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Trauerfeier für Siegfried Lenz:Abschied von "Siggi"

Trauerfeier für Siegfried Lenz

Mit ihren Ehefrauen hätten "Siggi" und er über Gott und die Welt, El Greco, Händel, Moral oder Politik gesprochen, erzählt Helmut Schmidt in seiner Trauerrede.

(Foto: dpa)

Bei der Trauerfeier für den Schriftsteller Siegfried Lenz hält sein enger Freund Helmut Schmidt die bewegendste Rede. Er nannte Lenz einen "Mann ohne erkennbare Schwächen" und einen "Ombudsmann des menschlichen Anstands".

Es war Helmut Schmidt, der den wirklich bewegenden Moment bei der Trauerfeier für Siegfried Lenz im Hamburger Michel schuf, als er am Ende seiner Rede mit zitternder Stimme sagte: "Für mich war er ein Mann ohne erkennbare Schwächen. Ich werde ihn sehr vermissen."

Ohnehin war es der einst so kühl auftretende Schmidt, der dem öffentlichen Abschied in der vollbesetzten Kirche St. Michaelis seine emotionale und nicht nur staatstragende Seele verlieh. Er erzählte von der 30-jährigen engen Freundschaft mit Lenz, wie sie zu zweit oder mit ihren Frauen Loki und Liselotte in Hunderten Varianten des Beisammenseins über Gott und die Welt, El Greco, Händel, Moral oder Politik gesprochen hätten - und wie dann 2006 erst "Lilo", 2010 Loki und jetzt "Siggi" gestorben seien. Direkter kann Trauer nicht vermittelt werden als in einem solchen Moment tiefer Einsamkeit unter Hunderten Ehrengästen.

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Er war Soldat im Zweiten Weltkrieg, wollte danach Lehrer werden und ist spätestens seit der "Deutschstunde" einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Nun ist Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren gestorben.

Es war aber ebenfalls Helmut Schmidt, der sich einer wohlüberlegten Spitze gegen das christliche Zeremoniell in Hamburgs schöner Hauptkirche nicht enthalten konnte. Michel-Pastor Alexander Röder hatte einleitend von "wir Christen" gesprochen und eine nicht ganz passende Bibelstelle zum Zentrum seiner Rede gemacht: ein Gleichnis über fünf Zentner Silber, deren selbstlose Vermehrung durch uns "Knechte" mit der freudigen Einkehr beim Herrn belohnt werde.

Dieser Eingemeindung von Lenz ins Christliche musste Schmidt im Geiste der Aufrichtigkeit, die er als Kern ihrer Freundschaft beschrieb, widersprechen: Er und "Siggi", wie er Lenz konsequent nannte, seien sich immer darüber im Klaren gewesen, dass sie "keinen metaphysischen Trost erhoffen dürfen, der uns über die Vergänglichkeit hinweghelfen könne".

Keine andere Rede reichte an diese Mischung aus tiefer Betroffenheit und Reserve gegen falsche Trostworte heran. Teils, weil die politischen Redner ihre Kenntnis von Siegfried Lenz vor allem Redenschreibern verdankten, wie es bei Olaf Scholz und Torsten Albig den Anschein hatte, den Landeschefs von Lenz' langjährigen Wahlheimatorten. Im Falle des Familienfreunds Karl-Heinz Ott, der die letzte Rede hielt, aber eher, weil der Schriftsteller zu sehr um einen neuerlichen Nachruf bemüht war und nur zum Schluss persönliche Nähe spüren ließ.

Aus all der geäußerten Zuneigung entstand noch einmal das Bild eines außergewöhnlichen Menschen, dessen schönste Wesenszüge laut Schmidt "Einfühlungsvermögen, Freundlichkeit und Bescheidenheit" waren. Oder wie Schmidt es in einem weiteren bewegenden Satz über die große Integrität seines Freundes sagte: "Für Loki und mich war Siggi immer der Ombudsmann des menschlichen Anstands."