle de France heißt. Bald werden die Engländer die "schöne Perle des Ozeans" erobern. Zur Verteidigung der Insel meldet sich der reiche Pflanzer Pierre Munier, "an Körperkraft, an Charakter, an Reichtum diesem Franzosen dreifach überlegen", doch der Wehrbeitrag des "Mulatten" wird vom Kommandeur Malmédie abgelehnt, die den Briten entrissene Fahne wird schlicht requiriert. Munier lässt sich von Vater und Sohn Malmédie demütigen, weil er es "sein Leben lang gewohnt war, die Weißen als höhere Wesen zu betrachten".

Alexandre Dumas, der Erfinder der "Drei Musketiere", das Genie, dem der "Graf von Monte Christo" mitsamt seinem märchenhaften Rachefeldzug zu verdanken ist, hat es 1843 gewagt, seinen lieben Landsleuten die Geschichte eines Mannes aufzutischen, der wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird und der sich dafür an der weißen Herrenrasse rächt.

Aus der Privatfehde wird eine "Kriegerklärung an alle Weißen"

1843, das war zwar, nur zur Erinnerung, bereits etliche Jahre nach der Verkündung der Menschenrechte (1789) und der Abschaffung der Sklaverei (1794) in Frankreich, doch hatte Napoleon das Verbot wieder aufgehoben und ausdrücklich bekräftigt, dass der Code Noir aus dem Jahr 1685 weiter zu gelten habe. Der verfügte unter anderem, dass einem Sklaven, der entfloh und erst nach einem Monat wieder eingefangen wurde, die Ohren abzuschneiden waren. Floh er wieder, ging es an die Achillessehne, beim dritten Mal wurde er hingerichtet. Während John Locke und Immanuel Kant schrieben, galten Sklaven nicht nur als Arbeitsmaterial, sondern als Hab und Gut, ein bezifferbares und deshalb kostbares Eigentum. Als Großbritannien die Sklaverei 1833 abschaffte, beschloss die Regierung, die britischen Sklavenhalter schadlos zu halten. Es wurde deshalb ein Kredit von 20 Millionen Pfund aufgenommen (vierzig Prozent des damaligen Staatshaushalts und nach heutiger Kaufkraft 300 Milliarden Pfund), der mit der letzten Rate erst 2015 getilgt war - vor fünf Jahren.

Diese und weitere Erläuterungen bietet diese nur mit Trompetenschall und Posaunenjubel zu preisende Neuausgabe von "Georges". Die Wiederentdeckung ist ein Dokument, das durch die kaum aufgefrischte deutsche Übersetzung von 1890 in ihrer Wortwahl sogar besonders authentisch wirkt. Die Lesefreude kommt dabei nicht zu kurz, der Roman schwelgt in Beschreibungen, mit denen zuletzt Karl May durchkam, wenn es etwa von einem Mann heißt, "die Natur" habe ihm "ein so unbedeutendes Gesicht gegeben, dass es schien, als könne keine Erregung demselben irgendeinen charakteristischen Ausdruck verleihen". Die Schwarzen haben eine "kupferne Haut" und tragen, auch nicht besonders überraschend, "wolliges Haupthaar". Es gibt das übliche unverhoffte Wiedersehen, eine süße Liebesgeschichte und die Rettung in letzter Minute, aber das Schönste ist: der Gute, das Gute siegt so gründlich, wie es nur im Kolportageroman möglich ist. Deshalb fehlt es auch nicht an üblen Schurken und exotischen Abenteuern, an feurigen Arabern und meteorologischen Unbillen, und am Ende wartet zeitgemäß das Schafott.

Kaum zu glauben, dass das vor beinahe 180 Jahren geschrieben wurde

Der hoffnungs- und mutlose Munier schickt nach seiner Schmach seine beiden minderjährigen Söhne fort von der Insel, auf der sie nichts werden können. Der eine, Jacques, wird mit seinem Schiff Sklavenhandel treiben, der andere, Georges, bildet sich in Europa zum Gentleman fort, erlernt allerlei Sprachen und feine Umgangsformen und erwirbt jenen unermesslichen Reichtum, ohne den er - es geht wie gesagt um Geld - seine aufgesparte Rache nicht üben kann.

In bester Wunscherfüllungsfantasie, wie sie nur die Traummaschine Literatur bietet, kehrt Georges nach vierzehn Jahren auf die Insel zurück. Anders als im "Monte Christo" ist das für Georges ein idealistisches Unternehmen: "Ich habe ein Vorurteil zu bekämpfen. Entweder muss das Vorurteil mich zerschmettern oder ich muss es töten." Oder noch hochgestimmter: "Sein Kampf mit der Zivilisation war zu Ende, sein Kampf mit der Barbarei sollte beginnen." Aus der Privatfehde wird eine "Kriegerklärung an alle Weißen", etwas, was den armen Schwarzen in "Onkel Toms Hütte" nie in den Sinn gekommen wäre. "Georges" ist also offensichtlich mehr als Kolportage, sondern ein frühes, vergessenes Pamphlet gegen Rassismus und Sklaverei, von einem Autor, der wusste, wovon er schrieb, weil auch er, so muss es wohl heißen, seine Haut zu Markte trug. Nach der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts war Alexandre Dumas selbst ein Mulatte: Sein Vater Thomas-Alexandre wurde 1762 auf Haiti als Sohn eines französischen Adeligen und einer schwarzen Sklavin geboren, deren Nachname Dumas er in die Familie brachte. Thomas-Alexandre Dumas stieg in der Revolution zum General auf, durfte also in den Kampf, von dem Munier wegen seiner Hautfarbe ausgeschlossen blieb. Während der deutschen Besatzung beseitigten rassistische französische Kollaborateure sein Denkmal, für dessen Errichtung sich sogar Anatole France eingesetzt hatte. Der eifersüchtige Balzac bezeichnete den Sohn, den Schriftsteller Dumas, als "dieser Neger"; in den zeitgenössischen Karikaturen wurde er gern mit wulstigen Lippen dargestellt.

Georges ringt sich bei Dumas, kaum zu glauben, dass das vor beinah 180 Jahren geschrieben wurde, zu einem politischen Bewusstsein durch und führt als "Mulatte" zusammen mit den "Negern" den Feldzug gegen die dummen und eingebildeten Weißen, als wäre er bereits bei den Black Panthers. Bei Dumas ist es nur viel ergreifender, wenn der unendlich edle Georges "Meine Herren Weißen" anspricht und ihnen versichert: "Sie haben Eile, mich sterben zu sehen. Das begreife ich, vielleicht brauchen Sie eine Lektion in Tapferkeit. Ich werde sie Ihnen geben."

Alexandre Dumas: Georges. Deutsch von Friedrich Ramhorst. Neu herausgegeben von Peter Hillebrand. Comino Verlag, Berlin 2020. 224 Seiten, 9,90 Euro.

© SZ vom 15.10.2020
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